Eichwalde

14-Jährige lernte ihren Mörder im Internet kennen

Eichwalde trauert nach der tödlichen Messerattacke auf eine 14-Jährige. Zugestochen haben soll ein 20-Jähriger, den das Mädchen aus dem Internet kannte. Er sitzt jetzt in Haft.

Foto: Steffen Pletl

Alyssa war fast schon zu Hause. Bei ihrer Familie, in Sicherheit. 400 Meter waren es gerade noch, wenn nicht weniger. Doch die 14-Jährige wird das Einfamilienhaus an der Heinrich-Heine-Allee in Eichwalde nie wieder betreten. Die offenbar fanatische Liebe eines 20 Jahre alten Mannes aus Köln schlug um in Hass, der junge Mann zückte ein Messer und stach zu. Alyssa starb um 15.15 Uhr unter einer Buche. Der 20-Jährige flüchtete, offenbar um Selbstmord zu begehen. Er wurde auf S-Bahngleisen gesichtet und festgenommen, ein Haftbefehl wegen Mordes und gefährliche Körperverletzung wurde erlassen. So der Stand der Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft. Zurück bleibt eine traumatisierte Familie, die nicht zum ersten Mal schreckliches Leid ertragen muss, die zum zweitem Mal ein Kind verloren hat. Erst zwei Jahre ist das her. Zurück bleibt aber auch eine 6000-Einwohner-Gemeinde, auf die das ganze Land schaut. Deren Bewohner tief getroffen sind und nach Erklärungen suchen.

Alyssa war ein beliebtes Mädchen

Alyssa B. war in der Schule eine beliebte Mitschülerin. Hatte Freundinnen und Kumpel. Sie achtete sehr auf ihr Äußeres, interessierte sich für Mode und Make-up. Und sie war in den sozialen Netzwerken unterwegs, wie der Großteil der Teenager in ihrem Alter. Eben ihr Alter fälschte das hübsche Mädchen nach oben. Gab sich als 16-Jährige aus. Vor einem halben Jahr, so erfuhr die Berliner Morgenpost aus ihrem Bekanntenkreis, lernte sie im Internet den 20 Jahre alten Maurice M. kennen. Der Mann stammt eigentlich aus Köln, lebte aber zuletzt in Düsseldorf. Es wurde gechattet, immer wieder. Bis Maurice M. sich in das Mädchen verliebte. Eine Schulfreundin berichtet, die beiden hätten sich mehrfach heimlich getroffen. Alyssas Mutter wollte nicht, dass ihre Tochter in den sozialen Netzwerken unterwegs war. Sie untersagte es, aus Angst um ihre Tochter. Zwei Jahre zuvor hatte sich ihr Stiefsohn aus persönlichen Gründen vor einen Zug geworfen.

Ein Freund berichtet, dass sich Alyssa dann irgendwann von Maurice M. genervt fühlte. Der sprach von einer gemeinsamen Zukunft, sogar von Hochzeit. Und von gemeinsamen Kindern. Viel zu früh für eine 16-Jährige, die eigentlich erst 14 ist. Der Kontakt im Internet bestand weiterhin.

Vor wenigen Tagen, offenbar am Sonnabend, reiste Maurice M. nach Eichwalde. Noch ist unklar, ob Alyssa letztlich doch einem neuerlichen Treffen zugestimmt hatte oder der junge Mann ohne Ankündigung in die kleine Stadt südöstlich von Berlin gekommen war. Fest steht nur, dass es die letzten Tage im Leben der Teenagerin sein sollten.

Es gab ein Treffen mit der Familie. Nach Informationen der Berliner Morgenpost soll Alyssas Mutter den jungen Mann als „unheimlich“ empfunden haben. Auch Alyssa sei befremdet gewesen, und es sei der Entschluss getroffen worden, die Verbindung zu beenden. In Maurice M., so kann man nur vermuten, muss sich Verzweiflung in Hass gesteigert haben. Was in ihm vorgegangen sein muss, kann nur er sagen, die Vernehmungen dauern an.

Zeugen sahen den Täter am Baum

Montag, 15 Uhr. Jürgen E. ging mit seinem Hund die Heinrich-Heine-Allee entlang, wie jeden Tag. Er sah einen jungen hochgewachsenen Mann, der sich mit einer jungen Frau stritt. Er erkannte sie als das Mädchen aus der Nachbarschaft. Die beiden diskutierten sehr laut. Ein Jugendlicher, ihr Schulkamerad Willi, hatte Alyssa begleitet. Beide waren nach der Schule auf dem Nachhauseweg. Wie immer hatten sie den Zug aus Wildau genommen. Willi wollte den Streit zwischen Alyssa und dem älteren Maurice M. schlichten.

Jürgen E. berichtet später: „Als ich sie passierte, beruhigte sich die Szene. Die drei haben noch meinen Hund gestreichelt.“ Dann geht Jürgen E. weiter. Er ahnt nicht, was sich wenig später ereignen wird. Auch ein anderer Mitschüler, er heißt Tim, ist in gewisser Weise Zeuge der Tat geworden. Er ging 50 Meter vor Alyssa und ihrem Klassenkameraden. An der Buche, unter der die 14-Jährige sterben sollte, sah er den Mann stehen. Aber er dachte sich nichts dabei. Offenbar lauerte Maurice M. seinem Opfer da bereits auf.

