Bevölkerungsaustausch

Kleinmachnow - eine Gemeinde im Wandel

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Michael Klug

Nirgendwo in Ostdeutschland waren so viele Häuser mit Rückübertragungsansprüchen von Alteigentümern belastet wie in Kleinmachnow. Das blieb nach der Wende nicht ohne Folgen. Von einst 12.000 sind im Laufe des vergangenen Jahrzehnts mehr als 10.000 Menschen weggezogen.

Es war ein Foto, das Kleinmachnow 1991 bundesweit bekannt und zum Symbol für den "wilden und gesetzlosen Osten" machte. Ein Mann steht im Feinripp-Unterhemd im Garten eines Einfamilienhauses. Vor dem Körper hält er ein russisches Maschinengewehr vom Typ Kalaschnikow. Es ging um den Widerstand der Kleinmachnower gegen "Wessis", die ihre Grundstücke in dem Villenort zurück haben wollten.

Der Wahrheit habe das keineswegs entsprochen, sagt Jürgen Lassotta heute. "Sicher waren die Leute damals aufgebracht. Aber solche Sachen wie das Maschinengewehr kann ich mir nicht vorstellen", sagt der Stahnsdorfer Rentner, der in dem Artikel als wütender Ossi zitiert wurde. Er erklärt sich den Artikel vielmehr mit der Stimmung, die damals geschürt werden sollte. "Wissen Sie, das hat doch damals prima gepasst: Ossis und Wessis stehen auf Kriegsfuß. So ist es ja dann auch gekommen, nicht nur in Kleinmachnow", sagt Lassotta.

Kampf um die Grundstücke

Wie hart es im Grenzland zwischen Kleinmachnow und dem West-Berliner Villenviertel Zehlendorf tatsächlich zur Sache ging, hat der Fotograf Bernd Blumrich erlebt. "Da kamen West-Berliner, rissen die Gartentore auf und stellten sich mit ihren Wohnwagen auf die Grundstücke", erinnert sich Blumrich. Und die Ostler waren alles andere als zimperlich. "Fairerweise muss man sagen, dass die Ossis Autos zerkratzt und Reifen zerstochen haben", sagt Blumrich, der die Wendezeiten in Kleinmachnow fotografisch dokumentiert hat.

Hintergrund für die ruppigen Auseinandersetzungen war der Kampf um Grundstücke. Nirgendwo in Ostdeutschland waren so viele Häuser mit Rückübertragungsansprüchen von Alteigentümern belastet wie in Kleinmachnow. Fast zwei Drittel der fast 3000 Familienhäuser und Stadtvillen gehörten Menschen, die in den Westen geflohen waren. "Nach der Wende klagten die auf Rückgabe. Und höchstrichterlich wurde auf Rückgabe vor Entschädigung entschieden", sagt Harry Hertig, der 1991 einen Bürgerverein für betroffene Bewohner gründete. "Als es zum Auszug kam, gab es natürlich Tränen. Für viele ist dadurch die komplette Familien- und Lebensplanung über den Haufen geworfen worden", sagt Hertig.

Er selbst wohnte damals mit seiner Frau und seiner Tochter in einem Zweifamilienhaus mit großem Garten in der noblen Mehdornstraße. 30 Jahre lang hatte er das Haus in Schuss gehalten, das Dach repariert und den Garten gepflegt. "Ein Idiot, wie ich bin, hab ich 1991 noch eine Ölheizung eingebaut." Als der im Einigungsvertrag verankerte Kündigungsschutz in Ostdeutschland im Jahr 1995 auslief, musste Hertig einem Eigentümer aus Baden-Württemberg weichen.

Villen als Spekulationsobjekt

Doch die wenigsten Alteigentümer zogen 1996 tatsächlich in ihre Häuser in Kleinmachnow ein. "Viele waren gut situiert, und es bestand häufig keinerlei Notwendigkeit, die Immobilien selbst zu nutzen", berichtet Fotograf Blumrich. Vielmehr konnte man mit den Häusern und Villen nahe der Hauptstadt und in unmittelbarer Nachbarschaft zum West-Berliner Nobelbezirk Zehlendorf Höchstpreise erzielen. "Da wurde natürlich angefangen zu spekulieren. In Berlin hingen plötzlich riesige Plakate, auf denen Makler mit dem Ankauf der Ansprüche warben", sagt Blumrich.

Diese Rechnung ging zunächst aber nur selten auf, und viele Häuser standen noch Jahre nach dem Auszug der Altbewohner leer. Während die Häuser zeitweise verfielen, zogen Betroffene wie Hertig in eine Neubausiedlung am Ortsrand. Dort hatte die Gemeinde aus einem Landschaftsschutzgebiet am Teltowkanal ein Baugebiet herausgelöst. Zum günstigen Preis von 240 Mark pro Quadratmeter stellte man den gekündigten Kleinmachnowern Eigentum zur Verfügung. Für jene, die sich kein eigenes Haus leisten konnten, baute die Gemeinde zudem rund 100 Mietwohnungen in dem Wohngebiet am Stolper Weg, das schnell den Spitznamen Vertriebenenstadt erhielt. Aus heutiger Sicht sei das die beste Lösung gewesen, sagt Hertig. "Es gab ja keine andere Wahl. Und die Leute sind hier wegen der Rückübertragungssache zusammengewachsen", unterstreicht Hertig.

10.000 Menschen zogen weg

Ein Großteil der Alt-Kleinmachnower lebt allerdings heute nicht mehr im Ort. Von einst 12.000 sind im Laufe des vergangenen Jahrzehnts mehr als 10.000 Menschen weggezogen. Die Gemeinde erlebte im Anschluss einen Bevölkerungsaustausch und wuchs zu einem 20.000-Einwohner-Ort heran. "Kleinmachnow besteht heute aus einer Mischung von Leuten aus der ganzen Bundesrepublik. Viele davon sind Rechtsanwälte und Ärzte, die sich die Preise hier leisten konnten", sagt Fotograf Blumrich über die heutigen Bewohner der sanierten Stadtvillen und modernen Neubauten. Und er kann dem überwiegend positive Seiten abringen. "Kleinmachnow war seit den 20er-Jahren eine Stadt, in der gute Architekten sich ausprobiert haben. Es ist schön, durch Kleinmachnow zu laufen und heute diese Pracht wieder zu sehen", sagt Blumrich.