Verkehr in Berlin

Straßenbahn-Verlängerung in Adlershof eingeweiht

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Dennis Meischen
Ein Zug steht auf den Gleisen bei der Eröffnung der neuen Straßenbahnstrecke in Adlershof zwischen Karl-Ziegler-Straße bis S-Bahnhof Schöneweide.

Ein Zug steht auf den Gleisen bei der Eröffnung der neuen Straßenbahnstrecke in Adlershof zwischen Karl-Ziegler-Straße bis S-Bahnhof Schöneweide.

Foto: Paul Zinken/dpa

Mit der Tram-Verlängerung wird der Wissenschaftspark Adlershof an den S-Bahnhof Schöneweide angebunden.

Berlin. Nach einer etwas holprigen Jungfernfahrt wurde am Sonnabend eine wichtige neue Tram-Strecke im wachsenden Berliner Südosten in Betrieb genommen. Auf der Straßenbahnstrecke Adlershof–Schöneweide fahren von nun an auch vom bisherigen Endhaltepunkt Karl-Ziegler-Straße aus im Fünf-Minuten-Takt Züge der Linien M17 und 63 weiter bis zum S-Bahnhof Schöneweide und zurück zum S-Bahnhof Adlershof. Ab kommenden Monat folgt dann zusätzlich die Linie 61. Es ist der erste Zuwachs des rund 193 Kilometer langen Berliner Straßenbahnnetzes seit sechs Jahren.

Der als „Adlershof II“ bekannte Abschnitt über den Groß-Berliner Damm ist rund 2,7 Kilometer lang, fünf neue, barrierefreie Haltestellen im Abstand von circa 450 Meter wurden für ihn gestaltet. Kosten: Rund 40 Millionen Euro.

"Es ist ein echtes Modellprojekt, das den Standort für Wissenschaft, Forschung und Technik Adlershof endlich gebührend mit dem Berliner S-Bahn-Netz verbindet“, freute sich Rico Gast, Bereichsleiter Straßenbahn der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Besonders toll sei der Anschluss auch für die zahlreichen bestehenden und insbesondere entstehenden Neubaugebiete des boomenden Ortsteils von Treptow-Köpenick.

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BVG rechnet mit rund 12.000 Fahrgästen pro Tag auf der Tram-Strecke Adlershof–Schöneweide

„Hier wurde der ÖPNV konsequent mitgedacht, schon bevor die Menschen hierher ziehen“, sagte Gast. So könnten die neuen Anwohner des Wissenschaftsparks sich gleich vom ersten Tag an für die Straßenbahn und gegen das Auto entscheiden und müssten nicht erst wie vielerorts sonst in Berlin auf die Realisierung neuer Strecken warten: „Ein echter Beitrag für die Verkehrswende.“ Ähnlich sah das Eva Kreienkamp, Vorstandsvorsitzende der BVG: „Mit dem Bau der neuen Straßenbahnstrecke in Adlershof haben wir gezeigt, wie uns gemeinsam mit dem Land Berlin die Mobilitätswende gelingen kann.“

Die BVG rechnet mit täglich rund 12.000 Fahrgästen auf dem Teilstück, es wird neun Fahrten pro Stunde und Richtung geben. Der offizielle Baubeginn fand am 18. Mai 2020 statt, nur eineinhalb Jahre dauerte es danach bis zur Fertigstellung. Der Maßnahme vorangegangen war allerdings ein kompliziertes, fünfjähriges Planungsverfahren seit 2015.

„Das zeigt erneut, dass wir Planungen beschleunigen müssen“, betonte Berlins scheidende Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). Bei strahlendem Einweihungswetter gab sie sich jedoch auch optimistisch: „Diese Neubaustrecke ist die erste von aktuell 15 Tram-Strecken, die Berlin bis 2035 umsetzen wird.“ Man habe in der vergangenen Legislaturperiode eine Straßenbahn-Offensive gestartet, wie es sie in der Stadt seit dem Mauerfall nicht mehr gegeben habe.

Verbände kritisieren zu langsamen Ausbau des Berliner Straßenbahnnetzes

Kritikern geht das allerdings nicht schnell und vor allem nicht weit genug. Einige von ihnen erschienen am Sonnabend mit Protestplakaten vor der Strecken-Einweihungsfeier. „2,7 Kilometer in sechs Jahren ist einfach zu wenig“, sagte etwa Matthias Gibtler vom Berliner Fahrgastverband Bündnis Pro Straßenbahn, in dem sich 15 Verbände für eine Beschleunigung des Tram-Ausbaus in ganz Berlin engagieren. Vor dem Zweiten Weltkrieg habe die BVG noch ein Straßenbahn-Streckennetz von 634 Kilometern betrieben, im Schnitt seien damals zehn Kilometer pro Jahr fertig gestellt worden.

„Die Stilllegung der Tram im Westteil Berlins war ein großer Fehler, das sehen mittlerweile auch viele Politiker ein“, so Gibtler weiter. Doch wirklichen politischen Willen zum Ausbau verspüre er auch nicht gerade. Das könne man besonders gut am Beispiel der neuen Strecke Adlershof–Schöneweide aufzeigen. „Die misslungene Planung hat hier dazu geführt, dass man durch Ampeln und autofreundliche Linksabbiegerspuren mit dem Bus ganze fünf Minuten schneller ist“, sagte Gibtler. Andere Städte wie etwa Stuttgart seien da viel weiter: „Dort gibt es extra grüne Wellen für Straßenbahnen.“

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Bis 2023 wird die Verlängerung der M10 bis zum U-Bahnhof Turmstraße dauern

Von diesen Argumenten wollte man sich am Sonnabend aber auf BVG-Seite nicht den Tag verderben lassen. „Die Tram steht für die Transformation in Richtung einer anderen Mobilität“, sagte Verkehrssenatorin Günther stattdessen. Ihr Ausbau sei trotz aller berechtigter Kritik immer noch ein „Meilenstein“ und eine wichtige Säule der Mobilitätswende.

Derzeit im Bau befindet sich dabei seit August die Verlängerung der Linie M10 vom Hauptbahnhof bis zum U-Bahnhof Turmstraße. 2023 soll hier alles fertig sein. Bis danach ein neuer Abschnitt eröffnet wird, werden aber wohl noch Jahre vergehen. Vorgesehen sind unter anderem auch Strecken nach Jungfernheide, zum Potsdamer Platz/Kulturforum, zum Hermannplatz oder nach Weißensee. Mit den Inbetriebnahmen dieser Linien wird nicht vor 2028 oder 2029 gerechnet.

Dann soll auf diesen die Fahrt auch weniger holprig sein als als am Sonnabend in Adlershof. Weil die Ampeln noch nicht auf die neuen Linien eingestellt waren, musste die Tram der Jungfernfahrt gleich dreimal unfreiwillig halten, weil ein Mitarbeiter dann die Ampel jeweils händisch umstellen musste.