Stasi-Unterlagen

1500 Säcke voller Schnipsel erzählen vom DDR-Unrecht

In der Stasi-Unterlagen-Behörde in Frankfurt (Oder) lagern 1500 Säcke voller Schnipsel. Die brisanten Materialien wurden 1989 in Stücke gerissen. Bislang konnte erst ein Bruchteil rekonstruiert werden.

Foto: Christian Schroth

Am Anfang war da das Konterfei des schwedischen Königs. Rüdiger Sielaff, Leiter der einzigen Brandenburger Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde in Frankfurt (Oder), erinnert sich noch gut daran, wie ihn die wieder zusammengesetzte Porträt-Postkarte aufmerken ließ. Fand sich das gute Stück – in vier Teile zerrissen - doch in einem Sack mit lauter Papierschnipseln, Hinterlassenschaften der Frankfurter Bezirksbehörde des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).

Als Bürgerrechtler 1989 die Stasi-Gebäude stürmten, versuchten Mitarbeiter in Windeseile die brisantesten Materialien zur Überwachung eines ganzen Volkes noch zu vernichten. Das gelang ihnen nur bedingt - durch das Zerreißen von Unterlagen. Insgesamt gibt es in der Stasi-Unterlagen-Behörde noch 15.000 dieser Säcke mit Papierschnipseln, mehr als 1.500 in der Frankfurter Außenstelle. „In zehn Jahren haben wir bereits 50 rekonstruiert und ausgewertet“, macht der Behördenleiter die mühselige Arbeit am „größten Puzzle der Welt“ deutlich. Damit werde eine erhebliche Gerechtigkeitslücke geschlossen, so Sielaff. So mancher Stasi-Spitzel, der glaubt, ungeschoren davon gekommen zu sein, muss sich auch 45 Jahre später plötzlich seiner Verantwortung stellen – so wie im Fall des IM Thomas.

Der Anfang einer schier unglaublichen Stasi-Spitzel-Geschichte

Sielaff hatte Ende 2011 den richtigen Riecher. Denn die Königs-Postkarte war der Anfang einer schier unglaublichen Stasi-Spitzel-Geschichte, wie sie auch der erfahrende Behördenleiter noch nicht erlebt hat. Der gebürtige Österreicher Aleksander Radler, der in den 1960-er Jahren an der Berliner Humboldt Theologie studierte, war als Informeller Stasi-Mitarbeiter (IM Thomas) nach Einschätzung von Sielaff einer der skrupellosesten und heimtückischten, die es je gegeben hat. „Einen derartigen Vertrauensbruch habe ich noch nie erlebt“, bringt er die Sache sichtlich erschüttert auf den Punkt. Zitat eines Stasi-Führungsoffiziers: „IM Thomas ist als zuverlässiger, ehrlicher und überprüfter IM anzusehen, der sich fest an das MfS gebunden fühlt.“

Mindestens acht Menschen, die die DDR verlassen wollten, brachte Radler demnach durch seine Spitzeltätigkeit für mehrere Jahre ins Gefängnis. Er genoss ihr Vertrauen, weil er als Österreicher die DDR ungehindert verlassen und wieder einreisen konnte. Studenten aus Jena und Berlin vertrauten ihm 1968 Post an die Westverwandtschaft an, die der Theologiestudent erst jenseits der DDR-Grenzen in den Briefkasten werfen sollte, um der Stasi-Post-Kontrolle zu entgehen. Schließlich baten sie Onkel oder Tante im Westen um finanzielle Unterstützung, um per Fluchthelfer die DDR verlassen zu können. Doch statt bei der lieben Verwandtschaft landete die brisante Post geradewegs beim MfS.

Die Absender wurden noch am gleichen Tag verhaftet. Zu ihnen gehörte die frischgebackene Lehrerin Gesine Overkamp „Wir waren sechs junge Leute, nicht politisch organisiert, sondern beispiellos naiv. Uns einte lediglich der Gedanke, aus der DDR zu flüchten“, erinnert sich die Mitsechzigerin. Aleksander Radler sei ihnen als vertrauenswürdig empfohlen worden. Selbst nach ihrer Verhaftung schöpften die verhinderte „Republikflüchtlinge“ keinen Verdacht. „Einen Österreicher, und dann auch noch Theologiestudent – bei dem konnten wir uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Stasi so einen nimmt“, erzählt Zeitzeuge Henning Frunder, damals Physikstudent. Der von ihnen so geschätzte Vertraute verfasste für die Stasi sieben handschriftliche Seiten mit seinen Erkenntnissen über die Studentengruppe aus Jena.

