DDR-Geschichte

Für Platzeck ist IM-Tätigkeit nicht gleich IM-Tätigkeit

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) ist überzeugt, dass Ostdeutsche allen Grund haben, selbstbewusst zu sein. Was typisch Ost und West ist, ob die Zeit für einen Schlussstrich unter die DDR-Geschichte gekommen ist und wie man mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern umgehen sollte - darüber spricht er mit Morgenpost Online.

Foto: ddp / DDP

Morgenpost Online: Herr Platzeck, wie viele enge Freunde aus dem ehemaligen Westen haben Sie?

Matthias Platzeck: Ich bin mit dem Begriff "Freunde" sehr eigen. Die ich habe, kenne ich größtenteils schon sehr lange. Und es sind nur wenige dieser Kategorie in den letzten Jahren dazugekommen.

Morgenpost Online: Was ist für Sie heute typisch Ost und typisch West?

Platzeck: Die Menschen im Osten eint die Erfahrung, dass alles ganz anders kommen kann. Dass nichts ewig hält. Für eine Gesamtlebenshaltung hinterlässt das Spuren. Hinzu kommt: Der Ostdeutsche ist immer noch zurückhaltender, insbesondere wenn es um das Anpreisen eigener Fähigkeiten und Leistungen geht.

Morgenpost Online: Der Ostdeutsche hat also Minderwertigkeitskomplexe, ist aber flexibler und belastbarer?

Platzeck: Beim Thema Ost/West muss man höllisch aufpassen. Ich möchte den Ostdeutschen einfach Mut machen, sich im 20. Jahr nach dem Mauerfall mehr der eigenen Leistung zu vergewissern. Allein das Gelingen der ersten friedlichen deutschen Revolution gibt Anlass, sein Kreuz gerade zu machen. Auch die 20 Jahre danach geben allen Grund für mehr Selbstbewusstsein. Wir haben eine fast komplette Deindustrialisierung hinter uns. Einzelne Städte verloren ein Drittel ihrer Einwohner, die Schülerzahlen halbierten sich. Aber: Es ging auch wieder bergauf, wir haben das geschafft. Ich bin überzeugt davon: Nur wenn man stolz ist auf das Erreichte, kann man im vereinten Deutschland wirklich ankommen.

Morgenpost Online: Sie sind der Ansicht, der Ostdeutsche könne die Wirtschaftskrise leichter bewältigen als der Süddeutsche. Das klingt nach Wahlkampf-Parole.

Platzeck: Nein, und ich nehme krisenhafte Erscheinungen sehr ernst. Aber ich sage auch: Die Tatsache, dass wir im Osten schon mal eine tiefe Senke durchschritten haben, verleitet die Menschen hier weniger, sich wie ein Kaninchen vor der Schlange zu fühlen.

Morgenpost Online: Wäre der Wiedervereinigungsprozess einfacher gewesen, wenn nicht die Rede von blühenden Landschaften gewesen wäre?

Platzeck: Es gab für den Vereinigungsprozess kein Modell, keine Blaupause. Manches wäre aber besser verlaufen, wenn 1990 weniger Wahlkampfkalkül Pate gestanden hätte, sondern nüchterne Sicht und klarere Ansagen über die Größe der bevorstehenden Aufgabe. Ich unterstelle dabei keinem von der westdeutschen Seite bösen Willen. Aber rückblickend muss man sagen: Warum hat man nicht damals schon hinter dem ideologischen Überbau entdeckt, dass Ganztagsschulen in Ordnung sind, Kitas auch für unter Dreijährige kein Straftatbestand sind und Polikliniken ein vernünftiges, Kosten dämpfendes Konzept darstellen? Auch dadurch wäre so mancher ehemalige DDR-Bürger besser im neuen Deutschland angekommen.

Morgenpost Online: In Berlin und Potsdam vermischen sich die ehemalige Ost- und Westbevölkerung längst. Aber ist der Ostdeutsche auch dem Rest der Republik nahe gekommen?

Platzeck: Er wäre noch näher gekommen, würden nicht oft Stereotype den Umgang beherrschen. Wenn über Ostdeutschland geredet wird, nervt mich die verkürzte Fragestellung: War die DDR ein Unrechtsstaat oder nicht? Eine weiterführende Frage lautet vielleicht noch: Warst Du dafür oder dagegen? Und wenn es ganz tief geht: Warst Du in der Partei oder nicht? Nicht selten erschöpft sich darin das Betrachten des Ostens. Doch Ostdeutschland ist mehr als die Ex-DDR.

Morgenpost Online: Muss die Debatte darüber aber nicht auch geführt werden?

