Frankfurt (O.)

Wenn die Glocke einen Sprung in der Schüssel hat

Der Guß der großen Glocke für die Marienkirche in Frankfurt (O.) ist misslungen. Die Lehmform platzte, das Metall trat aus. Nun soll ein zweiter Versuch unternommen werden, „Osanna“ herzustellen.

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Es ist heiß in der Werkhalle der Firma Grassmayr in Innsbruck. Wird der Trommelofen kurz geöffnet, um die Temperatur des glühenden Metalls darin zu messen oder eine Gussprobe zu nehmen, erscheint die Hitze fast unerträglich. Dazu kommt die Anspannung von gut 60 Frankfurtern, die hinter Absperrgittern genau beobachten, was die vier Arbeiter in den Teflon-Anzügen in Vorbereitung des Glockengusses machen. Immerhin geht es um eine wuchtige neue Glocke für die Marienkirche in Frankfurt an der Oder.

Erläuterungen gibt es per Mikrofon von Gussleiter Peter Grassmayr. Er erklärt, dass der Ofen bereits um 2 Uhr morgens angeheizt worden ist, um Kupfer zu schmelzen und es auf die richtige Gusstemperatur zu bringen. Das rotglühende Metall brodelt, als der Ofen erneut geöffnet und Zinnbarren in seinen Schlund geschoben werden. Anschließend schultert einer der Arbeiter einen schweren Baumstamm aus feuchtem Erlenholz, führt ihn in den Ofen, rührt die nunmehr über 1100 Grad heiße brodelnde Masse um. Bei dieser Prozedur werden dem Metall Gase entzogen, die beim Mischen der Bronze entstehen, sagt sein Bruder und Geschäftsführer Johannes Grassmayr.

Da der Schmelzpunkt von Zinn deutlich niedriger sei, als der von Kupfer, werde das silberfarbene Metall erst kurz vor dem Guss in den Ofen gebracht. Die richtige Mischung ist ausschlaggebend für Klangfrequenz und Schwingungen der Glocke. Als die stimmt, ergießt sich ein Strom in leuchtendem Orange. Es plätschert laut aus dem Ofen durch eine Gussrinne in die Öffnung der Glockenform.

Doch irgendetwas stimmt nicht: Zwei Meter hohe Flammen schlagen aus der Öffnung und rußen die Werkshalle zu. Der Glockenguss missglückt. Der Druck der flüssigen, rund 1100 Grad heißen Bronze ist offenbar zu stark, die Form platzt und das Metall tritt an den Rissen aus. Die Frankfurter Zuschauer sind sichtlich enttäuscht, genauso wie die Erfolg gewöhnten Brüder Grassmayr, deren Familienbetrieb schon seit 1599 Glocken gießt. Europaweit gehören die Innsbrucker zu den wenigen, die sich heute noch auf das Gießen besonders großer, mehrere Tonnen schwerer Kirchenglocken verstehen. „Eigentlich waren wir fertig, die Glockenform randvoll“, Peter Grassmayr schüttelt immer wieder seinen Kopf. „Das passiert einmal im Jahrhundert“, murmelt sein Bruder Johannes Grassmayr. Er kann es kaum glauben.

„So etwas schmiedet zusammen“

„Schwer beeindruckt“ trotz des missglückten Gusses zeigt sich Frankfurts Oberbürgermeister Martin Wilke. „So ein Erlebnis schmiedet zusammen. Beim zweiten Mal wird es gelingen – dann kommen wir wieder“, sagt er. Dennoch: Nach der langen Vorfreude sind alle enttäuscht. Dass die Herstellung der neuen Glocke für die Frankfurter Marienkirche kein Kinderspiel wird, lag auf der Hand. Immerhin wog das „Osanna“ genannte Original des mittelalterlichen Geläuts, das einst die Frankfurter zum Sonntagsgottesdienst rief, mehr als 5000 Kilogramm. Sie war die größte der insgesamt sechs Glocken, die einst von den Doppeltürmen des 1253 errichteten Gotteshauses in Frankfurts Innenstadt läuteten.

Das Geläut der Oderstadt war einst das größte und historisch bedeutsamste seiner Art in der Mark Brandenburg und soll es möglichst auch wieder werden. Dafür hat der Frankfurter Förderverein St. Marien über Jahre Spenden gesammelt, die von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung unter dem Motto „Aus 1 mach 3“ aufgestockt wurden. Insgesamt 360.000 Euro stehen nun zur Verfügung, um zumindest drei Glocken neu gießen zu lassen. Im Winter 1942 waren sie zum letzten Mal vollständig zu hören gewesen. Erst wurden zwei Glocken abgenommen, um das Metall für die Rüstungsindustrie zu nutzen. Als der Sakralbau im April 1945 in Flammen aufging, stürzten die übrigen vier Glocken in die brennende Kirche und schmolzen.

„Maria“ tauchte in Hamburg auf

Die einzige noch original erhaltene ist die frühere Mittelglocke aus dem 15. Jahrhundert, „Maria“ genannt. Sie war eine der beiden 1942 abgenommenen Exemplare, 4120 Kilogramm schwer. Wie durch ein Wunder entging sie der Einschmelzung und kehrte im Dezember 1949 aus einem Sammellager im Hamburger Freihafen nach Frankfurt zurück – allerdings reparaturbedürftig.

Inzwischen ist die letzte mittelalterliche Großglocke in der Mark ebenfalls aus Spenden restauriert. Vier Jahre lang stand „Maria“ vor dem Westportal der Frankfurter Marienkirche – so, als würde sie auf ihre Geläut-Schwestern warten. Doch vor Kurzem wurde der 600 Jahre alte Bronzekoloss nach Innsbruck gebracht, um das Zusammenspiel zwischen alter Glocke und neuen Exemplaren abzustimmen.

Wie das mit dem Guss funktioniert, beweisen die Österreicher später bei der Fertigung der zwei kleineren Frankfurter Glocken - „Adalbert“, die Mittagsglocke mit 1600 Kilogramm Gewicht und „Hedwig“, die kleine, 200 Kilogramm schwere Abendglocke. „Ruhe, wir müssen hören, wie das Metall fließt“, mahnt ein nervöser Peter Grassmayr. Doch dieses Mal geht es gut. Ende März wollen sie einen neuen Guss für „Osanna“ wagen.

Ob jedoch der Zeitplan zu halten ist, ist unklar. Eigentlich war die Rückkehr der Glocken für Anfang Mai geplant, Altbischof Wolfgang Huber sollte sie mit einem öffentlichen Gottesdienst einweihen. Anschließend sollte mit der Montage im Kirchturm begonnen werden, damit das St.-Marien-Geläut zu Pfingsten wieder erklingen kann.