Freie Heide

Bombodrom-Protest geht mit Jubelfeier zu Ende

Freudenfest nach 17 Jahren erbittertem Kampf: Rund 2000 Menschen haben am Sonntag in Nordbrandenburg den Verzicht der Bundeswehr auf das Bombodrom gefeiert - unter ihnen auch Ministerpräsident Platzeck. Er tanzte mit den Demonstranten einen Sirtaki.

Foto: ddp / ddp/DDP

Stoßstange an Stoßstange schlängelt sich um die Mittagszeit eine Autokarawane von Wittstock im Landkreis Ostprignitz-Ruppin aus in Richtung Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Es ist Urlaubszeit. Es scheint, die Reisenden ziehe es an diesem Sonntag zum Baden an die Müritz oder zum Radwandern durch die malerische Umgebung.

Doch aus vielen Autofenstern wehen Fahnen und Spruchbänder im Sommerwind. Auf ihnen steht geschrieben: "Bye-bye Bombodrom" oder "Die Heide ist frei".

Der Autokonvoi ist auf dem Weg nach Sewekow. Dort soll das Aus für den Luft-Boden-Schießplatz gefeiert werden. Sonnenüberstrahlt taucht der Ort am Horizont auf. Ordner winken die Fahrzeuge auf eine Wiese. "Die Ortsdurchfahrt ist gesperrt. Bitte parken Sie hier und laufen Sie die 500 Meter zur Kirche zu Fuß." Alle folgen anstandslos. Nur drei schwarze Limousinen mit Potsdamer Kennzeichen werden durchgewinkt. "Das ist Ministerpräsident Platzeck", erklärt der Ordner. Das geht klar, und die Fußgänger spenden tosenden Applaus.

"Das ist ganz toll, dass Herr Platzeck zur Jubelfeier kommt", sagt Sewekows Ortsvorsteher Dieter Funkel. Mehr als 2000 Menschen tummeln sich um die kleine Dorfkirche, dicht gedrängt finden drinnen 200 Platz. Lautsprecher übertragen den Festgottesdienst nach draußen.

"Die Heide ist frei!", sagt Benedikt Schirge, Sprecher der Bürgerinitiative Freie Heide. "Das war seit 1992 unsere Vision, und jetzt ist sie Wirklichkeit geworden", so der Pfarrer weiter. Applaus schallt aus dem Gotteshaus. "So hat noch nie eine unserer Veranstaltungen begonnen", sagt Schirge den Tränen nah. Anschließend verlässt er gemeinsam mit Ministerpräsident Platzeck und Pfarrer Schirge die Kirche. Zusammen mit den 2000, die mitfeiern, ziehen sie an den Ortsrand. Der Ministerpräsident überklebt ein Anti-Bombodromschild mit einem gelben Aufkleber. Aufschrift: "Die Heide ist frei!". Wieder heftiger Applaus.

"Der längste Protestmarsch Deutschlands"

17 Jahre lang haben die Menschen aus der Region dafür gekämpft, dass die Bundeswehr den Verzicht auf das 14000 Hektar große Areal erklärt. Am vergangenen Donnerstag verkündete Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU), dass die Bundeswehr ihre Pläne aufgibt, die Kyritz-Ruppiner Heide zum größten Luft-Boden-Schießplatz in Europa zu machen.

"Der längste Protestmarsch Deutschlands geht heute zu Ende", verkündet Platzeck in Sewekow. Die Bürgerinitiativen Freier Himmel und Freie Heide hätten geschafft, was niemand für möglich gehalten habe. "Die Menschen hier haben gewusst: Demokratie ist kein Zustand, sondern eine Aufgabe." Platzeck verweist darauf, dass nun der Bestand von 15000 Arbeitsplätzen in der Region gesichert sei. "Es gibt hier endlich Planungssicherheit für die Zukunft", so der Ministerpräsident.

"Ich bin mir sicher, dass der 9. Juli 2009 sich in das Gedächtnis der Menschen einprägen wird, genauso wie der 9. November 1989, als die Mauer fiel. Endlich haben die Menschen hier ihre freie Heide und ihren freien Himmel wieder", sagt Platzeck.

Danach brechen alle Dämme. Platzeck tanzt mit den 2000 Demonstranten einen Sirtaki. An seiner Seite Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Henry Tesch (CDU). "Das war ein Riesenspaß. Die Allianz mit Brandenburg setzen wir fort. Wir sind eine Region und ziehen weiter an einem Strang", so Tesch.

"Ein toller Tag. So habe ich mir das immer erträumt", freut sich Schirge. "Ich kann das alles immer noch nicht glauben." Was jetzt aus der Heide wird, hat Zeit. "Wir haben so lange gekämpft. Schnelle Rezepte haben wir nicht, und darauf kommt es gar nicht an, denn: Die Heide ist frei!"

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.