Köpenick

Einsturz droht - Polizei evakuiert 18 Wohnhäuser in Köpenick

| Lesedauer: 8 Minuten
Lea Hensen

Aufgrund eines Wasserschadens mussten 360 Menschen ihre Wohnungen verlassen. Das Bezirksamt geht von "Baupfusch" aus.

Berlin. Henrike Pidde steht auf der Pohlestraße in Köpenick, in der Hand eine Tasche vollgestopft mit Windeln, in der anderen einen Rucksack. In der Nacht hat die 27-Jährige, Mutter eines anderthalbjährigen Kindes und im fünften Monat schwanger, kaum geschlafen. „Um 22 Uhr haben wir unsere Wohnung mit dem Allernötigsten verlassen“, sagte sie.

Am Montagmorgen seien sie und ihr Freund kurz in das Haus zurückgekehrt, um weitere Sachen zu holen. Gemeinsam mit dem Kind, zwei Katzen und dem Hund seien sie dann bei ihren Eltern in Brandenburg untergekommen, denn ihr Haus an der Pohlestraße in Köpenick wurde evakuiert. „Meine Eltern haben uns abgeholt, denn zu allem Unglück sprang auch noch unser Auto nicht an.“

Baugrube in Köpenick läuft voll Wasser - Zwei Häuser könnten einstürzen

In der Nacht von Sonntag auf Montag und am Vormittag mussten an der Pohlestraße und an der anliegenden Dorotheenstraße und Müggelstraße in Köpenick bis zu 360 Personen aus 18 Gebäuden ihre Wohnungen verlassen. Bei zeitweise minus neun Grad, Frost und Schnee.

Ursache war ein Wasserschaden an einer Baugrube. Die Feuerwehr ließ im ganzen Straßenabschnitt die Versorgung mit Wasser, Strom und Heizung kappen, wodurch insgesamt 18 Häuser derzeit unbewohnbar sind.

Baufirma soll Hydranten beschädigt haben

Jan Zimmerling, Sprecher des Ortsverbands Marzahn-Hellersdorf des Technischen Hilfswerks (THW), der den Einsatz am Morgen von der Ortsgruppe Treptow-Köpenick übernahm, erläuterte, dass die Baufirma der Baustelle offenbar einen Hydranten mit einem Rollfahrzeug beschädigt habe.

Dadurch sei die Grube mit Wasser vollgelaufen, das Fundament wurde unterspült. Die beiden Häuser rechts und links von der Baugrube an der Pohlestraße 7 und 11 hätten Schaden genommen und gelten als einsturzgefährdet. „Die Hausnummer 11 ist stärker betroffen, aktuell wird versucht, das Gebäude physisch von den anderen zu trennen“, sagte Zimmerling. Das THW stabilisiere die Gebäude mit Holzbalken.

Zuvor sprach das Bezirksamt von „unsachgemäßen Tiefbauarbeiten“, die zu einer Instabilität an den beiden anliegenden Häusern führten. Man gehe bei der vollgelaufenen Grube von Baupfusch aus, so Sprecherin Sabrina Kirmse.

Außerdem gab es am Nachmittag weitere Details zur Schadensursache. „Uns wurde durch Schriftstücke bekannt, dass die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz den Bauherren im Januar aufgefordert hatte, die Baugrube aufzufüllen“, sagte Kirmse. Dieser Aufforderung war die Firma offenbar nicht nachgekommen. „Sollte sich der Verdacht erhärten, dass der Bauherr diese Anweisung ignoriert hat, wird er die Kosten für den Einsatz tragen“, so Kirmse. Die Kosten könnten in Millionenhöhe liegen.

Ebenso seien nicht die, wie vom Bauherren behauptet, maroden Wasserleitungen der Berliner Wasserbetriebe ursächlich für das Bersten des Hydranten gewesen, sondern das grob fahrlässige Befahren des Bürgersteiges mit schweren Kettenfahrzeugen durch die Baufirma.

Aktuell arbeite das Bezirksamt mit Stromnetz Berlin an einer individuellen Überbrückungslösung zur kurzfristigen Wiederherstellung der Stromversorgung der abgeschalteten Wohngebäude. Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) teilte mit: „Es ist uns besonders wichtig, die unbeteiligten Bürgerinnen und Bürger schnellstmöglich in ihre gewohnte Wohnumgebung zurück zu entlassen.“ Zumindest die Menschen aus den Häusern, die nicht einsturzgefährdet sind, könnten am Dienstagvormittag in ihre Wohnungen zurück.

Bezirksbürgermeister Oliver Igel: Anwohner berichteten von Rissen in Hauswänden

Vor Ort erklärte Igel den Stand der Dinge. „Anwohner haben am Sonntagabend von Rissen in den Hauswänden berichtet“, sagte er. Zunächst sei eine Einsturzgefahr für die Hausnummer 7, später für die Hausnummer 11, festgestellt worden. Daraufhin sei die Hauptversorgungsleitung in der Straße gekappt worden, sagte Igel. Die Polizei berichtete am Abend, dass Anwohner aufgrund der Risse Fenster nicht mehr öffnen konnten.

