Umstrittene Satire

Die NPD marschiert in Brandenburg auf – und Hitler winkt

Am vergangenen Sonnabend marschieren etwa 70 NPD-Kameraden in Brandenburg/Havel auf. Und plötzlich winkt ein Hitler-Double von einem Hotel-Balkon. Die Aktion beschäftigt die Staatsanwaltschaft.

Foto: Marco Petig

Ein Rechtsradikaler grölt dumpfe, braune Parolen ins Megafon. Die NPD hat zur Kundgebung geladen. Etwa 70 NPD-Kameraden marschieren auf.

Die Passanten können es kaum fassen: Oben auf dem Balkon eines Hotels steht – unverkennbar – Adolf Hitler. Beigefarbener Trenchcoat, schwarzer Anzug, dunkle Krawatte. Mit ernster Miene schaut er über den Molkenmarkt in Brandenburg/Havel – und winkt. Eine fast gespenstische Szenerie. Was sich da am vergangenen Sonnabend gegen 14.30 Uhr abgespielt hat, wird später sogar die Staatsanwaltschaft Potsdam beschäftigen.

Die Sonderabteilung für politische Straftaten prüft, ob sie Ermittlungen einleiten soll. Die Experten kommen zu dem Schluss: „Eine Hitler-Darstellung als Schauspiel ist kein Kennzeichnen im Sinne des Tatbestands.“ Es werde keine Ermittlungen geben, so eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Dienstag gegenüber der Berliner Morgenpost.

Satire soll 2015 ins Kino kommen

Der Mann, der sich den Brandenburgern just in dem Moment als Hitler-Kopie zeigte, als die NPD wenige Meter entfernt aufmarschierte und zwei Gegenveranstaltungen liefen, war kein Rechtsextremer. Es war ein Schauspieler: Oliver Masucci. Ein Filmteam dreht derzeit die Kino-Verfilmung des Beststeller-Debüt-Romans von Timur Vermes „Er ist wieder da“.

Die Hitler-Satire verkaufte sich 1,4 Millionen Mal. In Timur Vermes’ wahnwitziger und absurder „Was wäre, wenn?“-Satire erwacht Adolf Hitler im Berlin der Gegenwart, 66 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Im tiefsten Frieden, unter Tausenden von Ausländern und Angela Merkel, startet er gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere – im Fernsehen, weil ihn jeder für einen Comedian hält, obwohl er doch der echte Führer ist.

So lautet der Pressetext der Constantin Film Verleih GmbH. Das Unternehmen erwarb in Kooperation mit Mythos Film die Rechte, das Buch zu verfilmen. Produziert wird „Er ist wieder da“ von Christoph Müller und Lars Dittrich von Mythos Film, in Co-Produktion mit Constantin Film. Regie führt David Wnendt. Es ist sein dritter Kinofilm nach „Die Kriegerin“ und „Feuchtgebiete“. Die Hitler-Satire soll 2015 in die Kinos kommen. Auch in Bayreuth hatte das Hitler-Double schon für Aufsehen gesorgt.

Auf einem Klapphocker zeichnete der „Hitler“ in der Fußgängerzone gegen eine Spende Porträts von Passanten – begleitet von einem Kamerateam. Was das alles soll, wollte ein junger Mann vom falschen Hitler wissen. „Wir drehen einen Film und uns ist das Geld ausgegangen.“ Rückfrage: „Was für einen Film denn?“ Die knappe Antwort: „Ein Film über Deutschland.“ Über diesen Wortwechsel berichtete der „Nordbayerische Kurier“ Anfang Oktober. Die Produktionsfirmen wollten sich auf Anfrage der Berliner Morgenpost nicht äußern, ob sie bei den Dreharbeiten bewusst provozieren wollen.

„Wir fühlten uns überrumpelt“

Wie kam der falsche Hitler überhaupt auf den Balkon des Hotels in Brandenburg? „Plötzlich stand das Filmteam vor uns“, erzählt der Angestellte Henry Wendrich. Es sagte, es habe eine Drehgenehmigung vom Land Brandenburg. Die Polizei habe auch nichts dagegen. Sie dürften nur nicht unten auf der Straße filmen. Kurz danach tauchte dann der Diktator an der Rezeption auf. „Er sah täuschend echt aus“, so Wendrich. Zweifel kamen erst ein paar Minuten später auf. „Wir fühlten uns überrumpelt“, sagte der Angestellte weiter.

Brandenburgs Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU) sagt zu der Aufregung: „Es ist ein bedauernswerter und unglücklicher Umstand, dass der Dreh mit dieser Kundgebung zusammengefallen ist.“ Sie glaubt an einen Zufall. Die Versammlung hatte der NPD-Kreisverband Havel-Nuthe angemeldet – zum Thema „Solidarität gegen staatliche Repressionen“.

Unter den Teilnehmern war laut Verfassungsschutz auch Mike Eminger, dessen Bruder André Eminger im NSU-Prozess angeklagt ist. Mike Eminger war Hauptredner und vertrat die Organisation „Gefangenenhilfe“, die sich um die Betreuung inhaftierter Neonazis kümmert. Etwa 30 Gegendemonstranten waren vor Ort. Laut Polizei gab es keine nennenswerten Zwischenfälle.

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