Tourismus

Radfahrer sollen Tipps für bessere Strecken geben

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Katrin Starke
Zwei Radfahrer auf einem Radweg neben einer herbstlich gefärbten Allee in der Nähe von Schönwalde

Zwei Radfahrer auf einem Radweg neben einer herbstlich gefärbten Allee in der Nähe von Schönwalde

Foto: dpa Picture-Alliance / Peter Zimmermann / picture-alliance/ ZB

850 Millionen Euro bringt der Radtourismus nach Brandenburg. Im Beliebtheitsranking aber hat die Region einige Plätze eingebüßt

Potsdam.  Brandenburg will keine Sterne mehr. Zumindest dann nicht, wenn es um die Bewertung des touristischen Radwegenetzes geht. Bislang nahm der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) die Radfernwege im Land regelmäßig unter die Lupe und vergab je nach Qualität seine Sterne. Jetzt legen die brandenburgischen Touristiker die Kooperation mit dem ADFC vorerst auf Eis. „Stattdessen wollen wir ein eigenes Qualitätsmanagement aufbauen“, sagt Dieter Hütte, Chef der Tourismus-Marketing Brandenburg (TMB). Über ein zentrales Onlineportal sollen Radler künftig selbst Hinweise zum Zustand der Radwege geben, die dann an die zuständigen Kommunen weitergeleitet werden.

2008 hatten die Brandenburger Touristiker das Sterne-Zertifizierungssystem für Radwege gemeinsam mit dem ADFC entwickelt. Das ist mittlerweile deutschlandweit anerkannt, ermöglicht dem Urlauber auch, die Ausstattung verschiedener Bundesländer zu vergleichen. „Die ADFC-Klassifizierung war ein wichtiger Meilenstein“, sagt Peter Krause, Geschäftsführer des Landestourismusverbandes. Vor 2008 habe es keine verbindlichen Kriterien für die Qualität gegeben. In den vergangenen sieben Jahren habe man mit dem System wichtige Erfahrungen sammeln können, inzwischen jedoch festgestellt, dass es dem Radtourismus in Brandenburg nicht mehr gerecht werde. Denn: „Die Radfernwege, die der Sterne-Klassifizierung unterzogen werden, machen nur einen Teil des Radwegenetzes in Brandenburg aus“, erläutert Hütte.

11.000 Kilometer Radwege in Brandenburg

In den vergangenen Jahren habe sich das radtouristische Angebot im Land deutlich weiterentwickelt. Brandenburgs 11.000-Kilometer-Netz umfasst neben 28 Radfernwegen rund 30 regionale Radrouten. „Und eben diese regionalen Routen sind beim bisherigen Qualitätssystem unter den Tisch gefallen“, so Hütte. Nicht zuletzt spielten auch die Kosten eine Rolle fürs Aussetzen der Kooperation. Die im Rahmen der ADFC-Zertifizierung angefallenen Kosten seien explodiert. Das neue Qualitätsmanagementsystem schlägt laut dem TMB-Fahrradexperten Dirk Wetzel nur mit einem Bruchteil – rund 330.000 Euro in den nächsten drei Jahren – zu Buche.

Über die Internetplattform www.maerker.brandenburg.de sollen Radfahrer künftig auf Schäden an den Wegen hinweisen. „Wer bei seiner Tour feststellt, dass ein Schild fehlt oder mitten auf dem Weg ein großes Loch im Asphalt ist, der kann dies eingeben. Die Information landet dann automatisch bei der Stelle, die als Bauträger für den Zustand der Wege zuständig ist, oder beim regionalen Tourismusverband“, erläutert Ortwin Böckmann, Leiter des Kommunalen Anwendungszentrums beim zentralen Brandenburger IT-Dienstleister ZIT das Portal.

Das existiert bereits seit fünf Jahren. An der Plattform, über die Hinweise auf Schwächen in der brandenburgischen Infrastruktur gesammelt werden, beteiligen sich bislang 80 Kommunen. „Freiwillig“, wie Böckmann hervorhebt. Bedingung für die Teilnahme: Geht eine Schadensmeldung ein, müssen die zuständigen Kommunen innerhalb von drei Tagen antworten. „Was nicht bedeutet, dass der Schaden sofort behoben wird“, erklärt TMB-Mann Wetzel. „Aber der Nutzer wird informiert, wann und wie reagiert wird.“ Daten und Fakten, die zugleich in eine Radverkehrsanalyse einfließen sollen.

Kommunen fehlt Geld für die Sanierung der Infrastruktur

Zusätzlich würden auf touristischen Routen Teams – ähnlich den früheren ADFC-Inspektoren – eingesetzt, die die Strecken überprüfen. Laut Wetzel sind die neuen Kontrolleure künftig mit Tabletcomputern ausgestattet, geben die Info direkt vor Ort ein und schicken sie zum Baulastträger. Das sind in der Mehrheit die Kommunen. Doch nicht wenige von ihnen verweisen auf leere Kassen, erklären, die Kosten für eine Sanierung der Radwege nicht stemmen zu können. Fatal: Denn die Ende der 90er-Jahre gebauten Radtrassen sind in die Jahre gekommen. „Der Radwegebau war vor 15 Jahren noch nicht so ausgeprägt wie heute“, erklärt Martin Linsen, Referatsleiter im Brandenburger Wirtschaftsministerium. Wurzelsperren fehlten, vielfach seien auch ungeeignete Oberflächenbelege verwendet worden. Fehler, die nun sichtbar würden.

Nur bedingt kann das Wirtschaftsministerium den Kommunen finanziell zur Seite stehen. „Wir können fördern, wenn es um die Modernisierung von überregionalen Radfernwegen geht“, betont Linsen. Aber nicht bei einer „normalen Sanierung“. Anträge auf Unterstützung bei einer Modernisierung ihrer touristischen Radwege können Landkreise ab Mitte November stellen, kündigt Linsen an. Eine Förderung aus Infrastrukturmitteln sei bis 2020 möglich. 40 Millionen Euro könnten laut Schätzungen an Kosten anfallen. Vom neuen Onlineportal ist Linsen überzeugt. „Werden kleine Mängel schnell erkannt und behoben, reduziert sich bei einer irgendwann notwendigen Instandsetzung die Gesamtsumme.“

Gelassen zeigt man sich beim ADFC über den Kurswechsel. „Alles, was der Qualität der Radwege dient, begrüßen wir“, kommentiert Sabine Schulze vom Brandenburger ADFC. „Die strengen Kriterien des ADFC sind für die regionalen Radwege tatsächlich nicht sinnvoll anwendbar.“

850 Millionen Euro bringt der märkische Radtourismus jährlich in die Kassen – und damit ein Viertel des gesamten touristischen Umsatzes. Dennoch schöpfe Brandenburg sein Potenzial nicht aus, kritisieren die Grünen im Landtag. Nach wie vor gebe es Lücken im Radwegenetz und es mangele an der Vernetzung mit dem öffentlichen Nahverkehr, meint der verkehrspolitische Sprecher Michael Jungclaus. Und verweist auf die jährliche ADFC-Radreiseanalyse. In dieser sei Brandenburg in der Kategorie der beliebtesten deutschen Radregionen von Platz zwei auf Platz sechs abgerutscht. Das sei ein Alarmsignal.