Tödliche Polizeischüsse

Schönfließ - Gutachter bestätigt Notwehr-Aussage

Im Prozess um die tödlichen Schüsse eines Berliner Polizisten auf einen gesuchten Straftäter hat jetzt ein Gutachter ausgesagt. Er ist überzeugt, dass der Kleinkriminelle den Beamten überfahren wollte und dieser in Notwehr handelte. Mehrere Augenzeugen hatten diesem Tathergang widersprochen. Auch die Staatsanwaltschaft zweifelt.

Die tödlichen Schüsse eines Berliner Polizisten auf den Kleinkriminellen Dennis J. sollen nach Meinung eines Kfz- Sachverständigen aus Notwehr abgefeuert worden sein. Der Gutachter stützte damit am Donnerstag im Landgericht Neuruppin die Aussagen der angeklagten Polizisten und widersprach Zeugenaussagen von Nachbarn im brandenburgischen Schönfließ.

Nachdem die Polizisten den gesuchten 26-Jährigen am Silvesterabend 2008 in einem Wagen der Marke Jaguar gestellt hätten, sei der Mann losgefahren und habe beim Vor- und Zurücksetzen einen der Polizisten gestreift, so dass dieser stürzte, sagte der Gutachter. Dann erst habe der Hauptangeklagte geschossen und den jungen Mann tödlich getroffen.

Die Nebenkläger, die Verwandte des Erschossenen vertreten, stellten einen Befangenheitsantrag gegen den Gutachter, weil er bereits für die Verteidigung der Polizisten gearbeitet habe. Das Gericht lehnte den Antrag ab. Ein Polizist ist wegen Totschlags angeklagt, weil er den 26-Jährigen erschoss. Zwei weitere Polizisten sind wegen versuchter Strafvereitelung angeklagt. Sie sollen ihren Kollegen mit falschen Aussagen geschützt haben.

Der Sachverständige stützt sich besonders auf Glassplitter von der durchschossenen Seitenscheibe des Autos. Der Fundort dieser Splitter lasse keine andere Möglichkeit des Ablaufes zu, sagte er. „Die Tatortspuren machen in ihrer Gesamtheit sonst keinen Sinn. Es kann nicht anders gewesen sein.“

Die Splitter hätten zwar an der Stelle gelegen, wo anfangs das parkende Auto stand. Aber sie hätten sich dort erst durch den Aufprall des Autos auf einen Wintergarten aus der kaputten Scheibe gelöst. Hätte der Polizist an dieser Stelle auf das noch stehende Auto geschossen, wie es die Anklage behauptet, hätten die Splitter auf der anderen Straßenseite an der Stelle des nächsten Aufpralls gelegen. Der Schuss sei also an einer anderen Stelle abgefeuert worden, zu der sich das Auto schon hinbewegt habe.

Jugendliche widersprechen Gutachten

Die Nebenkläger kritisierten die Aussage des Sachverständigen als „Spekulationserguss“. Auch Staatsanwaltschaft und Gericht meldeten Bedenken an. Mehrere Jugendliche hatten vor einer Woche als Zeugen gesagt, sie hätten gesehen, wie der Polizist schoss, als das Auto noch mit abgeschaltetem Motor stand. Erst nach dem ersten Schuss sei der Wagen losgefahren.

Die Anklage wirft dem Hauptangeklagten vor, er habe durch die Seitenscheibe des stehenden Autos geschossen. Die Kugel blieb in der Lunge des Fahrers stecken. Der Schwerverletzte, der unter Einfluss von Kokain stand, soll den Motor erst dann gestartet haben, vor- und zurückgesetzt und dann parkende Autos gerammt haben. Der Polizist feuerte noch siebenmal und traf mehrfach den Jaguar. Der Angeschossene verblutete am Steuer.

Ein Verteidiger des Polizisten las am ersten Verhandlungstag Anfang Mai eine Erklärung vor, in der der Angeklagte argumentierte, es habe „eine gewaltige Gefahr für Leib und Leben für meine Kollegen und mich“ bestanden. Der Autodieb habe versucht, ihn und seine Kollegen zu überfahren. Der Prozess wird am 10. Juni weitergeführt. Das Urteil soll noch vor der Sommerpause gesprochen werden.