Brandenburg

„Mein Traum? Eine gemeinsame Universität mit Polen“

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Gudrun Mallwitz

Foto: Marion Hunger

Brandenburgs Wissenschaftsministerin Sabine Kunst spricht im Morgenpost-Interview über die brandenburgische Hochschule für Medizin und ihr Verhältnis zur SPD.

Brandenburgs Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (parteilos) rechnet mit einem Rückgang der Studierendenzahlen in Brandenburg. Die Universitäten und Hochschulen müssten sich daher neu positionieren.

Berliner Morgenpost: Frau Kunst, die neue Technische Universität Cottbus-Senftenberg hat mit dem ehemaligen Präsidenten der TU Berlin, Jörg Steinbach, jetzt endlich einen Gründungspräsidenten. Warum gestaltete sich die Besetzung so schwierig?

Sabine Kunst: Es gab viele Interessierte und gute Kandidaten. Einige haben ihre Bewerbung zurückgezogen, was nicht ungewöhnlich ist. Ungewöhnlich war nur, dass Jochen Zimmermann, Professor in Bremen, im letzten Moment nicht antreten wollte.

Der designierte Gründungspräsident warf Ihnen vor, sein Konzept nicht mittragen zu wollen und ein falsches Spiel zu spielen.

Beides trifft nicht zu. Wir hatten uns im Januar über das Konzept der künftigen Universität geeinigt. Insofern war ich doch enttäuscht. Die Landesregierung hat alles möglich gemacht, damit er sein Amt antreten kann. Er stellte aber Forderungen, die ihm aus rechtlichen Gründen nicht erfüllt werden konnten.

Sie meinen den Dienstwagen, den er auch privat nutzen wollte?

Ja.

Was bringt die Fusion der BTU Cottbus mit der Fachhochschule Lausitz – außer Einsparungen?

Die Fusion spart kein Geld. Im Gegenteil: Die neue Universität erhält in den nächsten fünf Jahren jeweils deutlich mehr als 80 Millionen Euro, zehn Prozent mehr als bisher für die beiden Einrichtungen zusammen. Die neue Universität war eine Reaktion auf die zurückgehenden Studierendenzahlen durch die demografische Entwicklung in der Lausitz. Außerdem war eine bessere Profilierung notwendig. Bisher standen beide Standorte in Konkurrenz zueinander. Es wird nun möglich sein, mit einer anwendungsorientierten Ausbildung zu starten und bis zur Promotion ohne Verzögerung zu studieren. Ein so modernes, durchlässiges System gibt es wohl noch sonst nirgendwo in Deutschland.

Und die Klagen, die dagegen laufen?

Ich bin optimistisch, dass die vom Landesparlament beschlossene und im Errichtungsgesetz geregelte Fusion Bestand hat. Wir hoffen, dass das Bundesverfassungsgericht und danach das Landesverfassungsgericht noch in diesem Jahr urteilen.

In Potsdam wurde aus der Filmhochschule Konrad Wolf jetzt Deutschlands erste Filmuniversität. Weshalb?

Als Filmuniversität erhält die Einrichtung mit mehr als 500 Studierenden eine stärkere akademische Ausrichtung. Damit kann sie dann beispielsweise den Doktortitel im Studiengang Medienwissenschaft verleihen. Praxisorientierung und Wissenschaft sollen noch enger miteinander verbunden sein.

Brandenburg bekommt jetzt auch erstmals eine eigene medizinische Hochschule. Warum haben Sie Ihre Bedenken aufgegeben?

Das überarbeitete Konzept hat überzeugt. Wir verbinden damit die Hoffnung, dass sich damit die ärztliche Versorgung in Brandenburg verbessern lässt. Finanzieren will sich die Einrichtung über Studiengebühren sowie über Beiträge der 39 Kliniken, die mitmachen. Träger werden die Ruppiner Kliniken und das Städtische Klinikum Brandenburg/Havel sein. Im kommenden Wintersemester geht es mit Psychologie-Studiengängen los, ab Sommer 2015 kommt der Modellstudiengang Medizin hinzu. Jährlich sollen 45 Ärzte ausgebildet werden.