Was sich genau in diesen folgenden Augenblicken abspielte, muss die Polizei herausfinden. Dabei sind die Ermittler nun auf die Aussage von Alyssas Mitschüler Willi angewiesen, der beim Versuch verletzt wurde, seine Schulfreundin zu retten. Während des Streits, so Informationen der Morgenpost, soll der mutmaßliche Täter gerufen haben: „Wenn nicht mit mir, dann mit niemandem. Dann bringe ich uns beide um.“ Während Alyssa an den Folgen des Messerstichs starb, rannte Maurice M. davon. Er setzte sich auf die Eisenbahngleise und wartete auf den Tod. Aber er wurde von Zeugen gesehen, die die Polizei alarmierten. Die Beamten konnten den 20-Jährigen festnehmen. Er schwieg zunächst gegenüber den Ermittlern.

Seelsorger rund um die Uhr

Die Mutter von Alyssa, die in dem Ort eine Physio-Praxis betreibt, brach nach der Nachricht zusammen. Zwei Jahre lang hatte sie versucht, nach dem Selbstmord ihres Stiefsohnes wieder ins Leben zurück zu finden. Dann die Nachricht vom Tod ihrer Tochter. Nun wird sie rund um die Uhr von einem Seelsorger betreut.

Auch für den Seelsorger, Klaus Scholz, ist der Mord an Alyssa nur schwer zu bewältigen. „Vor zwei Jahren musste ich bereits in dieses Haus gehen. Damals, als sich der Stiefsohn das Leben nahm, indem er sich vor einen Zug warf. Und jetzt, zwei Jahre später, bin ich wieder da“, sagt Scholz am Dienstag, nachdem er die Familie für einen Augenblick verlassen hat. Der Zustand der Familie sei nicht zu beschreiben. Die Patchwork-Familie hatte drei Kinder. Alyssa und zwei Jungs. Nun ist nur noch ein Kind da. Klaus Scholz hat das Mädchen sogar noch gesehen. „Als ich von der Nachricht hörte, bin ich sofort aufgebrochen. Mir war klar, dass ich nun gebraucht wurde. Und zwar schnell.“

„Wie soll diese Familie jemals wieder glücklich werden?“

Auf seinem Weg in die Heinrich-Heine-Allee sah er das erstochene Mädchen liegen. Und er sah auch noch Maurice M. im Rettungswagen sitzen. Man hatte ihn für verletzt gehalten, weil er blutüberströmt war. Mit Alyssas Blut. Das sei alles unfassbar, auch für jemanden, der in einem Bereich arbeite, in dem die Menschen häufig unfassbares Leid ertragen müssen. Doch das sei nichts im Vergleich zu dem, was die Mutter nun erleben müsse. Und der verbleibende Sohn.

„Wie soll diese Familie jemals wieder glücklich werden?“, fragt eine Anwohnerin, die Tränen in den Augen hat. Die Menschen freuen sich auf Weihnachten, planen die Festtage, und diese Familie steht am Abgrund. Es ist so unerträglich traurig.“ Ein Anwohner sieht eine Mitschuld in den nicht kontrollierbaren Weiten des Internet. „Eigentlich sollte dadurch eine Erleichterung im Alltag erreicht werden. Aber leider ist das Internet auch eine Möglichkeit für kranke Menschen aller Art, mit potenziellen Opfern in Kontakt zu kommen. Und für die Eltern ist es dadurch umso schwerer, ihre Kinder zu kontrollieren.“

Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelt gegen den 20-Jährigen jetzt wegen Mordes. Angehörige der Mordkommission untersuchen den Fall. Hinweise aller Art zu dem Verbrechen nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.

Psychologen betreuen Klassenkameraden

Seelsorger des sozialpsychologischen Dienstes waren am Tag nach der Tat auch zur Schule nach Wildau gefahren, auf die Alyssa gegangen war. Unterrichtet wurde am Dienstag nicht, daran sei nicht zu denken gewesen, sagte ein Mitschüler. Die Klasse des Opfers hätte still beisammen gesessen. Mit Kerzen in der Hand und Erinnerungen an ihre Alyssa. Ähnliche Szenen spielten sich auch in der Klasse von Alyssas Bruder ab, der nun das einzige Kind in der Familie ist. „Das Grausame“, so berichtet ein Mädchen später, „ist zu begreifen, dass sie niemals wieder kommen wird. Aber sie ist nicht weggezogen an einen Ort, wo man anrufen oder an den man einen Brief schreiben könnte. Sie ist weg für immer. Alyssa wird nicht wieder zum Unterricht kommen. Das will uns nicht in den Kopf.“

Die Buche, unter der das Mädchen sterben musste, war bislang ein Baum unter vielen auf dem Heimweg der Jugendlichen von Eichwalde. Schnitzereien sind in der Rinde zu sehen. Herzchen, verliebte Schriftzüge. Seit Dienstag wird dieser Baum immer an diese Tat erinnern. Die Menschen aus der Nachbarschaft und der Umgebung kommen dorthin. Sie legen Blumen nieder und Teddy-Bären, auch Nachrichten an Alyssa. Einige haben ihre Adressen darauf geschrieben, um die Anteilnahme persönlicher zu machen. In der Dämmerung standen am Dienstag noch Jugendliche an der Stelle zusammen, die die 14-Jährige besonders gut kannten. Immer wieder fragen sie sich – warum.