Die Anwohner wurden in Hotels gebracht oder kamen bei Angehörigen unter. Während des Einsatzes wurden konsequent Corona-Schutzmaßnahmen getroffen. „Für die bisher kälteste Nacht des Jahres haben wir uns so einen Einsatz natürlich nicht gewünscht.“ Das DRK Berlin teilte mit, man habe die Unterbringung von rund 100 Menschen unterstützt sowie Tee und Suppe für das THW und die Polizei bereitgestellt. Nun kümmere man sich um die Versorgung am Tag.

Inzwischen hat das Sozialamt Treptow-Köpenick als Anwohner-Hotline die Rufnummer 030 90297- 6099 bereitgestellt. Die persönliche Erreichbarkeit ist zwischen 8-16 Uhr sichergestellt. Ein Anrufbeantworter ist außerhalb dieser Zeit eingerichtet. Darüber hinaus ist das Sozialamt per E-Mail unter Katastrophenschutz.soz@ba-tk.berlin.de erreichbar.

Baugrube in Köpenick voller Wasser - 18 Häuser evakuiert
Baugrube in Köpenick voller Wasser - 18 Häuser evakuiert

Anwohner der Pohlestraße: „Da steht schon seit Monaten Wasser drin“

Die Anwohner sind verunsichert und geschockt. Henrike Piddes Wohnung liegt im einsturzgefährdeten Haus Nummer 7. Ihr Freund, Benjamin Hanke, sagte, er habe den Vorfall kommen sehen. „Es gab vor einiger Zeit ja schon mal einen Rohrbruch an der Baustelle“, erklärte der 31-Jährige. „Da steht schon seit Monaten Wasser drin.“

Als am Sonntagnachmittag die Feuerwehr anrückte, hätte keiner so richtig gewusst, was eigentlich passierte. „Zuerst hieß es, wir seien nicht betroffen, aber wir haben trotzdem schon mal das Nötigste gepackt.“ Gegen 22 Uhr forderte die Polizei sie auf, ihre Wohnung zu verlassen.

Ein paar Meter weiter packt Alfred Jellen einen Karton in sein Auto. Auch er ist am Montagmorgen kurz in seine Wohnung an der Pohlestraße zurückgekehrt, die direkt gegenüber der Baustelle liegt. Auch er und seine Frau mussten am Sonntagabend, 22 Uhr, ihre Wohnung verlassen. „Wir haben heute Morgen schnell unseren Kühlschrank geleert, weil der Strom jetzt abgestellt ist“, sagt der 63-Jährige. Zu den mutmaßlichen Fehlern bei den Bauarbeiten sagt er: „Man konnte sich das denken.“

Einsatzkräfte des THW, der Feuerwehr und Polizei in Köpenick

Am Montagmittag waren weiterhin zahlreiche Einsatzkräfte des THW vor Ort, außerdem die Polizei Berlin, die Feuerwehr Lichtenberg, die Amtshilfe leistete, der Netzbetreiber, die BVG und mehrere Hilfsorganisationen. Dem Bezirksamt zufolge wurden weitere Unterstützungskräfte aus den umliegenden Bundesländern angefordert. Laut Bezirksamt waren bis in die frühen Morgenstunden 150 Einsatzkräfte vor Ort.

Das Technische Hilfswerk hatte bereits am späten Sonntagabend damit begonnen, die betroffene Giebelwand des angrenzenden Gebäudes, in dem sich die Risse gebildet hatten, zu versteifen. In der Nacht zu Montag hieß es dazu auf Twitter: „Dabei erweisen sich die Absicherungsarbeiten durch die mit Wasser vollgelaufene Baugrube als schwierig“. Am Morgen wurde die Einsatzstelle dem THW Ortsverband Berlin-Marzahn übergeben.

Geplant war zudem, von der Berliner Feuerwehr eine Drohne einzusetzen, um Luftaufnahmen für ein aktuelles Lagebild zu machen, sagte ein Feuerwehrsprecher am Morgen. Aus dem Bezirksamt hieß es, dass die Polizei großflächig rund um den Einsatzort kontrolliere, um sicherzustellen, dass ausschließlich Anwohner Zutritt zu den Häusern erhalten.

Norbert Cioma, Berliner Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), dankte Polizei, Feuerwehr, THW und den beteiligten Hilfsorganisationen. "Derartige Unglücksfälle lassen sich leider nie zu 100 Prozent verhindern. Aber es ist beruhigend zu wissen, dass man sich in der Hauptstadt im Ernstfall und an 365 Tagen im Jahr auf die Hilfe von engagierten Menschen verlassen kann“, teilte er mit. (mit dpa)

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Hinweis der Redaktion: In einer vorherigen Version schrieben wir, dass Bewohner aus 19 Gebäuden ihre Wohnungen verlassen mussten. Es sind aber 18 Gebäude. Wir entschuldigen uns für den Fehler.