Fürstenwalde

Von der historischen Burg zum Mehrgenerationenhaus

Eine Berliner Familie hat das älteste Gebäude in Fürstenwalde saniert und einen Ort für alle geschaffen. Der einstige Schandfleck hat sich zur Schönheit gewandelt. Kosten: mehr als eine Million Euro.

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / Klaus Dietmar Gabbert

Zugegeben, die Bezeichnung Schloss ist schon etwas irreführend, und es war auch keine Liebe auf den ersten Blick. Handelt es sich bei dem als Schloss bezeichneten Gebäudekomplex im Stadtzentrum von Fürstenwalde doch eher um die Überreste einer Wehranlage, mit der das eigentliche, heute nicht mehr existierende Bischofsschloss im Mittelalter geschützt worden war.

Die allerdings erhalten gebliebene, an eine Burg erinnernde Immobilie mit bis zu dreieinhalb Meter dicken Feldsteinwänden ist immerhin das älteste Gebäude der damals wohlhabenden Spreestadt, 1353 erbaut und in die Stadtmauer integriert.

Noch vor wenigen Jahren sah es so aus, als wäre das Schicksal der Burgreste besiegelt: Der damalige Besitzer hatte sich mit der mittelalterlichen Ruine übernommen, sie verfiel zusehends. Die Stadt sicherte die historische Substanz durch ein Dach vor weiterem Schaden. In diesem Zustand entdeckten Jens Schmidt und Tochter Saskia vor vier Jahren das heruntergekommene Ensemble – in einem Versteigerungskatalog.

Auf der Suche nach einem Mehrgenerationenhaus

„Wir waren in ganz Brandenburg schon länger auf der Suche nach einem Objekt, aus dem wir ein Mehrgenerationenhaus machen könnten“, sagt er, „für meine Mutter, meine Frau und mich sowie für den bereits erwachsenen Sohn und die Tochter.“ Doch entweder waren die besichtigten Immobilien zu marode, zu groß oder zu teuer.

Die alte Fürstenwalder Burg begeisterte vor allem Tochter Saskia, 30, die als gelernte Fotografin von einem eigenen Studio träumte. Vater Jens, 61, konnte zunächst nicht glauben, dass sich seine Tochter ernsthaft mit dem Kauf befasste. Als aber das historische Ensemble bei der Versteigerung keinen Käufer fand, der Vorbesitzer den Schmidts einen guten Preis machte, die Berliner zudem mit der Stadt Fürstenwalde, einem befreundeten Bauingenieur sowie potenziellen Fördermittelgebern gesprochen hatten, war das künftige Mehrgenerationenhaus schnell Eigentum der Berliner.

Sehr zum anfänglichen Missfallen von Mutter Victoria Schmidt-Zerfowski. Die empfand die Burgruine als „eine Nummer zu groß“, sagt sie. „Ich habe meinen Mann und die Tochter für verrückt erklärt, wollte gar nicht erst aus dem Auto steigen“, erinnert sich die 60-Jährige, die ihr Berufsleben bis zum damaligen Zeitpunkt im Berliner Blumengroßhandel bestritten hatte. Damals aber war der Markt in einem Wandel, Schmidt-Zerfowski suchte nach neuen Aufgaben. Seit einem Jahr nun ist sie stolze Besitzerin des Restaurants und Cafés Bischofsschloss Fürstenwalde im Erdgeschoss und Gewölbekeller des Mehrgenerationenhauses, in dem viel Dekoratives, aber nicht eine unechte Blume zu finden ist.

Scheinwerfer tauchen die Burg jetzt in goldenes Licht

Die Immobilie mit den Zinnen und Schießscharten erstrahlt in elegantem Hellgrau. Durch Scheinwerfer in goldenes Licht getaucht, hat die Burg durchaus Schloss-Ähnliches. Die Immobilie hat sich vom Schandfleck zur Schönheit gewandelt, zur Erleichterung der Stadt. „Es war ein großer Glücksgriff, so eine engagierte Familie zu finden, die einen Großteil der Sanierung aus ihrem Privatvermögen bestreitet“, sagt Stadtsprecherin Annegret Trilling.

Nach vorheriger Anmeldung führt Victoria Schmidt-Zerfowski auch gern Besucher durch das geschichtsträchtige Gemäuer, zeigt auf die schwarz-weißen Kacheln, die sich in allen Schlössern finden lassen, auf die Holztreppe aus dem 18. Jahrhundert. „Die lag unter DDR-Linoleum und war so geschützt“, sagt sie.

Auf der Speisekarte finden sich nicht nur fleischlose Gerichte wie Pilznudeln oder Linsenragout, sondern auch zum Beispiel Kalbsschnitzel im Schafspelz. Bis Familie Schmidt in ihr Schloss einziehen und die Bewirtung eröffnen konnte, war es allerdings ein langer Weg, der vor allem den Hausherrn ab und zu einmal zweifeln ließ. „Mehr als eine Million Euro haben wir in die Schönheitskur der Burg gesteckt, dafür unser Haus in Berlin verkauft“, erinnert er sich. Aus verschiedenen Töpfen flossen 40 Prozent der Investitionen als Fördermittel in die Sanierung.

Restaurierung mir archäologischer Begleitung

Dass so eine alte Bausubstanz durchaus Überraschungen birgt und die Restaurierung unter den wachsamen Augen der Denkmalschützer nicht immer problemlos läuft, liegt auf der Hand. „Da braucht man einen langen Atem“, sagt Stadthistoriker Florian Wilke, der die Bauarbeiten archäologisch begleitet und dabei unter anderem steinerne Kanonenkugeln, alte Ofenkacheln mit Reliefs und jede Menge Scherben früherer Jahrhunderte gefunden hat.

Schmidts haben nicht nur ihren Beitrag zu einem schöneren Stadtbild geleistet, sie engagieren sich auch sozial. Hausherrin Schmidt-Zerfowski hilft Kindern aus armen Familien bei einer gesunden Ernährung, indem sie mit ihnen kocht und Familiennachmittage anbietet. Noch immer nicht fertig ist das Fotostudio der Tochter im Westflügel, auch in den vier Wohnungen gibt es noch eine Menge zu tun. Aber immerhin bieten 800 Quadratmeter Nutzfläche jede Menge Platz für Ideen und Träume.