Platzeck: Die hoch und runter diskutierte Frage Unrechtsstaat Ja oder Nein hat sich doch schon längst beantwortet. Wäre die DDR ein fröhlicher Rechtsstaat gewesen, wären nicht Hunderttausende Menschen unter Gefahr auf die Straße gegangen, und es hätten nicht Zehntausende die Flucht ergriffen. Die Bürger haben die DDR beendet, das hatte Gründe. Damit ist das Urteil de facto gesprochen. Wir feiern ja nicht 60 Jahre DDR, sondern 20 Jahre friedliche Revolution. Auch auf die Zeit danach können die Ostdeutschen mit Stolz blicken. Das ist das eigentliche Plädoyer meines Buches.

Morgenpost Online: Wollen Sie jetzt schon einen Schlussstrich ziehen?

Platzeck: Nein. Es nervt mich nur, wenn die Diskussion darauf reduziert wird. Natürlich müssen wir die Aufarbeitung der Zeit nach 1945 fortführen. Der Fall Kurras zeigt: Es gibt noch viel Unbeleuchtetes. IMs waren nicht ein rein ostdeutsches Problem.

Morgenpost Online: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie hörten, dass der Westberliner Polizist Kurras, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hat, ein Agent der Stasi war?

Platzeck: Wir wissen alle seit Langem, dass ein paar Zehntausend Westdeutsche und Westberliner auch für die Staatssicherheit gearbeitet haben. Da ist es nicht unnormal, dass es Spitzel auch bei der Polizei gegeben hat. Dass deshalb die Geschichte der letzten Jahrzehnte neu geschrieben werden muss, glaube ich aber nicht. Da ist mir zu viel Verschwörungstheorie dabei.

Morgenpost Online: Die Brandenburger haben Manfred Stolpe Mitte der 90er-Jahre zur Alleinherrschaft der SPD verholfen. Eine Trotzreaktion auf die Stasi-Vorwürfe gegen den Ministerpräsidenten. Ist die Diskussion vernünftig geführt worden?

Platzeck: Im Großen und Ganzen ja. Wir haben zügig angefangen mit der Aufarbeitung dieses Teils unserer Geschichte. Mancher osteuropäische Nachbar wäre froh, wenn so bei ihm verfahren worden wäre. Da droht man sich noch heute mit unveröffentlichten Akten.

Morgenpost Online: Zur Landtagswahl im September halten Sie sich die Option offen, mit der Linken und nicht weiter mit der Union zu koalieren. Die Linke-Spitzenkandidatin war Stasi-IM, der Landeschef ebenso. Spielt das für Sie heute keine Rolle mehr?

Platzeck: Vorab: Die märkische SPD geht wie schon immer auch 2009 ohne Koalitionsaussage in die Wahl. Für mich ist eine Mitarbeit bei der Staatssicherheit nicht etwas, worunter man einfach einen Haken setzt. Aber: IM-Tätigkeit ist nicht gleich IM-Tätigkeit. Es ist auch ein Unterschied, wie einer damit umgeht. Also, hat der ehemalige IM Fehler erkannt und Konsequenzen gezogen. Oder verharmlost, rechtfertigt er gar das Tun der Stasi. Und es spielt eine Rolle, was Menschen inzwischen für diese Demokratie getan haben.

Morgenpost Online: Hier in Ihrem Büro hängt ein Foto von der Glienicker Brücke. Was bedeutet diese für Sie?

Platzeck: Eine Menge. Ich bin an dieser Brücke groß geworden. An den berühmten Novembertagen war sie der erste Steg für mich in die andere Welt, in den Westen. Ich war am 9. November 1989 spätabends an der Brücke, als durchsickerte, dass die Grenzen aufgehen. Dort wurde mir gesagt: Das könnt Ihr vergessen. Hier werdet Ihr nie rüberkommen. 24 Stunden später sind wir über diese alliierte Brücke in einer langen Schlange im gelben Trabant rübergefahren nach Westberlin.

Morgenpost Online: Was für ein Gefühl war das?

Platzeck: Ein schönes. Es hatte so was Unwirkliches. Ich kann mich noch daran erinnern, dass Leute ständig auf dem Trabant rumtrommelten. Wir sind gleich irgendwo in Wannsee hängen geblieben. Alle Haustüren standen offen. Es herrschte eine ganz undeutsche, südländisch gelöste Stimmung, obwohl es ziemlich kalt war. Meine Töchter erinnern sich noch an die West-Schokolade, die es in den Wohnzimmern der Leute gab. Auf der Straße, in den Gärten war Volksfeststimmung.

Das Buch von Matthias Platzeck mit dem Titel "Zukunft braucht Herkunft - deutsche Fragen, ostdeutsche Antworten", 220 Seiten, ist bei Hoffmann und Campe erschienen.