Charité-Chef Karl Max Einhäupl hat vor der Schaffung der Hochschule gewarnt. Aus Konkurrenzdenken?

Nein. Die Verträge zwischen der Charité und den Lehrkrankenhäusern in Brandenburg laufen weiter. Ich stimme mit Herrn Einhäupl überein: Es ist tatsächlich eine große Herausforderung für die medizinische Hochschule, einen eigenen Forschungsbereich zu entwickeln. Das ist auch Bestandteil der harten Auflagen, die wir als Land erteilt haben.

Das Land gibt im Bundesvergleich immer noch das wenigste Geld für die Universitäten aus. Können Sie damit zufrieden sein – als ehemalige Uni-Präsidentin?

Brandenburg steckt inzwischen jährlich 35 Millionen mehr in die Hochschulen und Universitäten als noch vor fünf Jahren. Allein Potsdam hat heute 25 Millionen Euro mehr zur Verfügung als zu der Zeit, als ich dort Präsidentin war. Außerdem herrscht Planungssicherheit für fünf Jahre. Ich bin ganz zufrieden.

Soll Rot-Rot in Brandenburg nach der Landtagswahl im Herbst weitermachen?

In Hinblick auf die Entwicklung der Hochschule ist Rot-Rot ein Erfolgsmodell. Es ist auch gelungen, längere Vertragszeiten für akademische Mitarbeiter festzulegen. Laut einer Vorschrift dürfen Verträge nicht mehr unter zwei Jahre geschlossen werden.

Das klingt ja nicht gerade verlockend.

Je mehr Planungssicherheit die Hochschulen haben, desto länger werden sie sich bei den Verträgen festlegen. Ich halte den Weg in die Forschung nach wie vor für attraktiv. Allerdings kommt dort nur etwa ein Drittel unter. Die Hochschulen müssen deshalb noch stärker mit der Wirtschaft kooperieren.

Die Wirtschaft hat kaum Interesse an Bachelor-Absolventen. War die Umstellung ein Fehler?

Nein. Allerdings wird sich der Anerkennungsprozess noch hinziehen. 80 Prozent der Bachelor-Absolventen studieren deshalb derzeit weiter auf Master. In Brandenburg gelingt es bisher, die Kapazitäten so anzupassen, dass es genügend Masterstudienplätze gibt. Dafür gibt es aber keinen Anspruch. Ich halte es grundsätzlich für gut, wenn Studierende für den Masterstudiengang auch mal an eine andere Universität wechseln.

Mit wie vielen Studierenden rechnet Brandenburg denn zum neuen Semester?

Der Bewerbungszeitraum lief ja bis zu dieser Woche. Wir sind optimistisch, müssten realistischerweise mit einem Rückgang rechnen. Im vorigen Jahr hatten wir erstmals weniger Studierende – es waren 49.134. Es machte sich bemerkbar, dass Berlin 6000 Studienplätze mehr geschaffen hat.

Falls Sie nach der Landtagswahl weitermachen können: Was ist Ihr Ziel?

Wir müssen noch mehr tun, um weitere durchlässige Bildungsangebote zu schaffen. Mein Traum? Eine gemeinsame Universität mit Polen. Was aber als wichtiges Ziel bleibt: Die Hochschulen sollten über noch mehr Ressourcen verfügen können. In ihrem Wahlprogramm verspricht die SPD, die Hochschulen besser zu finanzieren als bisher.

Sie sind seit 2011 parteilose Ministerin. Werden Sie in die SPD eintreten?

Ich fühle mich sehr wohl in der Arbeit mit den Genossinnen und Genossen, und ich fühle mich auch so akzeptiert und respektiert. Das Land ist in dieser Legislaturperiode weiter vorangekommen, auch in der Hochschul- und der Kulturpolitik. In dem an der Sache und der Zukunft orientierten gemeinsamen und erfolgreichen Regierungshandeln ist meine Parteilosigkeit nie ein Thema gewesen.