Grünheide

Neonazis ruinieren Hotel – getarnt als Reisegruppe

Hoteliers dürfen Neonazis abweisen. Doch die tarnen sich nun – wie in einen besonders heftigen Fall in einem Hotel in Grünheide bei Berlin.

Foto: DPA

Neujahrsempfang für Neonazis: In Brandenburg sorgt erneut ein Hotel für Schlagzeilen, das zur Wunschherberge von Rechtsextremisten wurde: das "Hotel Seegarten" in Grünheide bei Berlin. Diesmal wollte allerdings nicht der frühere NPD-Chef Udo Voigt zum Wellness-Urlaub einchecken. Stattdessen reisten im Januar 120 zwielichtige Gestalten an, um den Neujahrsempfang der NPD-Landesverbände Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen zu feiern. Die Empörung der Bürger ist so groß, dass im "Hotel Seegarten" heute kaum noch ein Gast übernachten will.

"Im Hotel ist nichts mehr los. Dabei hatten wir den besten Ruf", klagt Geschäftsführer Detlef Kampschulte. Bei einem weiteren Boykott drohe zum Jahresende die Pleite. 29 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. In Grünheide sehen das manche gleichwohl als gerechte Quittung dafür, mit der Bewirtung von Neonazis Geschäfte gemacht zu haben. Kampschulte weist den Vorwurf zurück: "Wir sind keine Gastgeber der NPD, sondern Opfer einer Täuschung."

Als heiterer Betriebsausflug getarnt

Denn die Rechtsextremisten seien nicht als solche zu erkennen gewesen. Sie hätten sich "getarnt", um überhaupt noch irgendwo einen Tagungsort zu finden. Das wird für die NPD immer schwieriger. Höchstrichterlich legte der Bundesgerichtshof vor kurzem fest, dass ein Wirt Gäste wegen ihrer politischen Überzeugung ablehnen darf. Damit bekam ein Hotelier in Bad Saarow Recht, der 2009 dem damaligen NPD-Chef Voigt Hausverbot erteilt hatte.

Den Aufenthalt im "Hotel Seegarten" hatte die 120-köpfige NPD- Reisegruppe unverfänglich über einen Weinkontor gebucht. Nach außen sollte das Parteitreffen wohl aussehen wie ein heiterer Betriebsausflug. "Die waren ordentlich gekleidet, so Typ internationaler Handelsreisender", meint Hotelier Kampschulte. Niemand habe Springerstiefel getragen oder rechte Parolen gegrölt. Einzig der "riesige Polizeikorso", der die Reisegruppe begleitete, habe stutzig gemacht.

Harte Sanktionen

Das NPD-Treffen verlief dann friedlich, aber die Gemeinde Grünheide verhängte anschließend harte "Sanktionen" gegen das Hotel, wie Kampschulte es nennt. So wurden Standesbeamte, die regelmäßig Hochzeiten im "Hotel Seegarten" besiegelten, angewiesen, künftig woanders zu trauen.

Bürgermeister Arne Christiani (parteilos) verteidigt die Maßnahme. Er wirft Kampschulte und seinen Mitarbeitern vor, nicht knallhart gegen das NPD-Treffen vorgegangen zu sein: Selbst wenn die Buchung über den Weinkontor unverdächtig gewesen sei - beim Eintreffen der Neonazis in Begleitung von sechs Mannschaftswagen der Polizei "hätte das Hotel von seinem Hausrecht Gebrauch machen müssen", meint Christiani. "Rein wirtschaftliche Interessen" hätten dagegen gestanden. Kampschulte entgegnet, dass Verträge nicht nachträglich gekündigt werden könnten. "Das hätte eine riesige Schadensersatzlawine losgetreten."

Nicht einmal der Verfassungsschutz wusste Bescheid

Mittlerweile moderiert das Brandenburgische Institut für Gemeinwesenberatung demos in dem Streit. Die Verträge mit dem Weinkontor seien tatsächlich "unverdächtig" gewesen, sagt Ray Kokoschko vom Mobilen Beratungsteam Frankfurt (Oder). Zudem habe nicht einmal der Verfassungsschutz gewusst, wo genau die NPD ihren Neujahrsempfang abhalten wollte. Das Hotel sei auf die Tarnung hereingefallen - "aber das kann passieren bei aller Sensibilisierung", meint Kokoschko. Allerdings hätte man vom "Hotel Seegarten" eine raschere öffentliche Distanzierung erwarten können.

Vor ein paar Tagen nun gab es dort eine Infoveranstaltung für Gastwirte, wie sie Rechtsextremisten eindeutig erkennen und abweisen können. Offensichtlich gibt es auch nach dem Urteil des Bundesgerichtshofes und dem Fall Udo Voigt weiter Aufklärungsbedarf. Im Mai will der Brandenburgische Hotel- und Gaststättenverband einen Handlungsleitfaden an seine 1350 Mitglieder verschicken.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.