Prozessauftakt

Mitglied der "Schlapphut-Bande" von Komplizen verraten

Im Jahr 2004 soll der 37 Jahre alte Tomasz K. in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt mit Komplizen drei Sparkassen sowie einen Geldtransporter überfallen haben. Jetzt steht das mutmaßliche Mitglied der berüchtigten "Schlapphut-Bande" vor dem Landgericht Neuruppin.

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Seit Freitag muss sich ein mutmaßliches Mitglied der „Schlapphut-Bande“ wegen mehrerer Raubüberfälle vor dem Neuruppiner Landgericht verantworten. Dem 37-jährigen Polen Tomasz K. wird von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, im Jahr 2004 in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt gemeinsam mit drei weiteren Mittätern vier Banken und einen Geldtransporter überfallen zu haben.

Nach Angaben einer Gerichtssprecherin wurde zu Beginn der Verhandlung die Anklageschrift verlesen. Die Beweisaufnahme werde erst kommende Woche beginnen. K. nahm den Prozessauftakt regungslos hin. In fließendem Deutsch berichtete er, dass er mehrere Jahre als Reinigungskraft in Berlin gearbeitet habe. Im Jahr 2005 sei er zurück nach Polen, um sich als Autohändler selbstständig zu machen.

Zum ersten Mal soll K. im März 2004 in Eiche (Barnim) bei einem Raubzug der Bande mit von der Partie gewesen sein. Vor einem Einkaufscenter habe sie einen Geldtransporter mit Waffengewalt abgefangen. Da eine Farbbombe in dem erbeuteten Geldkoffer mit den Tageseinnahmen explodierte, konnten die Räuber jedoch nur etwa 3500 Euro Wechselgeld mitnehmen. Rund 128.000 Euro soll der Angeklagte gemeinsam mit einem Mittäter bei einem Überfall auf Geldinstitute in Schildau und Torgau (Sachsen) erbeutet haben. Einen weiteren Bankraub verübte der 37-Jährige laut Anklage in Rottleberode (Harz). Dort ließen die Täter den Ermittlungen zufolge 117.000 Euro mitgehen.

Meist überfallene Sparkassenfiliale in Freyenstein

K. soll auch an einem missglückten Bankraub auf Deutschlands meist überfallene Sparkassenfiliale in Freyenstein (Ostprignitz-Ruppin) beteiligt gewesen sein. Sie wurde von 1990 bis 2006 insgesamt neunmal ausgeraubt. Wegen ihrer ländlichen Lage, 16 Kilometer westlich von Wittstock (direkt an der Landesgrenze von Mecklenburg-Vorpommern), und ihrer Nähe zu den Autobahnen A19 und 24 war diese bei Kriminellen sehr beliebt. Seit der Veränderung des Sicherheitskonzepts Mitte 2006 (Bargeld wird nur noch an einem Automaten abgegeben) hat sich kein Überfall mehr in Freyenstein ereignet.

Gleich zweimal soll dort die "Schlapphut-Bande" ihr Glück probiert haben. Das erste Mal habe K. per Vorschlaghammer am 6. April 2004 versucht haben, die Eingangstür der Filiale zu öffnen. Als dies nicht gelang, startete das Quartett auf darauffolgenden Tag einen weiteren Versuch. Da ihre ersten Bemühungen jedoch von der Polizei nicht unbemerkt blieben, fiel der weiße VW-Transporter der Bande am 7. April 2004 einer Streife sofort auf. Nach einer wilden Verfolgungsjagd stoppten die Gangster den Streifenwagen mit Waffengewalt. Es gelang den Räubern mit Maschinenpistolen im Anschlag, die Polizisten zu entwaffnen. Anschließend zerschossen sie die Reifen des Polizeiwagens. Mit den Dienstpistolen der Beamten flüchtete die Bande dann.

Zwischen 2002 und 2005 soll die „Schlapphut-Bande“ in unterschiedlicher Besetzung 52 Banken in ganz Deutschland ausgeraubt haben. Dabei erbeuteten die Gangster insgesamt 3,6 Millionen Euro. Ihren Namen hat die Bande wegen der als Maskierung getragenen breitkrempigen Hüte. Mehrere Mitglieder wurden bereits verurteilt. Zuletzt erhielt ein 38-jähriger Pole, der als Chef-Logistiker der Bande eingestuft wurde, im August 2009 zwölfeinhalb Jahre Haft. Das Urteil des Landgerichts Göttingen ist noch nicht rechtskräftig, weil der Angeklagte in Revision ging.

Komplizen haben Tomasz K. verraten

Wie Matthias Schöneburg, Verteidiger von Tomasz K., mitteilte, haben die bereits vom Landgericht Potsdam verurteilten Bandenmitglieder Andreas K. und Andreas R. den 37-jährigen Polen als Mittäter verraten.

Der Autoverkäufer wurde Ende 2008 in Polen verhaftet und ist anschließend nach Deutschland ausgeliefert worden. Ihn erwartet im Falle seiner Verurteilung bis zu 15 Jahre Gefängnis. Außerdem prüft das Gericht anschließende Sicherungsverwahrung. Sie kann immer dann verhängt werden, wenn es gilt, die Allgemeinheit vor gefährlichen Kriminellen zu schützen. Ein Straftäter, gegen den Sicherungsverwahrung angeordnet wurde, verbleibt auch nach Verbüßung seiner von einem Gericht verhängten Freiheitsstrafe in Haft, sofern seine Gefährlichkeit nach Auffassung des Gerichts und entsprechender Gutachter noch fortbesteht.

Für den Prozess sind zunächst insgesamt neun Verhandlungstage angesetzt, er wird kommende Woche fortgesetzt.