Scheeschmelze

Brandenburg kämpft gegen die Wassermassen

Nach dem Binnenhochwasser greift nun die große Schneeschmelze die bauliche und nervliche Substanz der betroffenen Anwohner in Brandenburg an. Pumpen sind nur eine Notlösung.

Wenn Axel Scharpe aus dem Fenster seines Wohnhauses in Manschnow (Märkisch-Oderland) schaut, hat er das Gefühl, auf einer Insel zu leben. Das um 1900 erbaute Bauernhäuschen ist von Wassermassen eingeschlossen. Der Garten ist nur noch zu erahnen, Schaukel und Rutsche auf dem Hof sind für die beiden Kinder der Familie unerreichbar geworden. Ein Schlauch schlängelt sich aus dem Haus kurz vor die Stallgebäude. Er befördert weiteres Nass ins Freie.

Denn längst hat sich das Wasser auch im Keller von Familie Scharpe breitgemacht. „Seit August habe ich unfreiwillig einen Innen-Swimmingpool“, erzählt der 42-Jährige mit einem Anflug von Galgenhumor. Eine Pumpe sorgt dafür, dass das Wasser nicht höher als 30, 40 Zentimeter steigt. „Sonst kriecht es mir in die Elektrik, und der Warmwasseraufbereiter ist hin“, erläutert Scharpe. Setzte sich die Pumpe bisher nur zeitweilig automatisch in Betrieb, so läuft sie seit dem seit Tagen anhaltenden Tauwetter unaufhörlich. „Hauptsache, die Zufahrt zu meinem Gehöft bleibt passierbar. Sonst weiß ich nicht mehr, was ich machen soll.“

So wie ihm geht es vielen Bewohnern des Oderbruchs. Seit dem Sommer müssen sie mit den Auswirkungen eines Binnenhochwassers leben, gegen Wassermassen kämpfen und dabei zusehen, wie die Nässe an die nervliche und bauliche Substanz geht. Die schmelzenden Schneemassen sorgen für noch mehr Probleme. „Die Häuser nehmen logischerweise Schaden, wenn das Wasser so lange im Keller steht. Wir saufen hier gnadenlos ab“, sagt Hans-Adolf Fakler aus Golzow und weist auf die Wand hinter seiner Wohnzimmer-Sofaecke. Risse ziehen sich horizontal durch das Mauerwerk und werden immer länger. Hoffnung, dass sich an der nassen Lage der Oderbrücher kurzfristig etwas ändern wird, hat inzwischen kaum noch einer der Betroffenen. Denn die Pumpen sind nur Notlösungen, den Wasserspiegel senken sie nicht wirklich, da immer wieder Feuchtigkeit nachläuft. Zwar hat das Land Brandenburg inzwischen 13 Millionen Euro bereit gestellt, um bis zum Jahr 2013 sogenannte Vorfluter wie die Alte Oder auszubaggern und zu sanieren, damit die Entwässerung des größten eingedeichten Flusspolders Deutschlands wieder funktioniert. Wer in der Region lebt und den Zustand der Gräben kennt, weiß aber, dass es sehr aufwendig ist, die jahrelang vernachlässigten und verschlammten Gewässer auf Vordermann zu bringen.

„So was geht nicht von heute auf morgen. Es sei denn, wir werden zum Katastrophengebiet erklärt, und die Bundeswehr kommt wie 1997 mit großer Personalstärke und moderner Technik – bevor wir hier gänzlich untergehen“, sagt der Schornsteinfegermeister. Dass die Überschwemmungskatastrophe täglich droht, ist den Anwohnern durchaus bewusst. „Wir schauen jeden Tag im Internet nach den Pegelständen“, erzählt Landwirt Bernhard Katzwinkel aus Gorgast.

„Ich lasse Haus und Hof nicht allein“

Ein paar unersetzbare Sachen wie Fotoalben und wichtige Papiere habe seine Frau schon auf den Boden gebracht. Dort stehe auch das betankte Notstromaggregat bereit. Evakuieren lassen will sich der Familienvater aus Manschnow allerdings nicht. „Ich lasse Haus und Hof nicht allein, kann hier bestimmt nützlicher sein als anderswo“, glaubt er. Im „Hinterstübchen“ stelle er allerdings schon Überlegungen an, bei welchen Bekannten er seine Familie zeitweilig unterbringen könnte, gibt er zu. „Wenn das Hochwasser kommt, dann steht es bei uns 6 oder 7 Meter hoch. Wir habe zwar nagelneue Deiche, aber die sind leider total durchweicht.“ Und das sei längst nicht das Ende der Fahnenstange. „Im polnischen Odereinzugsgebiet liegt massig Schnee, teilweise drei Meter hoch“, erzählt Ehefrau Monika, die dort Verwandtschaft hat. „Wenn das alles schmilzt, wird es für uns gefährlich.“

Doch schon ohne, dass die Oder die Deiche überwindet, sieht es in dem Landstrich inzwischen verheerend aus. Teilweise ragen nur noch Straßen aus den Wassermassen. Bis zum Horizont ist ansonsten kein Land mehr zu sehen. 20 Prozent der Saat konnte Katzwinkel aufgrund der Nässe nicht in den Boden bringen, 40 Hektar nicht bestellen. „Auf einem Drittel meiner Äcker habe ich im Wasser geerntet, einfach die Ähren oben abgeschnitten. Die Nässe ist in die Motoren meiner Maschinen gelaufen, ich habe hohe Reparaturkosten.“ Vor April sei an normale Feldarbeit überhaupt nicht zu denken sei – vorausgesetzt, das Wasser ist dann weg.