Postkarten als Code

Mit seiner markanten Handschrift hat Radler es den Puzzlern in der Frankfurter Unterlagen-Behörde leicht gemacht. „Mehr als 1000 Seiten zerschnipselte Akten haben wir zu IM Thomas wieder zusammengesetzt. Immerhin spitzelte er im Auftrag der Stasi bis zum Ende der DDR“, sagt Sielaff. Warum der umtriebige Spion ausgerechnet von der Frankfurter Stasi-Bezirksbehörde geführt wurde, ist Sielaff ihm seiner Recherche allerdings nicht so ganz klar geworden. „Vermutlich wurde IM Thomas 1965 auf einem Kirchentag in Frankfurt als Spitzel angeworben.

Laut den Akten hat er sich in der Stadt auch immer wieder mit seinen Führungsoffizieren getroffen.“ Er stimmte sein Leben kontinuierlich mit dem MfS ab, berichtete über alles detailliert –seine Kontakte nach Westberlin, zu Fluchthelfern, ehemaligen DDR-Bürgern und Kirchenkreisen. Selbst der Kreis um den Regierenden Bürgermeister Schütz war vor IM Thomas nicht sicher. Und Radler schickte die merkwürdigen Postkarten mit sinnfreien Zeilen an Frankfurter Deckadressen. „Wir haben lange gebraucht, um das Kartensystem zu entschlüsseln“, sagt der Frankfurter Behördenleiter.

Demnach war nicht das Geschriebene ausschlaggebend, sondern das Kartenmotiv. „Es ging um versteckte Botschaften an die Stasi: Tiermotive signalisierten Gefahr, Landschaftsaufnahmen, dass er materielle Unterstützung benötigte, das Königsporträt die Bestätigung eines Trefftermins.“ Der DDR-Geheimdienst entlohnte einen der eifrigsten seiner Spitzel reichlich, sponserte seinen Lebensunterhalt, half bei der Beschaffung theologischer Literatur. Die Stasi finanzierte ihm ein Leben in Schweden, wo er nach den Studentenverhaftungen 1968 zum Schein untergetaucht war. Dort promovierte und habilitierte Radler später sogar, spitzelte dabei unbeirrt weiter.

Immer wieder reiste er allerdings in die DDR, von der er seinem Führungsoffizier schrieb, dass er sie als sein „eigentliches Vaterland“ ansehe. Auch dieser Brief findet sich in den zusammen gepuzzelten Schnipseln der Frankfurter Außenstelle. „Sein größter Wunsch war eine Theologie-Professur an einer DDR-Uni.“ 1988 war es dann in Jena soweit. Das hatte die Stasi arrangiert, damit er Kontakt zur thüringische Landeskirche erhält und sie bespitzeln konnte.

Offene Wunden

Nach dem Zusammenbruch der DDR floh IM Thomas erneut nach Schweden. Dort führte er bis zum vergangenen Jahr ein beschauliches Leben als Pfarrer und Mitglied des Stadtrates. Durch Recherchen schwedischer Journalisten erhoben seine Opfer Overkamp, Frunder und Manfred Winter ihre Stimme. Sie erreichten zumindest, dass er alle seine Ämter aufgeben musste. Nach Jahrzehnten der Ungewissheit hatten seine Opfer in den eigenen Stasiakten Mitte der 1990er Jahr erfahren, wer so einschneidend in ihre Biografien eingegriffen hatte. Nun bekamen sie die Gelegenheit, den einstigen Vertrauten in der Öffentlichkeit zur Rede zu stellen. Auf ein Wort der Entschuldigung hofften sie bisher vergeblich. Trotz Beweisen aus den Stasi-Akten leugnete der heute 68-Jährige zunächst alles, bekannte sich später nur in einer schriftlichen Erklärung.

„Von einem Theologen hätte ich mehr moralische Integrität erwartet“, ist sich Sielaff mit den Opfern von IM Thomas einig. „Ohne die Akten-Rekonstruktion hätten wir nie erfahren, wer sich hinter IM Thomas verbirgt“, macht der Frankfurter Behördenleiter die Wichtigkeit der Schnipsel-Puzzelei deutlich. Denn für die Rehabilitierung von Opfern sowie für die politisch-historische Aufarbeitung seien die Akten unumstößliche Beweise. „Es gibt tausende Opfer mit offenen Wunden im Herzen. Nur durch Aufklärung können sie innere Zufriedenheit finden“, sagt Zeitzeuge Frunder. Sielaff ergänzt: „Wir sorgen mit der Auswertung der rekonstruierten Materialien dafür, dass sich Täter nicht länger vor ihrer zumindest moralischen Verantwortung drücken können – so wie IM Thomas.“

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