DDR-Geschichte

Brisante Notizen auf Kirchendach gefunden

Die Kirche von Gorgast (Landkreis Märkisch-Oderland) ist ein unscheinbarer, grauer Klotz, errichtet aus minderwertigen Materialien vor gerade mal 50 Jahren. Und es war der erste Kirchenneubau der DDR. Es ist diese Geschichte, die das Haus so besonders macht. Und die nun um eine Episode reicher ist.

In einer goldenen Kugel auf dem Kirchturm des evangelischen Gotteshauses von Gorgast (Landkreis Märkisch-Oderland) wurden die Aufzeichnungen des damaligen Pfarrers entdeckt, kritische Notizen über den DDR-Alltag, die ihrem Autor sehr gefährlich hätten werden können, wären sie vor dem Mauerfall aufgetaucht. Was aber nicht geschah. Erst jetzt wurde die Kugel für Sanierungsarbeiten abmontiert. Darin fand die heutige Pfarrerin Anja Grätz die Erinnerungen ihres Vorgängers Klaus Zebe an die Jahre 1961 und 1962, die Zeit des Mauerbaus, des Kalten Krieges und staatlicher Gängelei.

„Was uns bewegt“, hatte Pfarrer Klaus Zebe im Sommer 1961 geschrieben: „Die Lage auf den Feldern ist katastrophal, Unkraut über Unkraut. Die Kühe geben durchschnittlich nur zwei Liter Milch am Tag“ – damals war die sogenannte Kollektivierung der Landwirtschaft in vollem Gange. Viele Dorfbewohner hätten bereits ihre Heimat in Richtung Westen verlassen. „Seit dem vergangenen März sind es allein aus unserem Dorf über 100 Personen – Gärtner, Bauern, der Schmied und der Tischler.“ Er habe von jedem gewusst, der damals wegging, erinnert sich Zebe. Der 82-Jährige lebt heute in der Nähe von Storkow.

Niemand ahnte von den Zeitzeugnissen

Er empfindet seine Offenheit in jener Zeit als nichts Besonderes. „Ich habe eben aufgeschrieben, was mir durch den Kopf ging“, sagt er, und er habe ja gewusst, „das Ding wird zugelötet, da kann keiner ran und nichts passieren.“ Und so war es tatsächlich. Niemand in Gorgast ahnte offenbar von den Zeitzeugnissen, die fast 50 Jahrzehnte lang in der Kugel über dem Kirchdach schwebten.

Zebe war Anfang der 50er-Jahre aus dem Westen gekommen. „Er war eine ganz andere Freiheit gewöhnt“, sagt seine Nachfolgerin Anja Grätz. Im Dorf werde noch heute mit großem Respekt von ihm gesprochen, bestätigt die Gorgasterin Erna Hackbarth. „Der hat mit angepackt, andere mitgerissen und sich nicht beirren lassen“, erinnert sich die 75-Jährige.

Behörden wollten den Kirchenbau am liebsten stoppen

Allein der Kirchenbau muss ein Abenteuer gewesen sein, berichtet der Altpfarrer. Das kirchliche Bauamt in Berlin fertigte die Baupläne, der ganze Ort half beim Wiederaufbau. Die Materialbeschaffung und das Ringen um die Baugenehmigung waren ein Kampf. Die Behörden wollten den Kirchenbau am liebsten stoppen, den Rohbau wieder abreißen, berichtet Zebe, er selbst wurde wegen „illegaler Sammeltätigkeit“ angezeigt und musste eine Geldstrafe zahlen, weil er die Gorgaster zu Spenden für den Kirchenbau aufgerufen hatte. „Immerhin 25.000 Mark kamen damals auf diese Weise zusammen“, erinnert er sich.

„Pfarrer Zebe war ein mutiger Mann“, sagt Pfarrerin Grätz. Und so ist es für sie nicht verwunderlich, dass der Kirchenkugelfund auf großes Echo im Ort stieß und dass danach auch die Spenden für die aktuelle Sanierung noch einmal gestiegen seien.

Störungen zur Einweihung des Kirchenneubaus

1962 hatte der mutige Pfarrer seine Notizen noch einmal ergänzt. Er nutzte die Gunst der Stunde. Die Turmkugel war aus minderwertigem Material, wie Zebe sich erinnert. Durch seine Beziehungen zum kirchlichen Bauamt erhielt Gorgast knapp ein Jahr später jedoch eine vergoldete Kugel, die Zebe prompt mit weiteren brisanten Notizen aus dem tristen DDR-Alltag bestückte. „Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich der Bevölkerung“, schrieb er auf. Im Winter 1961/62 sei „so manches wertvolle Stück Nutzvieh“ eingegangen – durch die schlechte Ernte und den damit verbundenen Futtermangel. „Immer noch mangelnde Technik, der Arbeitskräftemangel und das dauernde Hineinreden von Leuten, die nichts von der Landwirtschaft verstehen“, heißt es weiter.

Die Sanierung der denkmalgeschützten Gorgaster Kirche soll zum Kirchweihfest am 11. Juli gefeiert werden. Für die musikalische Umrahmung wird der Posaunenchor sorgen, den Pfarrer Zebe einst begründet hatte. Dann wird auch die Turmkugel wieder über Gorgast thronen, bestückt mit den Erinnerungen Zebes. Außerdem werden Ergänzungen von Pfarrerin Grätz darin liegen. „Ich will die Tradition fortführen und aufschreiben, was mich weltpolitisch und lokal bewegt“, sagt sie.

Störungen wie noch zur Einweihung des Kirchenneubaus vor 50 Jahren erwartet sie nicht. Damals war während des Festgottesdienstes vor etwa 500 Gläubigen plötzlich ein Traktor vorgefahren. Auf dem Anhänger saß eine Blaskapelle, die aus Leibeskräften 20 Minuten lang gegen die Predigt des aufrechten Pfarrers antrompetete. Klaus Zebe aber ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Wir haben uns untergeordnet, aber nie an diesen Staat geglaubt“, so fasst er heute zusammen, was ihn damals dazu trieb, der goldenen Kugel auf seiner Kirche eine Wahrheit anzuvertrauen, die alle kannten, die aber niemand laut aussprechen durfte.