Betroffene berichtet

Verschobene BER-Eröffnung bringt Reisepläne durcheinander

Die Verunsicherung bei vielen Berliner und Brandenburger Urlaubern ist groß, ob wirklich alle Termine eingehalten werden können.

Foto: David Heerde

Silvia Godau ist Erzieherin und – urlaubsreif. Bereits im Dezember vorigen Jahres hat sie den Sommerurlaub mit ihrem Mann gebucht: Sechzehn herrlich lange Tage Kroatien. Mit der Lufthansa soll es am 17. Juli nach Split gehen. Nonstop, in weniger als zwei Stunden Flugzeit. Den Flug haben die beiden extra so gewählt, dass sie am Nachmittag in Split ganz entspannt und ohne Hektik die Fähre um 16.30 Uhr zur kroatischen Insel Korèula erreichen. Die Reise war perfekt geplant, alles stand fest. Bis zum Dienstag.

Nun steht erst einmal nichts mehr fest. „Laut Plan soll unser Flug um 11.55 Uhr vom BER aus starten“, sagt die 49-Jährige. Doch nun geht der neue Flughafen nicht wie angekündigt am 3. Juni in Betrieb. Die Lufthansa will deshalb alle ihre Berlin-Flüge statt in Schönfeld in Tegel starten und landen lassen. Ob das funktioniert, wird sich zeigen. „Ich habe gehört, dass nicht klar ist, zu welcher Uhrzeit die Flüge nun gehen, wenn doch wieder ab Tegel geflogen wird“, sagt Silvia Godau. Ihr Ärger ist groß. Denn sollte sich der Abflug zeitlich all zu sehr nach hinten verschieben, würden die Godaus möglicherweise die Fähre zu ihrer Urlaubsinsel verpassen. Dann müssten sie sich für eine Nacht ein Quartier auf dem Festland suchen. „Das wären dann Extrakosten, die wir eigentlich nicht haben wollten“, sagt Silvia Godau. Auch für die Rückreise droht, wenn der Flug zeitlich ungünstig verlegt wird, eine weitere ungeplante Übernachtung. „Das haben wir uns natürlich anders vorgestellt“, sagt die Erzieherin. Ungetrübte Urlaubsvorfreude sieht anders aus.

So wie den Godaus geht es zurzeit vielen Berlinern und Brandenburgern. Ihre Verunsicherung ist groß. Zwar hatte Brandenburgs Ministerpräsident und Flughafen-Aufsichtsrat Matthias Platzeck (SPD) noch am Dienstag versichert, dass niemand Bedenken haben müsse, seinen Urlaubsflug nicht antreten zu können. Doch ob wirklich alle Termine gehalten werden können und ob alle zuvor genehmigten Starts erfolgen, ist weitgehend unklar.

Müssen doch die Airlines ihre auf den BER maßgeschneiderten Flugpläne komplett überarbeiten. Starts und Landungen sind bis auf Weiteres nur an den wesentlich kleineren Alt-Flughäfen Tegel und Schönefeld möglich. Insbesondere in Tegel gibt es jedoch kaum noch freie Kapazitäten. Allein bei Air Berlin sind mindestens eine Million Passagiere von möglichen Flugplanänderungen betroffen sein. Lufthansa rechnet mit bis zu einer Million Fluggäste, die jetzt auf den Flughafen Tegel umgebucht werden müssen. Laut Manager Oliver Wagner sollen sich die geplanten Abflugzeiten höchstens im Viertelstundenbereich ändern. Eine Detailplanung werde es erst nächste Woche geben.

Die um sich greifende Verunsicherung bekommen vor allem die Reisebüros in der Stadt zu spüren. Gerade jetzt, wenn es wegen der bevorstehenden Sommerferien ohnehin viel zu tun gibt, werden sie mit Nachfragen derjenigen Urlauber überschüttet, die ihre Reise bereits gebucht haben. Von „einem erhöhten Aufwand“ spricht zum Beispiel eine Mitarbeiterin im Derpart-Reisebüro in Schöneberg. Viele Kunden kämen, um zu erfragen, was nun aus ihren gebuchten Flügen werde. Doch eine Antwort kann zumeist nicht gegeben werden. „Wir können noch nicht umbuchen, weil es bisher noch keine neuen Flugpläne gibt“, sagt die Mitarbeiterin. Das Buchungssystem sei für die Zeit ab dem 3. Juni noch auf den BER eingestellt. Den Abflugort Tegel nehme das Computersystem noch gar nicht an.

