Grüne Woche

Landwirte auf der Grünen Woche - Die Jungen und das Vieh

Wer heute Landwirt wird, braucht viel Begeisterung – und schnelles Internet. Der digitale Wandel hat die Felder und Ställe erreicht.

Sören Kühl hat ein inniges Verhältnis zu den Wagyu-Rindern, die er gemeinsam mit seinem Vater hält.

Sören Kühl hat ein inniges Verhältnis zu den Wagyu-Rindern, die er gemeinsam mit seinem Vater hält.

Foto: Privat

Berlin. Wenn Anne te Brake von der Landwirtschaft erzählt, strahlen ihre Augen. Lebensfreude und Energie strahlt die 22-Jährige aus, und die braucht sie auch: „Frühaufsteherin sollte man schon sein“, erzählt die Studentin der Agrarwissenschaft. Ein Morgen im landwirtschaftlichen Betrieb in Ostfriesland beginnt für sie gegen halb sechs Uhr in der Früh. Da müssen die Kühe gemolken werden. Zur Zeit aber kann sie ein bisschen länger schlafen: Wie viele andere junge Landwirte ist Anne te Brake auf der Grünen Woche unterwegs.

Aus ihrem Studienort Bonn fährt die Studentin sonst jedes zweite Wochenende nach Hause nach Ostfriesland, um auf dem Milchviehhof ihrer Eltern zu helfen. „Landwirtschaft ist nicht nur ein Beruf, sondern viel eher eine Lebensaufgabe: Für die Tiere und für den Boden“, schwärmt sie. Ihre Eltern hätten sie zwar immer in ihrem Studienwunsch unterstützt, würden sie aber nie dazu drängen, den Betrieb zu übernehmen.

Bedingungen für Landwirte immer schwerer

Ob sie das am Ende tun wird, weiß sie selbst noch nicht. Denn die Bedingungen für Landwirte werden immer schwerer. So sitzen ihnen Düngemittelauflagen oder Qualitätssicherungsmaßnahmen im Nacken, berichtet die junge Landwirtin. Durch ihr Lehramtsstudium versucht sie, sich ein zweites Standbein zu schaffen. „Für den Betrieb spricht aber die Freiheit und Selbstständigkeit, die Arbeit mit der Natur und den Tieren und natürlich, die Bevölkerung mit qualitativ hochwertigen Produkten zu versorgen“, sagt te Brake.

Auch Sören Kühl, der sonst eher introvertiert wirkt, blüht auf, wenn er von der Landwirtschaft erzählt. Zusammen mit seinem Vater betreibt er einen Hof, auf dem er Fleischrinder hält. Inzwischen besitzt er rund 50 Wagyu-Rinder. Doch die Landwirtschaft ist nicht sein Haupterwerb. Vormittags verkauft er Traktoren, damit sichert er sich ein stabiles Einkommen.

Kühl weiß, welche Risiken die Landwirtschaft birgt. „Die ersten 17 Jahre hatten meine Eltern einen eigenen kleinstrukturierten Milchviehbetrieb“, erzählt der 29-Jährige. Der habe sich dann allerdings nicht mehr gelohnt und musste verkauft werden. Doch Kühl hielt an seiner Leidenschaft fest. „Einmal Landwirt, immer Landwirt“, sagt er mit einem lakonischen Lächeln. „Die innere Einstellung, das Herzblut, die Abwechslung, dass jeder Tag anders wird und jedes Tier anders ist“, das alles habe er nicht aufgeben können. Seine Leidenschaft für die Tiere zeigt sich auch in seinem Umgang mit ihnen. Jedes Tier habe einen eigenen Namen. Seine Lieblingskuh heißt Marie – Sören Kühl hat sogar Fotos von ihr auf seinem Handy.

Kerstin Blumhardt aus dem baden-württembergischen Remseck hat auf Umwegen in die Landwirtschaft gefunden. Kurz vor Abschluss ihres Meisters lernt sie ihren Mann Jan kennen, der einen landwirtschaftlichen Betrieb hat. Ihm sei sie am Anfang ein bisschen zur Hand gegangen, erzählt die 38-Jährige. „Mein erster Kontakt zum Hof war die Kartoffelernte“, berichtet die zweifache Mutter, „danach durfte ich das Melken übernehmen“. Inzwischen ist Blumhardt ein fester Bestandteil des Betriebs und möchte ihr Leben auch nicht mehr tauschen. Dennoch gibt es eine Sache, an die sie sich noch immer nicht wirklich gewöhnt hat: „Man kann einfach nicht lang planen, zum Beispiel kann es sein, dass Du Dir Konzertkarten kaufst und Dich darauf freust, und dann kannst Du nicht hingehen, weil irgendwas auf dem Hof ist und Tiere immer vorgehen“.

So wie bei Christopher Michel. Eigentlich wollte er schon am Donnerstagmorgen zur Grünen Woche reisen. Dann sei allerdings eine Kalbsgeburt dazwischengekommen. „Landwirt zu sein, ist eine Lebenseinstellung“, erklärt der Agrarwissenschaftsstudent. Vor allem begeistert der junge Landwirt sich für die Möglichkeiten der Digitalisierung. Gerade erst habe sein elterlicher Betrieb einen neuen Traktor gekauft. Mittels GPS-Spurhaltung könne man die Spurhaltung des Geräts auf bis zu zwei Zentimeter genau einstellen. Und das sei erst der Anfang: Schon seit längerem werden zum Melken der Kühe Assistenzroboter eingesetzt. Doch nicht nur dort könnten Roboter eingesetzt werden, erzählt Michel weiter, weitere Anwendung könnten sie zum Beispiel beim Füttern oder Reinigen der Tiere erfahren. Auch Drohnen könne man einsetzen. Diese verteilten etwa Schlupfwespen, um den Maiszünsler zu bekämpfen, oder flögen mit Wärmebildkameras über die Felder, um Rehkitze zu schützen.

Auch Jenny Matthiesen schwärmt vom digitalen Fortschritt. Die 30-Jährige hat sich nach ihrer landwirtschaftlichen Ausbildung und einem agrarwissenschaftlichen Studium für eine Stelle im Bundessortenamt entschieden. „In der Landwirtschaft läuft viel digital, die meisten Landwirte sind relativ aktiv“, berichtet Matthiesen. Zum Beispiel sei jeder Acker digital hinterlegt, so könne man über Satelliten die Stickstoffdüngung überwachen. Doch nicht nur auf dem Feld profitiert der Landwirt von der Digitalisierung. Auch die Buchhaltung sei viel einfacher geworden, sagt sie.

Ein junger Landwirt fordert „Internet für jede Milchkanne“

Doch nicht alle Landwirte stehen dem digitalen Wandel vorbehaltlos entgegen. Der angehende Landwirt Michel berichtet, dass sein Vater Sorgen um seine Daten habe. Auch das Landwirtschaftsministerium warnt in seiner Broschüre zur Digitalisierung der Landwirtschaft: Es sei denkbar, dass der Handel Daten von landwirtschaftlichen Betrieben nutze, „um wirtschaftliche Vorteile durch einen Wissensvorsprung zu erlangen.“ Momentan sorgt sich Christopher Michel aber vor allem um etwas ganz anderes – das langsame Internet auf dem Land. Denn damit die Innovation auf dem Feld zum Tragen kommen könne, „braucht jede Milchkanne Internet“.

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