Filmrestaurierung

In Hoppegarten schweben Kinoklassiker in Gefahr

Das Bundesarchiv in Hoppegarten kann das Erbe des deutschen Films nicht fachgerecht lagern. Einige Magazine sind in desolatem Zustand. Chemische Ausdünstungen erschweren zudem die Restaurierungsarbeit.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Für eine Kultureinrichtung wird hier mit ziemlich gefährlichen Stoffen hantiert. „Nitrocellulose fällt unter das Sprengstoffgesetz“, erklärt Egbert Koppe und zieht die schwere Brandschutztür hinter sich zu. Der Stoff ist so explosiv, dass er für Raketenantriebe und als Bergbausprengstoff verwendet werden kann.

Aber Koppe ist kein Sprengmeister, sondern Chef der Filmrestaurierung des deutschen Bundesarchivs. Früher wurden aus leicht entflammbarer Nitrocellulose auch Filme gemacht.

In Hoppegarten bei Berlin werden diese für eine Langzeitlagerung präpariert und dupliziert, manche sind über 100 Jahre alt. Etwa 150.000 Titel aus der deutschen Filmgeschichte bewahrt das Bundesarchiv an seinen verschiedenen Dienstorten auf. In Magazinen gelagert sind sie auf insgesamt einer Million Filmrollen und Videokassetten. Und es kommen ständig neue hinzu. „Unsere Aufgabe ist es, die Filme zu erschließen und über die Restaurierung und Konservierung für die Nachwelt zugänglich zu machen“, sagt Referatsleiter Koppe.

Restaurierte Klassiker durchlaufen allerlei Prozeduren

Das Filmarchiv bemüht sich um die vollständige Sicherung der deutschen Filmproduktion – von den ersten Filmen der Brüder Skladanowsky bis zu aktuellen Produktionen. Ein spektakuläres Beispiel ist „Das boxende Känguruh“ von 1895. Das Jahr gilt als Geburtsstunde des deutschen Kinos. Damals luden die Brüder Max und Emil Skladanowsky zur ersten Filmvorführung ins Berliner Varieté Wintergarten ein.

Ein anderer berühmter Titel ist „Geheimnisse des Orients“ von 1928: Der Film lief jüngst bei den UFA-Filmnächten in Berlin. Zuvor sei er im Archiv in Hoppegarten „frisch restauriert“ worden, sagt Koppe.

Die Klassiker werden geflickt, durchlaufen Reinigungsbäder und allerlei Prozeduren mehr. Die Wiederaufführungen der restaurierten Filme wurden in den vergangenen Jahren immer wieder zu großen Kino-Events. Vor historischer Kulisse und mit aufwendiger Live-Musik-Begleitung wurde so am 17. August am Schinkelplatz der restaurierte Streifen „Die Geheimnisse des Orients“ des berühmten russischen Regisseurs Alexander Wolkoff gefeiert.

Bundesarchiv hat Standorte im Osten und Westen Deutschlands

Der Film steckt voller visueller Effekte. Es ist einer der letzten großen Filme der Stummfilmära und zählt zur Avantgarde der Filmkunst. Ali, ein Schuster aus Kairo, der seine Frau nicht mehr ertragen kann, ergreift mit Hilfe einer Zauberpfeife die Flucht aus dem Alltag und erlebt actionreiche Abenteuer. Die Restaurierung im Bundesarchiv macht es möglich, dass ein großes Publikum das filmische Erbe wiederentdeckt.

Das Problem ist bei den meisten Filmen die anschließende Lagerung. Eigentlich sollte es längst einen modernen zentralen Neubau geben für die Filmarchivierung. Die Pläne reichen bis in die 90er-Jahre zurück. Doch das Bundesarchiv hat noch immer Standorte in Koblenz, Berlin und eben in Hoppegarten. Das ist nicht nur mit logistischem und finanziellem Mehraufwand verbunden. Auch die Filme leiden darunter. Einige Magazine seien in einem desolaten Zustand, heißt es beim Bundesarchiv.

So lägen die klimatischen Bedingungen für Schwarz-Weiß-Filme am Standort Wilhelmshagen im Berliner Südosten, nahe der Landesgrenze, seit Jahren außerhalb des internationalen Standards, sagt Referatsleiter Koppe. „Zudem hat die mangelnde Frischluftzufuhr dazu geführt, dass uns die chemischen Ausdünstungen der Filme Arbeitsschutzprobleme beschert haben“, so Koppe.

Provisorische Lagerung auf ehemaligem Stasi-Gelände

Austretendes Naphthalin sorgte im Frühjahr für Schlagzeilen. „Giftgas bedroht den Filmschatz von Berlin“, hieß es in den Zeitungen. Naphthalin riecht ätzend, wurde einst als Wirkstoff in Mottenkugeln verwendet. Es führt zu Hautreizungen, Übelkeit, kann Leber und Nieren schädigen. Der Stoff soll auch krebserregend sein. Experten vermuten, dass sich im Erdboden unter dem Archiv-Gelände mitten im Wald in der Nähe von Rahnsdorf eine Naphthalin-Blase ausbreitet.

In einer Art Notumlagerung wurden dann 250.000 Filmrollen provisorisch in eigentlich für Aktenlagerung vorgesehene Magazine auf ein ehemaliges Stasi-Gelände in Hoppegarten gebracht. Aber dort reiche die Klimatechnik für eine fachgerechte Lagerung ebenfalls nicht aus, sagt Koppe. „Die Filme leiden darunter, gehen auch kaputt. Bei der Restaurierung wirft uns das um Jahrzehnte zurück.“

Wichtiges Kulturgut Kinofilm

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hatte noch im vergangenen Oktober betont, welch wichtiges Kulturgut Kinofilme seien. Als „einzigartiges Zeugnis“ unserer Geschichte müssten sie für nachfolgende Generationen erhalten werden, sagte Neumann, nachdem das Bundeskabinett die Pflichtregistrierung der Kinofilme beschlossen hatte. Diese sei ein wichtiger Schritt zur dauerhaften Sicherung des Filmerbes im Bundesarchiv als dem zentralen nationalen Filmarchiv.

Aber diesen zentralen Ort gibt es nicht. Die Zentralisierung der Arbeitsbereiche des Filmarchivs in Hoppegarten würden derzeit von der Bundesregierung geprüft, erklärt ein Sprecher des Kulturstaatsministers. Anschließend sei dann noch ein „Erkundungsverfahren“ durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben vorgesehen, in dessen Rahmen auch die Kostenhöhe für das Projekt festgestellt werden soll. Nach schnellen Lösungen klingt das nicht.

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