Tiere

In der Lausitz hört man wieder das Heulen der Wölfe

Der Urvater des Haushundes, der Wolf, ist nach Brandenburg zurückgekehrt. Die Lausitz ist die einzige Region Deutschlands, wo sich wilde Wölfe reproduzieren. Und nirgendwo werden sie so intensiv erforscht wie hier.

Foto: picture-alliance/ ZB / dpa-Zentralbild

Die Berliner Exkursion stoppt vor einem kleinen Häufchen. "Riechen Sie doch mal", sagt Stephan Kaasche und hält die vertrockneten Hinterlassenschaften eines Tieres hoch. Die Teilnehmer schnuppern.

"Das hätten Sie in Berlin nie gemacht", sagt Kaasche grinsend. Tatsächlich würde hier wohl niemand seine Nase über das Häufchen eines Vierbeiners halten. In Brandenburg und Sachsen aber könnte die Bestimmung von Wolfskot, der sogenannten Losung, zum Volksport werden. Kot und Pfotenabdrücke sind Spuren und Zeichen dafür, dass der Urvater des Haushundes zurückgekehrt ist. Von Ostpolen in die Lausitz, der einzigen Region Deutschlands, wo sich wilde Wölfe reproduzieren. Nirgendwo werden sie so intensiv erforscht wie hier.

In der Scheune hört man sie heulen

Seit 2002 sind Gesa Kluth und Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Büro Lupus den Tieren auf der Spur. Der Naturschutzbund baut zurzeit ein Netz ehrenamtlicher Wolfsbetreuer auf. Der 33-jährige Kaasche arbeitet eng mit ihnen zusammen. Teil seines Jobs ist die Aufklärung. "Kinder wissen, wie viele Geißlein der Wolf im Märchen gefressen hat oder was Rotkäppchen im Korb trug", sagt Kaasche, "aber dass er 42 Zähne hat und dass jetzt Ranzzeit ist, ist neu für sie."

Kaasche besucht deshalb gern Schulklassen, erzählt den Schülern etwas über Wölfe und deren Paarungszeit - und baut Vorurteile gegenüber den Tieren ab. Er redet auch mit Jägern und Schäfern. Und er nimmt Berliner mit auf Tour. Start für diese ist Rietschen, wo man garantiert Wölfe sehen und heulen hören kann: In der Wolfsscheune im Erlichthof spitzen zwei präparierte Exemplare die großen Ohren, das Heulen kommt vom Band. In freier Wildbahn bedarf es Geduld oder Glück, einem Wolf nahe zu kommen. Diesmal geht es für die Berliner ins Wolfsgebiet bei Weißwasser und Nochten über die B 156. Genau hier wurden in den vergangenen drei Jahren drei Wölfe überfahren. Ein anderer, sagt Kaasche, starb im Januar auf der Bahnstrecke, auf der die Berliner angereist sind. Diese Infos sorgen für betretene Gesichter. Denn der Bestand ist fragil: Derzeit leben 35 bis 40 Wölfe in der Lausitz. 77 wurden seit der ersten Einwanderung vor zehn Jahren gezählt. Acht sind tot, Opfer des Straßenverkehrs oder von Wildschweinattacken, der Verbleib der übrigen ist unklar. "In freier Wildbahn werden die Tiere nicht so alt", sagt Kaasche und stapft voran, "vielleicht fünf bis sieben Jahre." Kaasche hält auf einem schmalen Weg zwischen Kiefern und buddelt eine dicke Losung aus. "Wildschweinhaare", erkennt ein Berliner darin. Die Losung ist gefroren, sie ist älter. Frische Spuren verwischt heute der Schnee.

Um mehr über die Wege der Wölfe zu erfahren, hat das Bundesamt für Naturschutz ein Projekt gestartet, wonach die Tiere per Lappenjagd gefangen und mit Sendern ausgestattet werden. Dazu muss man morgens Wolfsspuren finden und sie verfolgen, bis man weiß, aus welchem Planquadrat der zwischen 150 und 300 Quadratmeter großen Rudelgebiete noch keine Spur herausführt - wo sich der Wolf also aufhält. Das Gebiet wird mit einem Lappenzaun abgesperrt, roten Stofffetzen, an einem Nylonseil befestigt, die im Wind hin und her wehen. "Theoretisch könnte ein Wolf uns durch die Lappen gehen - daher kommt das Sprichwort", sagt Kaasche, "doch in der Realität trauen sie sich nicht. Aus irgendeinem Grund haben sie Angst."

Bilder von Welpen und Jährlingen

Die Berliner kennen keine Angst, sie wollen unbedingt einen Wolf sehen. Doch das ist nicht so einfach: Kaasche, der Wolf und Natur seit seinem zwölften Lebensjahr verfallen ist, hatte erst dreimal dieses Glück. Der Filmemacher Sebastian Koerner kann im Schnitt von zehn Ausflügen zu den Lausitzer Wölfen nur einmal Bilder mitbringen. Die Aufnahmen sind im Erlichthof zu sehen. Sie zeigen Welpen aus dem "Nochtener Rudel", das sich Koerners Hochsitz näherte. Man sieht, wie sie sich balgen, ein Nickerchen machen. Die Jährlinge, die älteren Geschwister, kommen heran und würgen den Jüngsten Futter hoch. Irgendwann wittern die Eltern den Menschen und traben davon - gefolgt vom Nachwuchs.

"Lausitzer Wölfe leben in Familienverbänden mit Inzuchtsperre", sagt Kaasche. Alphatiere gibt es keine - anders als bei Rudeln in Gefangenschaft, die aus Geschwistern bestehen. "Bei uns", erklärt Kaasche, "verlassen geschlechtsreife Jungtiere ihr Rudel, suchen sich neue Räume und einen Partner."

Wölfe bevorzugen störungs- und menschenarme Gebiete. Sie besiedeln Truppenübungsplätze und die Folgegebiete des Braunkohletageabbaus und sie schlafen unter Windkraftanlagen.

Im Büro Lupus sind bereits 900 Meldungen zu Wolfssichtungen eingetroffen. "Da ist einer", ruft plötzlich eine Berlinerin und bleibt stehen. Am Ende einer Freifläche läuft ein Tier. Groß. Aber nicht groß genug. "Ein Fuchs", stellt Kaasche fest. Und erklärt, dass Wolf und Fuchs in Fabeln oft zusammen auftauchen und die Gewohnheit teilen, an Wegesrändern entlangzulaufen - wobei der Wolf "schnürt", also die Hinterpfote in den Abdruck der Vorderpfote setzt.

Beutetiere der Wölfe sind Rehe und Hirsche, Hasen und Wildschweine. In der Regel greifen sie sich ältere und kranke Tiere, gelegentlich auch Schafe. Die Landesregierungen erstatten Schäfern solche Verluste. Bislang hat Sachsen 40 000 Euro und Brandenburg 10 000 Euro gezahlt. "Wir sind rechtlich nicht verpflichtet, den Schaden, den ein herrenloses Tier verursacht, zu ersetzen. Aber für den Wolf machen wir diese Ausnahme", sagt Sprecher Jens-Uwe Schade vom brandenburgischen Umweltministerium. "Wir wollen seine Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen." Schäfer wie Frank Neumann aus Rohne, die elektrische Euronetzzäune gebaut und Hütehunde haben, sagen, dass sie mit dem Wolf leben können. Sie müssen ihn ja nicht riechen können.

Weitere Infos zu den Wölfen unter www.wolfsregion-lausitz.de

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