Berliner Speckgürtel

Falkensee - Kleine Läden und die Mitte der Stadt verschwinden

Seit 2010 ist Falkensee Mittelzentrum, die Preise für Mieten und Grundstücke ziehen an. Das Land hat reagiert – mit der Mietpreisbremse. Der Boom hält trotzdem an.

„Verschlafen“ sei die Gartenstadt kurz vor dem Fall der Mauer gewesen, erinnert sich Bürgermeister Heiko Müller. „Investiert wurde nichts, der Grenznähe wegen.“ Der Straßenausbau blieb auf der Strecke, Schulen und Kindergärten wurden nicht modernisiert. Mit diesem Erbe hat der Sozialdemokrat seit Jahren zu kämpfen. „Es fehlt an Infrastruktur.“ 21.000 Menschen lebten 1989 in Falkensee, heute sind es 43.169.

Seit 2010 ist Falkensee Mittelzentrum, die Preise für Mieten und Grundstücke ziehen an. Das Land hat reagiert – mit der Mietpreisbremse. Der Boom hält trotzdem an. Pro Jahr kommen zwischen 400 und 500 Zuzügler. „Die Probleme anderer Kommunen fangen mit einem Minus an, unsere liegen am Plus.“ Zuerst müssten Familien versorgt werden. Mit Kindergärten, Horten, Schulen. 2400 Schüler zählte Falkensee 1990, jetzt sind es 5400.

Müllers Lieblingswort heißt verdoppeln: Geld, Infrastruktur, wenn er zaubern könnte, Straßen und Bauland. Die Schulsituation habe Falkensee jetzt im Griff. Aber den Verkehr? Fast 10.000 Pendler fahren täglich nach Berlin, nur 4500 davon mit der Bahn. „Dabei ist man von Falkensee in einer Viertelstunde mit dem Regionalexpress am Berliner Hauptbahnhof.“ Mehrmals pro Stunde hält der Zug in Falkensee. Zu Stoßzeiten ist er trotzdem knüppelvoll. Manchmal fühle er sich im Stich gelassen, sagt Müller. „Auch von Berlin und Brandenburg.“ Die Länder sieht er in der Pflicht, hofft auf ein weiteres Gleis nach Spandau.

„Wer die Ansiedlung großer Einkaufscenter unterstützt, muss sich nicht wundern, wenn die Leute, einmal im Auto unterwegs, gleich noch nach Berlin weiterfahren“, sagt Gisela Dittmer. „Und die kleinen Läden können sich nicht halten“, ärgert sich die Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Falkensee-Seegefeld. „Dabei sind die doch auch kommunikative Treffpunkte.“ Ihre Gemeinde ist auf 2100 Mitglieder gewachsen. „Ich bekomme mit, was die Leute wollen.“ Eine Schlafstadt sei Falkensee keinesfalls, aber es gäbe Defizite. Es fehlten eine lebendige Mitte, Jugendeinrichtungen, Angebote für Senioren.

Bürgermeister Müller zitiert Studien, wonach die Bevölkerung im Speckgürtel weiter wächst. „2030 werden voraussichtlich statt 8500 Senioren 14.000 in Falkensee wohnen.“ Das sei „eine neue Baustelle“, man brauche mehr bezahlbaren Wohnraum für Senioren, mehr ärztliche Versorgung. „Das muss alles noch werden.“