Um Geduld bittet auch Susanne von Gruner, Chefin von Europa-Reisen in Charlottenburg, ihre Kunden. Viele hätten aber verständnisvoll reagiert. Die meisten würden anrufen, um sich nach ihren neuen Flugzeiten zu erkundigen. „Doch wir wissen heute noch nicht, wann zum Beispiel am 10. Juli ein Flug geht“, sagt Inhaberin. Dennoch gebe es auch Kunden, die sie darauf hinweisen, dass sie bereits ein Hotel am Urlaubsort gebucht hätten und keinesfalls den Flug um einige Tage verschieben könnten. In diesen Fällen mache sie sich einen Vermerk auf der Buchung, damit sie diesen Fakt berücksichtigt, sobald die neuen Flugpläne da seien. Es gebe aber auch Kunden, so Frau von Gruner, die schon signalisiert hätten, dass es ihnen auf ein oder zwei Tage Terminverschiebung nicht ankommt. Sie geht davon aus, dass einige Linienflüge ausgedünnt werden. „Wahrscheinlich wird die Lufthansa versuchen, einige innerdeutsche Flüge zugunsten von anderen Strecken zu streichen“, sagt Susanne von Gruner. Dann würde eben nicht jede Stunde ein Flieger nach Frankfurt gehen.

„Nimmt Tegel den alten Flugbetrieb wieder auf?“ – solche und viele, viele andere Fragen landen seit der Bekanntgabe der geplatzten Flughafen-Eröffnung im Mailfach von Amerika-Reisen in Prenzlauer Berg. Gerade die Direktflüge von Berlin nach Miami, New York und Los Angeles würden bisher prinzipiell von Tegel aus starten, sagt Mitarbeiterin Anne Klein. Diese Maschinen könnten mit Sicherheit nicht auf den alten, viel zu kleinen Flughafen in Schönefeld ausweichen. Rund 95 Prozent der bereits verkauften Tickets für den BER müssten deshalb nach Tegel zurückgebucht werden. Geschätzte einhundert Kunden werde das Reisebüro mit den neuen Flugplänen versorgen, sagt Anne Klein. Entweder per Mail oder mit einem Ausdruck. Das sei schon ein enormer zusätzlicher Aufwand, so die Reisebüro-Mitarbeiterin.

In Frohnau sind die Reisenden eher froh darüber, dass der Flugbetrieb in Tegel noch einige Wochen weitergeht. Viele Kunden hätten ihr im Scherz bereits vorher gesagt, dass sie bis zur Eröffnung des neuen Schönefeld-Airports noch einmal von Tegel fliegen wollen und dann nie wieder, erzählt eine Mitarbeiterin des Reisebüros Berliner Flugdienst. Denn bis nach Schönefeld ist es nicht wenigen aus dem Norden Berlins viel zu weit. Jetzt hätten sie noch die Chance, den ganzen Sommer über Flüge von Tegel aus zu buchen.

Die Berliner Verbraucherzentrale rät allen Reisenden, die ihren Flug direkt gebucht haben, sich an die jeweilige Airline zu wenden. Würde der Flug wegen der verschobenen BER-Eröffnung abgesagt, müsse der Ticketpreis kostenfrei und in voller Höhe erstattet werden. Pauschalreisende sollten sich an den jeweiligen Reiseveranstalter wenden. Terminverschiebungen von ein bis zwei Tagen müssten Kunden bei einer zweiwöchigen Reise indes akzeptieren, heißt es. In einem solchen Fall bestünden aber auch Ansprüche auf eine Minderung des Reisepreises. Schadenersatzansprüche könnten dagegen gegen die Airlines oder die Reiseveranstalter nicht geltend gemacht werden, weil sie die Umstände, die zur Verschiebung oder Stornierung von Flügen im Fall der späteren BER-Eröffnung nicht verschuldet hätten. Für Silvia Goldau könnte das bedeuten, dass sie bei ihrem Kroatien-Urlaub mögliche zusätzliche Übernachtungen in Split aus eigener Tasche bezahlen muss.

Alles über den neuen Flughafen finden Sie HIER in einem Special von Morgenpost Online.