Bombensprengung

Wie ganz Oranienburg auf den großen Knall wartete

In Oranienburg lauern noch Hunderte Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Nun wurde eine Fliegerbombe nicht entschärft, sondern kontrolliert gesprengt. Das war sogar für die Einwohner etwas Neues.

Planmäßig und mit Routine ist in Oranienburg (Oberhavel) eine Fliegerbombe US-amerikanischer Herkunft kontrolliert gesprengt worden. Eine kurze, aber heftige Erschütterung verkündete am Freitagvormittag in der Stadt das nahende Ende der umfangreichen Sperrmaßnahmen. Zuvor mussten etwa 400 Menschen ihre Wohnungen und Häuser in dem Sperrkreis um den Fundort verlassen. Bis spätestens 9 Uhr sollten die Anwohner den Sperrkreis von 1000 Metern um den Fundort am ehemaligen Flugplatz im Osten des Stadtgebietes geräumt haben. Von der Evakuierung waren vorwiegend Anwohner des Oranienburger Kanals und Firmen im Gewerbepark Süd betroffen. Innerhalb des Sperrkreises lagen auch unbewohnte Flächen der Gemeinde Leegebruch. Die Räumung wurde nach Angaben des Sprechers der Stadtverwaltung, Björn Lüttmann, von 37 Feuerwehrleuten und 18 städtischen Mitarbeitern unterstützt. Dabei habe es keine Komplikationen gegeben. Wegen der unzähligen Entschärfungen und Sprengungen in den vergangenen Jahren wüssten die Oranienburger, wie sie sich verhalten müssen, sagte die Leiterin des Ordnungsamtes, Sylvia Holm. Trotz der in Oranienburg regelmäßig stattfindender Bombenentschärfungen war es diesmal anders – denn die Stadt wartete auf einen großen Knall. Zur Sicherheit war auch ein Abschnitt der Bundesstraße B96 kurzzeitig gesperrt worden. Die kontrollierte Sprengung war für 10 Uhr vorgesehen. Der Termin konnte nicht ganz gehalten werden, doch gegen 10.35 Uhr war der Sprengkörper schließlich ohne Komplikationen unschädlich gemacht.

Der 75 Kilogramm schwere Blindgänger war Mittwochnachmittag bei Sondierungsarbeiten in einer Tiefe von etwa drei Metern auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes gefunden worden. Im Auftrag der Berlin-Brandenburger Flächenentwicklungsgesellschaft untersucht das Unternehmen Kemmer das weitläufige Areal seit geraumer Zeit nach explosiven Altlasten. Hintergrund ist die geplante Errichtung eines Logistikzentrums für den Lebensmittelkonzern Rewe. Die Bauarbeiten für das Projekt sollen noch 2010 anlaufen.

Das angrenzende Gewerbeareal ist bereits jetzt Standort für einige kleinere Unternehmen sowie für einen Recyclingbetrieb für Altreifen. „Mit dem Bau des Logistikzentrums kann die technische Erschließung des Areals abgeschlossen werden“, sagt Stadtsprecher Lüttmann. Die Kommune erhofft sich davon weitere Ansiedlungen auf der ehemaligen Brache, nicht zuletzt wegen der günstigen Anbindung zum Berliner Ring (A10) und der Bundesstraße 96 als bedeutende Verkehrsverbindung in Richtung Mecklenburg-Vorpommern. Lüttmann bezeichnet das neue Logistikzentrum als „Glücksfall“ für die Stadt. Insbesondere nachdem sich die Planungen für das Immobilienprojekt „Chinatown Oranienburg“ zerschlagen hätten.

Gefahr durch Langzeitzünder

Die Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes stellten bei der Untersuchung des am Mittwoch entdeckten Sprengkörpers fest, dass eine Entschärfung vor Ort nicht möglich ist. Grund war ein noch intakter Heckzünder. Bereits am 19. März war auf dem Gelände eine Fliegerbombe gesprengt worden. Insgesamt seien jedoch relativ wenige Sprengkörper auf dem Grundstück entdeckt worden. Lüttmann vermutet, dass dies möglicherweise mit der zwischenzeitlichen Nutzung als Flughafen durch die Sowjetarmee zusammenhängen könnte.

In Oranienburg stehen Bombenfunde fast auf der Tagesordnung. Über der heute 42000 Einwohner zählenden Stadt wurden im Zweiten Weltkrieg mehr als 10000 Bomben abgeworfen. Nach einem Gutachten hatte die Hälfte von ihnen einen chemischen Langzeitzünder, von denen rund zehn Prozent versagten. Angesichts dieser Gefahr sind die Stadt und das Landratsamt Oberhavel nach dem Bombenunglück in Göttingen (Niedersachsen) vom 1. Juni dieses Jahres besonders sensibilisiert. Dort waren bei der geplanten Entschärfung einer Fliegerbombe drei erfahrene Männer tödlich verletzt worden. Vom 15. August an soll darum die Route von vier Buslinien in der Havelstadt geändert werden, teilte der Landkreis am Donnerstag mit. Einzelheiten dazu sollen an in der kommenden Woche vorgestellt werden.

Oranienburg war während es Zweiten Weltkriegs für die Alliierten ein vorrangiges Ziel von Bombenangriffen, weil es in der Stadt nicht nur eine große Rüstungsindustrie, sondern auch chemische Industrie gab. Der 1936 bis 1939 erbaute Flugplatz Oranienburg wurde bis 1945 von den Ernst-Heinkel-Flugzeugwerken genutzt. Im April 1945 wurde der Werksflugplatz durch einen schweren Luftangriff vollständig zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Start- und Landebahn instand gesetzt und bis 1994 von den sowjetischen Luftstreitkräften genutzt. Vor sieben Jahren ist im Zuge des Neubaus der Bundesstraße 96 der größte Teil der früheren Start- und Landebahn als Trasse in die Westumfahrung Oranienburgs integriert worden.