Star Trek

Eberswaldes „Enterprise“ fliegt zum letzten Mal durchs Netz

Benjamin Stöwe sammelt seit 23 Jahren alles von der Serie „Star Trek“. Er hat die Geschichte selbst im Internet fortgeschrieben. Nun geht sie zu Ende. Ein Abschiedsbesuch im Parallel-Universum.

Foto: Amin Akhtar

Wenn Benjamin Stöwe in ein anderes Universum eintauchen will, muss er von Gesundbrunnen eine halbe Stunde mit dem Zug fahren. Am Bahnhof Eberswalde (Land Brandenburg) steigt er aus und geht noch einmal 20 Minuten zu Fuß. Manchmal kauft er sich in der Bäckerei einen Spritzkuchen, weil die hier erfunden wurden.

Benjamin Stöwe wurde in Eberswalde vor 29 Jahren geboren und wuchs hier auf. Er hebt immer mal die Hand, wenn er durch die Brandenburger Stadt läuft, man kennt einander hier, auch wenn er jetzt in Berlin wohnt und mit berühmten Moderatoren wie Sandra Maischberger und Maybrit Illner zu tun hat. Er ist Moderator, Sprecher und Fernsehjournalist. Wenn er nach Eberwalde kommt, ist er aber auch irgendwie das Kind dieser Stadt.

Großes Weltall-Erbe in Eberswalde

Wenn er weiter in Richtung seines Elternhauses läuft, sieht er die neue Bibliothek, die aussieht wie ein klobiges Raumschiff, das in der 40.000-Einwohner-Stadt gelandet ist. Er sieht eine bunte Wand auf der Kinder aufmalten, wie sie sich Eberswalde im Jahr 2112 vorstellen. Darauf ist eine Giraffe zu sehen, weil es in Eberswalde einen Zoo gibt (laut „Spiegel“ der schönste in Deutschland), hinter dem Tier schwebt ein Ufo mit grünen Fenstern.

Die Verbindung Weltall-Eberswalde ist für die Bewohner schon seit 2004 nicht mehr so abwegig. In dem Jahr nämlich wurde ein Krater auf dem Mars nach der Stadt benannt. Als die US-amerikanischen Wissenschaftler ihre Sonde zum Mars schickten, war lange im Gespräch, dass sie am „Eberswalde“ landet, weil in diesem Krater ein Beweis von Leben auf dem Planeten schlummern könnte. In Eberswalde kam damals eine Brauerei auf die Idee, eine rote Brause herauszubringen: „Mars-Wasser“.

Vom Taschengeld Devotionalien gekauft

Benjamin Stöwe läuft auf der Eisenbahnstraße entlang, einer Einkaufsstraße, die sich stark verändert hat. Den Spieleladen, in dem er als Kind ein Schaufenster mit Weltraum-Sachen gestalten durfte, gibt es nicht mehr. „Als ich die Sachen zurückbekam“, sagt er, „waren sie von der Sonne gebleicht.“

Diese Weltraum-Sachen waren Dinge, die er gesammelt hat, vom Taschengeld zusammengespart. Alles, was mit der Serie „Star Trek“ zu tun hat, jener US-Serie, die vor fast 50 Jahren von Gene Roddenberry erfunden und seitdem immer weiterentwickelt wurde. Erst kam das Raumschiff Enterprise mit Captain James T. Kirk, später Jean Luc Picard und dann, in den 90er-Jahren, „Deep Space Nine“ und „Raumschiff Voyager“ mit dem ersten weiblichen Kapitän Kathryn Janeway.

Parallel entstanden seit 1979 elf Filme, die in dem Star-Trek-Universum spielen. Wie die Serie beginnen auch sie immer mit dem berühmten Satz: „Der Weltraum, unendliche Weiten.“ Jetzt im Mai kommt der 12. Film der Star-Trek-Reihe in die Kinos. Er heißt „Into Darkness“ – „In die Dunkelheit“.

1701 Objekte auf 17,01 Quadratmetern

Wenn Benjamin Stöwe dann schließlich die Tür zum Haus seiner Eltern aufschließt und 14 Stufen nach unten in den Keller läuft, steht er in einem Raum, der – so sagt er halb ironisch – genau 17,01 Quadratmeter groß ist und mit 1701 Objekten angefüllt ist. Er hat sie alle geordnet, katalogisiert: Masken, Statuen, technische Objekte, magische Steine, natürlich auch viele Modelle der „Enterprise“. Wer genau auf das Modell schaut, entdeckt darauf neben dem Namen „Enterprise“ die Seriennummer 1701. Daher sein Spiel mit den Zahlen. Stöwe will die Ausstellung am 9. Mai eröffnen (natürlich um 17:01 Uhr). Es ist der Tag, an dem der „Dunkelheits“-Film in den Kinos anläuft.

