Corona-Pandemie

Warum Treptow-Köpenick keinen Amtsarzt hat

Die Stelle ist seit Oktober unbesetzt und schon mehr als ein Jahr ausgeschrieben, aber keiner will sie. Was heißt das in Corona-Zeiten?

In Treptow-Köpenick bewirbt sich niemand auf die Stelle des Amtsarztes (Symbolbild).

In Treptow-Köpenick bewirbt sich niemand auf die Stelle des Amtsarztes (Symbolbild).

Foto: Christin Klose / dpa

Berlin. Steigende Infektionszahlen, massenhafte Tests, eine schwierige Kontaktverfolgung und zu wenig Personal für die Quarantänebetreuung: Selten waren die Gesundheitsämter in Berlin so sehr unter Druck wie während der Corona-Krise. Und mitten in der Pandemie zeigt sich: Es fehlen auch Amtsärzte. Eine Ausnahmeerscheinung ist Nicolai Savaskan, Amtsarzt im Mega-Hotspot Neukölln, der in zahlreichen Medien präsent ist. Andere Bezirke tauchen dagegen völlig ab.

Zum Beispiel Treptow-Köpenick. Dort war Andreas von Welczeck viele Jahre lang Leiter des Gesundheitsamtes, doch der Mediziner ging am 7. Oktober in den Ruhestand. Seit mehr als einem Jahr sei die Stelle dauerausgeschrieben, sagt der zuständige Bezirksstadtrat Bernd Geschanowski (AfD) – natürlich auch online, ob auf dem Landesportal oder im Ärzteblatt. Und die Jobbeschreibung liest sich einladend: „Treptow-Köpenick – Karriere zwischen City, Spree und See.“

Bewerber sind in Treptow-Köpenick Mangelware

Doch Bewerber sind Mangelware. Nur zwei Kandidaten klopften laut Geschanowski in den vergangenen Monaten an. Zuletzt sprang Ende Mai ein Bewerber aus Nordrhein-Westfalen ab, was wohl auch mit dem Salär zu tun gehabt haben dürfte. Solange es „keine Anpassungen“ beim Gehalt gebe, befürchtet der Bezirksstadtrat jedenfalls, bleibe die Besetzung schwierig.

Wie misslich ist die Lage? „Es bricht hier nichts zusammen“, versichert er. Kommissarisch leitet das Gesundheitsamt bis auf Weiteres Gudrun Schäfer, bisher Leiterin des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes des Bezirksamtes. Es gilt: Die Verwaltungsstruktur des Gesundheitsamtes muss geführt werden. Stellen, die nicht besetzt werden könnten, seien zwar „immer ein Nachteil“, räumt Geschanowski ein. Er betont aber: „Das ist kein spezifisches Problem von Treptow-Köpenick.“

In Marzahn-Hellersdorf fehlt der Amtsarzt laut dem „Tagesspiegel“ schon seit Sommer, und auch in Lichtenberg ist der Posten seit September nur kommissarisch besetzt. „Pankow kommt bald noch hinzu, dann haben im Jahr 2021 vier Bezirke keinen Amtsarzt“, resümiert Geschanowski.

Als niedergelassener Arzt verdient man wesentlich mehr

Allzu besorgt ist aber auch Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) nicht: „Ich kann darauf vertrauen, dass das Amt trotzdem funktioniert.“ Er sieht ebenfalls die Gehaltsfrage als Grund. Zwar wurde die Besoldung im für Berlin gültigen Tarifvertrag der Länder (TV-L) zuletzt schon verbessert. Die Stelle fällt unter die Gruppe „B2“, das wären rund 7700 Euro brutto im Monat.

Doch für Ärzte sei das Gehalt nur bedingt attraktiv, meint Igel. „Alle Bewerber auf diese Stelle könnten sich auch mit einer eigenen Praxis niederlassen. Und was man als niedergelassener Arzt verdient, ist wesentlich mehr.“ Amtsärzte müssen eine bestimmte Ausbildung haben, sprich: einen Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen. Wer den nicht hat, kann nach dem Gesetz kein Amtsarzt sein.

Wünschen würde Igel sich eine schnelle Besetzung der Stelle vor allem deshalb, um in der laufenden Arbeit keine Schwierigkeiten zu riskieren, wie er sagt. Denn rechtlich könne nur der Amtsarzt sogenannte hoheitliche Aufgaben verantworten und bestimmte Tätigkeiten übernehmen wie zum Beispiel Laborabnahmen.

In der Pandemie ist es so: Amtsärzte legen fest, wer in Quarantäne muss, etwa bei Corona-Ausbrüchen in Kitas oder Schulen. Sie schätzen ein, ob bei Kontaktpersonen das Risiko einer Ansteckung hoch oder gering ist. Außerdem sind die Gesundheitsämter der Bezirke für die Durchführung der Tests zuständig.

Im Köpenicker Gesundheitsamt variiert die Zahl aktuell zwischen fünf bis 60 Abstrichen am Tag, so Geschanowski. Spontanes Vorbeikommen lohnt sich hier übrigens nicht: Die Corona-Teststelle vor Ort sei nicht für jedermann gedacht, sondern nur für Bürger, die aufgrund eines Positiv-Verdachtes vom Gesundheitsamt ausdrücklich einbestellt würden, erklärt Geschanowski.

Die Belastung der mehr als 100 Mitarbeiter sei indes hoch. Eine Abteilung im Haus wurde eigens umgewandelt: Der Fachbereich für Zahnmedizin kümmert sich komplett um die Betreuung der Menschen, die in Quarantäne sind.

Bezirksstadtrat stellt Amtshilfeersuchen an andere Bezirke

Zehn neue Fachangestellte mit befristeten Verträgen wurden im September schon zur Unterstützung eingestellt, zum 1. November sollen weitere 15 folgen. Und zehn Bundeswehrsoldaten helfen dem Bezirk aktuell. „Aber wir müssen uns definitiv weiter verstärken, in der Kontaktnachverfolgung, Telefonerreichbarkeit und der Quarantänebetreuung“, fordert Geschanowski. Denn die Liste der Kontakte von positiv Getesteten sei fast immer „ellenlang“. Am kommenden Montag soll ein Krisenstab entscheiden, wie viel Personal aus anderen Ämtern des Bezirksamtes im Gesundheitsamt aushelfen muss.

In Sachen Stellenbesetzung gibt es übrigens noch eine andere Möglichkeit. „Ich habe ein Amtshilfeersuchen an die Bezirke gestellt“, erklärt der Bezirksstadtrat. Das bedeutet, dass der Amtsarzt eines anderen Bezirks extern auch amtsärztliche Aufgaben in Treptow-Köpenick übernehmen könnte. Das Ergebnis: „Es gab fast nur Absagen – aber auch einen positiven Rückläufer.“ Die Gespräche laufen.