Neues Amt

Filmemacher Dresen zum Verfassungsrichter gewählt

Andreas Dresen übernimmt beim Brandenburger Verfassungsgericht ein Ehrenamt. Der Regisseur wurde mit großer Mehrheit gewählt.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Mit großer Mehrheit hat der brandenburgische Landtag am Mittwoch den Filmregisseur Andreas Dresen zum Richter am Landesverfassungsgericht gewählt. Für den 49-Jährigen stimmten 70 Abgeordnete mit Ja und sieben mit Nein. Es gab drei Enthaltungen.

Dem neunköpfigen Gremium können drei Laienrichter angehören. Dresen rückt für den vor kurzem zum Gerichtspräsidenten gewählten Jes Möller nach, der wiederum den in den Ruhestand getretenen Rüdiger Postier in diesem Amt abgelöst hatte. Er wolle mit gesundem Menschenverstand an seinen neuen „Job“ herangehen, hatte der Potsdamer Filmemacher („Sommer vorm Balkon“) im Vorfeld angekündigt.

Vor der Wahl hatte Andreas Dresen kein Interview mehr geben wollen. Der ganze Wirbel war ihm unangenehm. „Es gibt acht andere Verfassungsrichter in Brandenburg, die machen seit Jahren anständige Arbeit“, sagt der 49-Jährige. „Jetzt kommt ein Amateur wie ich daher, und die Medien stürzen sich darauf.“ Das Verhalten ist typisch für den Regisseur, der die Inszenierung, aber nicht die Selbstinszenierung liebt.

Dresen hat eine neue Rolle bekommen. Es ist eine, die er noch nie zuvor geprobt hat. Es war ausgerechnet die Linke, die Dresen vor ein paar Wochen für dieses Amt vorgeschlagen hatte. Die Partei ist bekannt für spektakuläre, aber auch oft missglückte Personalvorschläge.

Auf Bundesebene nominierte sie einmal einen Tatort-Kommissar, Peter Sodann, und die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld für das Bundespräsidentenamt. Beide Vorschläge gingen ziemlich daneben. In Brandenburg drohte ein ähnliches Fiasko, als klar wurde, dass die zuerst von der Partei favorisierte Schriftstellerin Julia Schoch bei einer Wahl keine Mehrheit finden würde. Da kam die Linke auf Andreas Dresen.

Gebürtiger Thüringer

Dresen ist gebürtiger Thüringer, aber sonst ist gegen ihn mit Blick auf ein Brandenburger Amt nicht viel einzuwenden. Er ist einer der wichtigsten Regisseure des neuen deutschen Kinos, dreht seit Jahren einen preisgekrönten Film nach dem anderen. Mal begleitete er einen Kommunalpolitiker beim mühseligen Wahlkampf („Herr Wichmann von der CDU“), mal philosophierte er über desillusionierte Enddreißigerinnen („Sommer vorm Balkon“) und Sex im Alter („Wolke 9“) oder erzählte den qualvollen Prozess eines Abschieds („Halt auf freier Strecke“).

Als ihn der Ruf ins Richteramt erreichte, zögerte Dresen - ein eher zurückhaltender, nachdenklicher Typ - erst einmal. Dann tat er das, was er auch bei neuen Filmprojekten immer tut. Er sprach mit Vertrauten und recherchierte. Er schaute sich die brandenburgische Verfassung an und ließ sich bei Gericht einen Termin geben. Erst dann sagte er zu.

Einmal im Monat wird er künftig im Beratungssaal des Landesverfassungsgerichts in Potsdam, einem ehemaligen Offizierskasino, mit seinen acht Richterkollegen zusammensitzen und über Verfassungsbeschweren urteilen. Einer seiner ersten Fälle wird die Finanzierung der freien Schulen sein. Aber auch Finanzbeschwerden der Kommunen landen häufig vor diesem Gericht. Für Dresen wird es kein kurzer Ausflug in die Welt des Rechts sein: Mit seiner Wahl verpflichtet er sich für zehn Jahre.

„Großen Respekt“ habe er vor der neuen Aufgabe, sagte Dresen. Bei der Vorbereitung hat er eine Ahnung bekommen, wie leicht man sich als Laie im Paragrafendickicht verlieren kann. „Die juristisch hochkomplexen Inhalte können schnell überfordern“, sagte der Filmemacher lachend. „Ich werde gerade in der ersten Zeit auf die Hilfe meiner Kollegen angewiesen sein.“

Seine mangelnde Rechtskenntnis versteht er aber auch als Stärke für dieses Amt: „Ich glaube, dass meine Anwesenheit als Laie da auch helfen kann, Dinge von der emotionalen Seite aus zu betrachten. Das heißt nicht, gegen Gesetze zu urteilen.“ Er verweist auf den „Kaukasischen Kreidekreis“ von Bertolt Brecht, in dem ein Dorfschreiber unkonventionell den Streit zweier Frauen um ein Kind beendet: „Das ist ein schönes Beispiel aus der Kunst, wie ein Laienrichter Gerechtigkeit schafft.“

In der Tradition der Bürgerrechtler

Tatsächlich hat es in Deutschland eine lange Tradition, die dritte Gewalt im Staat nicht nur Juristen zu überlassen. Die brandenburgische Verfassung erlaubt bis zu drei Laienrichter. Es ist auch eine Reminiszenz an die Bürgerbewegung der DDR. Vor Dresen war der Schriftsteller Florian Havemann als Verfassungsrichter tätig, der zu DDR-Zeiten wegen seiner Regimekritik im Gefängnis saß. Für Dresen ist Havemann ein Beispiel dafür, dass man auch als Laie ein guter Richter sein kann.

Dass er auf dem Linken-Ticket fährt, stört Andreas Dresen nicht. „Als Verfassungsrichter ist man zu Überparteilichkeit verpflichtet.“ Er selbst gehört keiner Partei an, auch wenn Gesellschaftspolitik immer ein Thema in seinen Filmen war. Dresen sagte, dass er sich auch von der FDP oder CDU hätte aufstellen lassen: „Darum geht es hier nicht.“ Sondern um die Brandenburger Verfassung, die er „sehr fortschrittlich“ findet: „Ich werde versuchen, in diesem Rahmen mit meinen bescheidenen Möglichkeiten Recht zu sprechen und kraft meiner Brandenburger Lebenserfahrung eine andere Perspektive hereinzubringen.“

Viele Filme von Dresen, der in Potsdam lebt, spielen in Brandenburg. Fast immer geht es um Lebensbrüche und um Menschen, die vom Leben geduckt dennoch versuchen, der Zukunft Träume abzutrotzen. Einen Film will Dresen nicht aus der Richter-Erfahrung machen: „Ich möchte das säuberlich trennen.“

Spurlos wird die neue Tätigkeit an ihm aber sicher nicht vorübergehen – auch nicht an seinen Filmen.