Seine Ausstellung ist klein und doch riesig. Sie führt mittels Fanartikeln und Originalobjekten chronologisch durch die bewegten Jahre von fiktiven Figuren. In Vitrinen stehen Kaffeetassen, die auf der „Voyager“ benutzt wurden, ein Stein, mit dem Crewmitglieder seine Ahnen kontaktieren kann, eine Flasche Rotwein aus dem ganz speziellen Jahrgang 2267.

Es gibt Mini-Statuen, Mini-Raumschiffe, Politik-Zeitschriften mit Kirk und Picard auf dem Cover und mit jedem weiteren Gegenstand wird klarer und klarer, dass diese Serie nicht nur im TV gelaufen ist, sondern eine Vision der Zukunft entwarf, auf die Wissenschaftler noch heute zurückgreifen.

Mehr als nur Kindheitserinnerungen

Benjamin Stöwe nimmt ein flaches, glattes Objekt in die Hand. Es ist ein sogenanntes PADD von der Enterprise von Jean Luc Picard: ein „Personal Access Display Device“. Bei Star Trek funktionierte es ganz ähnlich einem iPad von heute. Er kann das mit vielen Geräten machen. „Im Moment arbeiten Wissenschaftler gerade daran“, sagt er, „einen echten Tricorder herzustellen.“

Es ist ein kleines tragbares Multifunktionsgerät, mit dem man die Umgebung scannen kann und Stoffe analysieren. Daneben hält er eine McDonald’s-Kids-Menü-Tüte mit der „Enterprise“ darauf. „Star Trek“, sagt Stöwe, „war der erste Film, für den McDonald’s auf seiner Kids-Menü-Tüte geworben hat.“ Er sagt, dass er das mag, diese Kindheitserinnerungen, die aufkommen, wenn er an diese Serie denkt.

Doch mit zunehmendem Alter hat sich Stöwes Fan-Dasein verändert. Er sagt, er habe in jeder Lebensphase etwas für sich in der Serie entdecken können, etwas, das ihn interessierte. Als Kind habe er die Abenteuer der Raumschiffbesatzung geliebt, als Jugendlicher die Komplexität der Star-Trek-Welt.

Wie werden die Geschichten erzählt?

Jetzt, als Erwachsener beschäftigt er sich seit einigen Jahren intensiver mit der Art, wie die Geschichten erzählt werden. „Schon die Idee mit dem Logbuch ist doch genial“, sagt er, „die Drehbuchautoren konnten so mittendrin in der Geschichte beginnen, und wenn es zu kompliziert wurde, fügten sie eine kurze Szene aus dem ‚Logbuch des Captain‘ ein und der Zuschauer weiß wieder bescheid.“

Das wiederum brachte ihn auf eine Idee, wie er seine Erfahrungen als Synchron-Sprecher und seine private Leidenschaft verbinden könnte: Als der elfte Film im Jahr im Mai 2009 startete, begann er zuvor, eine eigene tägliche Radiosendung zu produzieren, die er im Internet kostenlos Hörern zur Verfügung stellte. Er schrieb ein Logbuch für einen neuen Sternenflottenkapitän, Robert Thomas.

Dessen Raumschiff sollte „Eberswalde“ heißen. Die Seriennummer fiel ihm auch schnell ein: 1254, es ist das Jahr der Gründung seiner Heimatstadt. Es ist 685 Meter lang, 250 Meter breit und 88 Meter hoch. Die Eberwalde hat 88 Decks und schafft eine Reisegeschwindigkeit von Warp 6, wenn‘s schnell gehen muss auch Warp 9,7.

Aus dem Logbuch des Captains

Logbuch des Captain Robert Thomas, Jahr 2438: Wir waren auf dem Rückweg zur Erde, als die Sensoren eine ungewöhnliche Signatur registrierten. Wir änderten den Kurs und folgten der unbekannten Signatur. Immer wieder tauchte das Signal auf und verschwand wieder. Es ergab keinen Sinn. Nach allem, was wir bis zu diesem Zeitpunkt wussten, hätte es auch eine Raum-Anomalie sein können. Schließlich erreichten wir ihren Ausgangspunkt. Wir warteten 24 Stunden. Ohne Vorkommnisse. Der Langreichweitenscan bestätigte, dass wir allein in diesem System waren. Keine Lebensformen, keine anderen Schiffe, nichts. Nur das unendliche All und drei unbewohnte Klasse-J-Planeten die um eine Sonne kreisten. Zumindest dachten wir das...

