Sowjetbestände

Atombomben lagerten auf Brandenburger Flugplätzen

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Gudrun Mallwitz

Die Zerstörung Münchens und Wiens mit Atomwaffen wurde geplant, der Abwurf der Bomben geübt – von der Sowjetunion in der DDR. Denn dort lagerte Moskau einen Teil seiner Atomwaffen. Ein Berliner Luftfahrtexperte hat einst geheime Dokumente gesichtet und sich die Lagerstätten angesehen. Eine historische Pionierarbeit, die auch schockiert.

Während des Kalten Krieges hielten sowjetische Spezialeinheiten auf vier Flugplätzen in Brandenburg Atombomben bereit. Die Bomben lagerten streng abgeriegelt zumeist in oberirdischen Bunkern – wie auf dem einstigen Militärflughafen in Jüterbog. Auf weiteren vier Basen bestand die technische Möglichkeit. „Dass die Hälfte der 16 Standorte in der damaligen DDR sich in Brandenburg befand, lag vor allem an den zahlreich vorhandenen Flugplätzen und der Nähe zur Hauptstadt der DDR“, sagt der Berliner Stefan Büttner (34). Er hat die brisanten Erkenntnisse über einen bislang wenig erforschten Teil der Geschichte des Kalten Krieges akribisch zusammengetragen und in einem Buch sowie einer Zeitschrift veröffentlicht.

Nach seinen Recherchen waren auf dem Gebiet der damaligen DDR mindestens 200 Atombomben deponiert. In Brandenburg befanden sich ständige Atomwaffen-Depots in Groß Dölln, Werneuchen, Brand und Finsterwalde. Zeitweilig war es möglich, sowjetische Kernwaffen auch in Wittstock, Neuruppin, Jüterbog und Falkenberg zu lagern. Im Falle eines bewaffneten Konflikts sollten sie gegen bundesdeutsche Militäranlagen eingesetzt werden.

Ein Dokument aus den frühen 60er-Jahren beschreibt Büttner zufolge den „ersten massiven Kernwaffenschlag“ der in Ungarn stationierten Südwestfront. Kurzstreckenraketen, Kampfflieger und aus der Sowjetunion startende Raketen sollten gemeinsam zum Einsatz kommen. „Geplant war damals nicht nur der Angriff auf Panzertruppen und Flugplätze in der Bundesrepublik“, sagt Büttner. „Städte wie München und Wien sollten komplett zerstört werden.“ Als Quelle für die Angaben führt er einstmals geheime Dokumente beider Seiten an.

Die Erkenntnisse Büttners seien eine „Pionierarbeit“, sagte Rüdiger Wenzke vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam. „Das ist wertvoll, auch für die Wissenschaft.“ Über die Stationierung von Atomwaffen auf DDR-Gebiet sei bisher relativ wenig bekannt. Alle wichtigen Dokumente zur Thematik würden in Moskau verwahrt, so der auf DDR-Militärgeschichte spezialisierte Forscher. Und seit etwa zehn Jahren ließen sich die russischen Archive kaum mehr „in die Karten gucken“.

Die Forschung begann mit Wodka und Zigaretten

Büttner nennt sich einen „Flugplatz-Enthusiasten“. Hauptberuflich arbeitet er als Gleisbauer bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Als Knirps hatte er zusammen mit dem Vater Flugzeugmodelle gebaut. Als Jugendlicher sah er in Marzahn die sowjetischen MiGs am Himmel entlang donnern. Die Leidenschaft ließ ihn nicht mehr los: „Zwischen 1990 und 1994 trieb ich mich fast jeden Tag auf Flugplätzen herum“, erzählt er. So knüpfte er erste Kontakte zu den russischen Streitkräften. Einem Wachsoldaten in Werneuchen brachte der damals 17-Jährige jeden Sonntag Wodka und Zigaretten vorbei. „Er freute sich über ein bisschen Abwechslung und ich durfte dafür das Flugfeld inspizieren“, sagt Büttner. In Werneuchen (heute Kreis Barnim) waren am nordöstlichen Stadtrand Berlins ab 1974 Aufklärer vom Typ MiG-25 stationiert. Die hochmodernen Maschinen besaßen eine nukleare Zweitrolle. „Die Aufklärer der ersten Fliegerstaffel sollten neben ihrer eigentlichen Aufgabe Kernwaffen einsetzen“, so ein Ex-Pilot der dortigen Aufklärereinheit.

In Finsterwalde (Elbe-Elster) hatten laut Büttner Mitglieder der amerikanischen Militärmission schon in den 60er-Jahren seltsame Flugmanöver beobachtet. Experten nennen diese „Schleuderwurf“, sie seien typisch für den Abwurf von Atombomben.

Erschreckende Zeugnisse bleiben erhalten

In Brand (Dahme-Spreewald) sind noch heute in der Nähe des Freizeitparks „Tropical Islands“ in einem Flugzeug-Shelter am Rande der Start- und Landebahn zwei mannstiefe Gruben zu finden. Nach Angaben von Zeitzeugen waren sie Ende der 80er Jahre angelegt worden, um Atomwaffen für die stationierten Su-24-„Fencer“ direkt unter den Tragflächen zum Abwurf bereit zu halten.

Die Bunker durften nur von ausgewählten Kräften der Sondereinheiten betreten werden. Vorher mussten die Männer fünf Sicherheitszonen passieren. Schutzkleidung und Atemmaske waren vorgeschrieben.

Die russischen Truppen haben ihre Atombomben 1991 abgezogen. Einige der monströsen Bunker sind seither verschlossen, andere, wie der in Finsterwalde, tragen noch die einst streng geheimen Inschriften. Die Streitkräfte hatten sie mit Farbe übermalt; sie blättert mittlerweile ab. „Es ist den Russen nicht gelungen, ihre Spuren zu tilgen“, sagt Stefan Büttner. Somit bleiben die Orte für die Nachwelt als erschreckendes Zeugnis für die Pläne im Kalten Krieg erhalten.

Buch Der in Berlin-Lichtenberg lebende Autor Stefan Büttner (Foto) verfasste das Buch „Rote Plätze“ , das er vor einem Jahr mit Lutz Freundt veröffentlicht hat. Es ist im AeroLit Verlag erschienen. (39,90 Euro).

Zeitschrift Die neueste Zusammenfassung der Recherchen ist zu finden in der Quartalsausgabe Fliegerrevue Extra Nr. 22 unter dem Titel „ Aufgedeckt: Atombomben in der DDR“. Erhältlich für 12,80 Euro in Bahnhofsbuchhandlungen oder online über hidden-places.net