Hauptmann von Köpenick

Vor 115 Jahren: Der große Bluff in Köpenick

| Lesedauer: 5 Minuten
Sibylle Haberstumpf
Als „Hauptmann von Köpenick“ marschiert Harald Juhnke (links) 1997 mit seiner Kompanie zum Rathaus Köpenick. Die Szene wurde am Originalschauplatz in Berlin gedreht.

Als „Hauptmann von Köpenick“ marschiert Harald Juhnke (links) 1997 mit seiner Kompanie zum Rathaus Köpenick. Die Szene wurde am Originalschauplatz in Berlin gedreht.

Foto: picture alliance / ZB

Als falscher Hauptmann besetzt Wilhelm Voigt am 16. Oktober 1906 das Rathaus Köpenick, nimmt den Bürgermeister fest und beschlagnahmt die Kasse.

Berlin. Es geschah am helllichten Tag vor 115 Jahren in Köpenick und musste wohl die „Tat eines Wahnsinnigen oder Betrügers“ sein, wie eine örtliche Zeitung sogleich spekulierte. Am 16. Oktober 1906 landete der arbeitslose Schuster Wilhelm Voigt, wohnhaft in Berlin, zweifellos den Coup seines Lebens. Dafür warf sich der damals 57-Jährige mächtig in Schale. Bekleidet mit der Uniform eines preußischen Hauptmanns, die er sich vorher bei verschiedenen Trödlern zusammengekauft hatte, stellte er einen Trupp Wachsoldaten in Berlin-Plötzensee unter sein Kommando – erfundenermaßen „auf allerhöchsten Befehl“.

Mit ihnen fuhr er in der Stadtbahn nach Köpenick, damals noch eine selbstständige Stadt. Am Bahnhof angekommen spendierte der falsche Hauptmann den Männern erst ein Mittagsessen, bevor er das Rathaus besetzen ließ. Eine Amtsanmaßung sondergleichen. Den Köpenicker Bürgermeister Georg Langerhans ließ Voigt im Gebäude festnehmen – wegen angeblicher Abrechnungsbetrügereien – und kurz darauf per Droschke zur Neuen Wache nach Berlin bringen. Aus der Stadtkasse ließ sich der Hochstapler 4000 Mark auszahlen. Seine Männer wies er an, noch eine halbe Stunde auf ihrem Posten zu bleiben. Mit seiner Beute spazierte er zum Bahnhof und fuhr ungestört nach Berlin zurück.

„Seit vier Uhr nachmittags befindet sich unsere Bürgerschaft in größter Aufregung“, beschrieb ein frischgedrucktes Extrablatt der Zeitung „Cöpenicker Dampfboot“ am Abend die Lage. Der Vorgang sei rätselhaft, der angebliche „Hauptmann“ bei den zuständigen Behörden gänzlich unbekannt. Von der Polizeidirektion Berlin wurde noch am selben Tag nach dem Flüchtigen gefahndet – der Steckbrief zeigte eine Zeichnung seines Gesichts unter dem Titel: „Kassenraub im Rathaus von Köpenick. Wer kennt den Täter? 3000 Mark Belohnung.“

„Hauptmann“ mit hängendem Schnurrbart und O-Beinen

Dem amtlichen Text zufolge war Wilhelm Voigt zwar körperlich keine besonders fesche Erscheinung (Beschreibung: „Das Gesicht gelblich, krankhaft, hässlich; stark herabhängender Schnurrbart; etwas krumme, sogenannte O-Beine; nach vorn gebeugte Kopfhaltung und vorgestreckte rechte Schulter“). Seine Integrität wurde aber von den gutgläubigen Soldaten zu keiner Zeit infrage gestellt – sie standen stramm vor seiner Uniform. Der preußische Untertanengeist wirkte offenbar.

Erst zehn Tage später wurde Voigt festgenommen. Ein ehemaliger Mithäftling wollte die Belohnung kassieren und hatte ihn verraten. Trotz seiner Amtsanmaßung wurde Voigt nach rund 20 Monaten begnadigt und aus der Haftanstalt Tegel entlassen. Als „Köpenickiade“ ging der Vorgang in die Geschichte ein und sorgte für ein langanhaltendes Medienecho. Sogar Kaiser Wilhelm II. soll herzhaft darüber gelacht haben. Oft in den Berliner Theatern und deutschlandweit aufgeführt wurde Carl Zuckmayers sozialkritische Komödie „Der Hauptmann von Köpenick. Ein deutsches Märchen in drei Akten“ von 1931, das viel Berliner Mundart enthält – bedeutender Stoff für den Deutschunterricht. Legendäre Verfilmungen des Stoffes gab es mit Heinz Rühmann (1956) und Harald Juhnke (1997).

Heute steht der „Hauptmann“ als Bronzeskulptur – seit 1996 – vor dem Rathaus Köpenick und ist eines der Wahrzeichen des Bezirks Treptow-Köpenick und ein beliebtes Fotomotiv. Das historische Gebäude zählt zu den bekanntesten Rathäusern Berlins. Erbaut wurde es zwischen 1901 und 1905 in märkischer Backsteingotik. Mehrfach erweitert, steht es seit 1982 unter Denkmalschutz. Im Erdgeschoss wird der große Hauptmann-Coup in einem Raum nacherzählt. Auch einen Buddy Bären im Hauptmann-Stil hat der Köpenicker Tourismusverein kreiert. Und der Verein „Köpenicker Hauptmanngarde“ erinnert, in passenden Uniformen, mit seinen Vorführungen an die Tat von 1906. Wie man hört, sucht die alternde „Garde“ übrigens dringend Nachwuchs – Interessenten müssen männlich sein.

Aus Scham wollte Köpenicks Bürgermeister zurücktreten

Fest im Chefsessel des historischen Rathauses sitzt bereits seit 2011 Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD), der im gleichen Alter wie sein „Amtsvorgänger“ Georg Langerhans (Deutsche Fortschrittspartei) – mit 33 Jahren – zum Bürgermeister wurde. Langerhans, geboren 1870, war zum Zeitpunkt der „Köpenickiade“ 36 und schämte sich für das Bild, das er als veräppelter Rathauschef bei dem Vorgang abgegeben hatte. Daher erklärte er am 19. Oktober 1906 seinen Rücktritt. Auf Bitten des Magistrats nahm der Kommunalpolitiker die Amtsgeschäfte am 24. Oktober 1906 aber schon wieder auf und blieb bis zu seinem Tod 1918 (Rippenfellentzündung) im Dienst. In Köpenick ist seit 1926 eine Straße nach Langerhans benannt.

Raus aus seinem Amtszimmer muss Bezirksbürgermeister Oliver Igel nun übrigens auch, zumindest auf Zeit. Daran sind aber weder ein falscher Hauptmann noch ein schlechtes Wahlergebnis Schuld (die SPD holte mit 25,2 Prozent den klaren Sieg in der BVV in Treptow-Köpenick). Sondern: Anfang 2022 muss der historische Rathausbau umfassend innensaniert werden. Die meisten im Rathaus untergebrachten Ämter müssen dazu umziehen. Die Arbeiten sollen bis 2024 abgeschlossen sein.