Parallel organisierte er eine Ausstellung im Stadtmuseum von Eberswalde. Auf dem Dachgeschoss stellte er nicht nur mehrere Objekte aus seiner Sammlung aus, sondern arbeitete auch noch ein ganzes Sonnensystem in die Ausstellung mit ein, im richtigen Maßstab. Für 124 Tage war für zumindest 50.000 Ausstellungsbesucher die Verbindung Eberswalde-Weltall sehr eng. Dann zogen die Star-Trek-Dinge in die Deutsche Raumfahrtausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz, dem Geburtsort von Sigmund Jähn, dem ersten Deutschen im All.

Damit hätte es zu Ende sein können. Ein damals 25-Jähriger, der an einer Radiosendung schreibt, die nur für Fans gedacht ist, der damit vom Filmstudio Paramount den ersten Fan-Preis verliehen bekommt. Aber aus „Raumschiff Eberswalde“ wurde eben eine Erfolgsgeschichte, die regelmäßig 8000 Zuhörer fand. „Das ist normalerweise so eine Freude“, sagt Benjamin Stöwe, „die man ganz schwer teilen kann, weil es ja anderen meist egal ist.“

Viele Synchronsprecher-Kollegen machten mit

Er fand Begeisterte für seine Raumschiff-Eberswalde-Idee an Orten, an denen er sie nicht vermutet hätte – was wiederum an Berlin liegt. „Berlin ist die Synchron-Sprecher-Stadt in Deutschland“, sagt er. Die meisten US-Filme und -Serien werden hier synchronisiert und so ist es auch nur bedingt ein Zufall, dass der deutsche Sprecher vom Vulkanier mit den spitzen Ohren, ‚Mr. Spock‘, Verwandte hat, und zwar in Eberswalde. Spock würde sagen: Faszinierend – und er sagte es auf „Raumschiff Eberswalde“.

Benjamin Stöwe schrieb eine zweite, dritte und vierte Staffel und gewann immer mehr Synchron-Sprecher der Originalserie hinzu, manche nur für eine Folge, andere für mehrere, fast alle machten das umsonst. „Es war für mich so, als ob ich plötzlich Teil dieser Welt werde“, sagt er. „Als ob ich selbst mit an der Geschichte der Enterprise mitschreiben kann.“

Autogramme von Stars haben ihn nie interessiert, aber mit den Sprechern von Jean Luc Picard, Sisko und Data zusammenzuarbeiten, das sei viel wertvoller. Er hat für eine Folge sogar Sigmund Jähn gewinnen können – und der ist mittlerweile 86 Jahre alt. Wenn Benjamin in seinem Keller in Eberswalde steht und daran zurückdenkt, benutzt er ein sehr starkes Wort: „Es ist ein richtiger Fanmoment: Da steht wirklich Mr. Spock und spricht gerade das, was ich mir ausgedacht habe!“

Das Ende der Serie um Captain Thomas

In diesem Jahr nun geht die Saga um Robert Thomas zu Ende. Am Montag, den 29. April 2013, wird die letzte Folge im Internet erscheinen. Sie wird von Gertie Honeck gesprochen werden, der Synchronstimme von „Captain Janeway“. Sie wird sich verabschieden, und sie wird das mit einer Stimme tun, als ginge es um das Leben von Enterprise-Kameraden.

Am 9. Mai wird Benjamin Stöwe die 14 Stufen zum Keller des Raumschiffs hinabsteigen. Er wird das Licht in den Vitrinen anstellen und es werden ein paar Fans vorbeischauen. Er wird die Gegenstände in den Vitrinen erklären, weil nur er das so kann, dass andere wirklich verstehen, das es mehr ist, als Plastik-Quatsch aus dem TV-Weltraum. Er kann dann auch erzählen, dass seine Stimme im aktuellen Star-Trek-Film auch zu hören ist und dass dieser Tag, als er sie eingesprochen hat, ein ganz besonderer für ihn war.

Wer wissen will, welche Rolle das ist, kann ihn fragen, er über die wohl schrägste und coolste E-Mail-Adresse in ganz Brandenburg: Captain@Raumschiff-Eberswalde.de.