Zweirad

DDR-Kult-Moped Schwalbe feiert seinen 50. Geburtstag

Ab 1964 wurde der Kleinroller KR 51 in den Simson-Werken Suhl in Serie produziert. Noch heute fahren etwa 250.000 der Mopeds, schätzt Schwalbe-Papst Detlef Pasenau aus Frankfurt (Oder).

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Wer bei den Namen „Schwalbe“, „Spatz“ oder „Sperber“ nicht zuerst an Vögel, sondern an Mopedtypen denkt, beweist sich als echter Fan alter DDR-Zweiräder. Und von denen gibt es offenbar mehr, als man denkt. Die Schwalbe, das erste zweisitzige Kleinkraftrad Ostdeutschlands, feiert jetzt seinen 50. Geburtstag.

Ab 1964 wurde der Kleinroller KR 51 in den Simson-Werken Suhl, die zeitweise der größte Hersteller motorisierter Zweiräder Europas war, in Serie produziert. Bis zu 60.000 Schwalben im Jahr, die in mehr als 50 Länder verkauft wurden. 1986 rollte dort die letzte von einer Million Schwalben vom Band. Doch das war eigentlich erst der Beginn des Kults.

Heute fahren noch etwa 250.000 der Mopeds herum, schätzt jedenfalls Detlef Pasenau. Der 72-Jährige betrieb bis 2006 eine Zweiradwerkstatt in Frankfurt (Oder) und kennt die Schwalbe mit all ihren Vorzügen auswendig. „Die ist unverwüstlich. Immerhin wird sie jetzt schon 50 und fährt immer noch“, sagt Pasenau – ab und zu auch „das zweibeinige Simson-Lexikon“ genannt. Der 50. Geburtstag wurde auch gebührend gefeiert. Am Sonnabend fuhren Hunderte Fans mit ihren Kultmopeds durch Suhl. Und auch am heutigen Sonntag wird gefeiert.

Rollende Antiquitäten

Detlef Pasenau hat selbst drei Schwalben in seinem Besitz – eine mit Dreigang-Handschaltung, Baujahr 1968, und Parkleuchte in der Mitte des Lenkers, ein feuerwehrrotes Exemplar mit Viergang-Fußschaltung von 1980 und ein Dreirad genannt „Krankenfahrstuhl Duo 4/1“. Nach dem Fall der Mauer hatte der gebürtige Frankfurter Pasenau damit begonnen, DDR-Zweiräder zu sammeln.

„Quer durch die einstige Republik bin ich gefahren, um längst vergessene und vergammelte Maschinen aus Ställen, Scheunen und von Schrottplätzen zu retten“, erzählt der gelernte Lokomotivschlosser. Insgesamt etwa 60 DDR-Oldtimer nennt der Sammler nicht nur sein Eigen. Er hat die meist arg ramponierten und verrosteten Mopeds in mühevoller Kleinarbeit wieder aufgebaut und zum Laufen gebracht. „54 davon sind betriebsbereit – darunter die komplette Typenpalette aus den Simson-Werken oder die Motorroller-Kollektion der Industriewerke Ludwigsfelde“, sagt er stolz.

Als sich der Tüftler zur Ruhe setzte, sollten seine rollenden Antiquitäten nicht länger in Garagen oder Kellern stehen, sondern auch anderen Fans der DDR-Zweiräder Freude bereiten. Und so schuf Pasenau auf seinem Grundstück in Alt Zeschdorf vor den Toren Frankfurts sein ganz persönliches Technikmuseum.

„Reparieren mit dem Mund“

„Ich will, dass die Leute nicht nur schauen, sondern mit mir fachsimpeln“, sagt der 72-Jährige. Mitreden könne dabei fast jeder, schließlich sei ein Moped als Jugendweihegeschenk zu DDR-Zeiten nahezu obligatorisch gewesen. In sogenannten „Schrauber“-Lehrgängen zeigt Pasenau, wie man Schlauch oder Kerze wechselt und den Vergaser säubert. Häufig macht er auch Ferndiagnosen am Telefon. „Reparieren mit dem Mund“ nennt er das. Gerade Schwalben-Besitzer zählen zu denen, die sich bei ihm Rat holen. „Wenn der Leerlauf schlecht reinzubekommen ist, dann trennt die Kupplung nicht richtig. Da musst du den Bowdenzug nachstellen“, erklärt er beispielsweise einem Anrufer.

„Die Schwalbe ist einfach zu bedienen, kaum störanfällig und mit wenigen Handgriffen zu reparieren“, sagt Pasenau. Immerhin mehr als 40 Jahre lang hatte er alle Typen dieses Kleinrollers unter Schraubenschlüssel oder Lötkolben. Zu DDR-Zeiten habe man Teile mangels Ersatz nicht einfach ausgetauscht, sondern selbst gefertigt – Pleuelbuchsen für die Kurbelwelle wurden geformt und montiert, Bremsbacken wieder belegt, in Bowdenzüge neue Seile eingelötet.

Zudem gab es in der Werkstatt ein Kerzenreinigungsgerät. „Ohne Kenntnisse im Schweißen, Schmieden und Drehen hätte man so einen Handwerksbetrieb damals gar nicht führen können“, macht Pasenau deutlich.

Schwalben-Kult begann 1989

Der Sammler weiß um den Schwalben-Kult, der allerdings erst nach 1989 begann. „Früher war die Schwalbe, auch Nonnenhocker genannt, ein Fahrzeug für Frauen“, erklärt er, „die ganze Verkleidung inklusive des charakteristischen Knieschutzbleches, die runden Ecken – das war nichts für echte Männer.“ Die DDR-Gemeindekrankenschwestern auf dem Land fuhren damit, und viele andere berufstätige Frauen zur Arbeit. 1400 bis 1800 Mark kostete die Schwalbe damals. Frei verkäuflich war sie allerdings nicht, es gab sie wie auch andere Fahrzeuge in der DDR nur auf Bestellung. „Zweieinhalb Jahre konntest du da in Frankfurt schon darauf warten“, sagt Pasenau.

Nach dem Fall der Mauer machte das DDR-Moped mit seinem leistungsstarken Motor und 60 Stundenkilometern der westdeutschen „Vespa“ Konkurrenz, die es nur auf eine Höchstgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern brachte. „Die alten Simsons kannst du richtig schalten, die sind sportlich und bieten einfach mehr Fahrspaß“, schwärmt der Fachmann, der selbst mit seiner blauen S 51 gern zum Angeln oder zum Pilze Sammeln fährt.

„Massiv“ seien die DDR-Modelle nach den Erinnerungen Pasenaus ab 1990 in den Westen verkauft worden, auch er konnte sich vor Anfragen kaum retten. Was aus seinem Museum, dem laut Besuchern „wahren Kleinod ostdeutscher Zweiradfahrzeuge“, später wird, weiß er nicht. Diese Aussicht stimmt ihn traurig. Denn seine beiden Kinder sind bereits verstorben, und es gibt niemanden, der Grundstück und Zweiräder übernehmen kann.