Entscheidung

Nur noch ein Campus für Berlins größte Fachhochschule?

Nur noch ein Campus: Die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) will ihre Standorte zusammenlegen. Der Senat soll entscheiden.

Carsten Busch, Präsident der HTW, Hochschule für Technik und Wirtschaft, auf dem Hochschulgelände an der Spree in Oberschöneweide.

Carsten Busch, Präsident der HTW, Hochschule für Technik und Wirtschaft, auf dem Hochschulgelände an der Spree in Oberschöneweide.

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Aus zwei mach eins: Das wünscht sich Carsten Busch (57), seit 2019 Präsident der größten Berliner Fachhochschule. Fast 14.000 Studenten in 70 Studiengängen und 1000 Beschäftigte gibt es an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) – verteilt auf zwei Standorte. Aber zwei sind einer zuviel, findet der Präsident. Die Diskussion darüber läuft seit Jahren.

Nach dem Willen der Hochschule soll als alleiniges Hauptquartier künftig nur noch der große Campus an der Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide im Bezirk Treptow-Köpenick dienen. Dort werden aktuell rund 10.000 Studenten unterrichtet. „Es gibt hier eine Gestaltungsaufgabe für uns. Hier wurde die AEG gegründet, hier war einer der größten Industriestandorte Deutschlands, hier haben wir eine über 100-jährige Tradition. Hier wollen wir Themen setzen und eine Geschichte erzählen“, fasst Busch seine Vision zusammen.

Eigenmächtig entscheiden kann er darüber aber nicht. Der Informatik-Professor sagt diplomatisch: „Wir sind eine staatliche Hochschule, der Senat trifft die Entscheidung. Ich glaube aber, man kann sehen, dass hier Potenzial vorhanden ist.“

HTW-Umzug: Kosten in dreistelliger Millionenhöhe erwartet

Konzentration auf einen Standort – die Folgen davon wären: Der kleinere Campus an der Treskowallee in Karlshorst im Nachbarbezirk Lichtenberg, der wegen seiner vielen Bäume und grünen Ecken auch liebevoll „Park-Campus“ genannt wird, müsste umziehen. 3500 Studierende würden an den „Spree-Campus“ in Oberschöneweide übersiedeln. Auch der größte Hörsaal, das Audimax, ist an der Treskowallee untergebracht, ebenso wie die Verwaltung der Hochschule.

Die Senatskanzlei Wissenschaft und Forschung unterstützt den Wunsch der HTW, teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. Sie spricht von einer „wichtigen stadtentwicklungspolitischen Maßnahme“. Oberschöneweide gehört demnach zu den elf Zukunftsorten des Landes Berlin, in denen eine besonders enge Zusammenarbeit von Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung angestrebt werde.

Wie viel der Umzug kosten würden, mag Busch noch nicht beziffern. „Ich habe mich bisher geweigert, Zahlen zu nennen“, sagt er. Nach Morgenpost-Informationen geht es um einen Betrag im dreistelligen Millionenhöhe. Nicht gerade ein Klacks.

Regionale Entwicklung und Konjunkturbelebung

Seit 2015 prüft die HTW bereits die Möglichkeit einer Konzentration ihrer zwei Standorte, im Juli 2017 legte sie dazu eine erste Machbarkeitsstudie vor. Fest steht, so der Präsident: „Wir brauchen etwa 20.000 bis 25.000 Quadratmeter Platz.“ Freiraum dafür gäbe es genug an der Wilhelminenhofstraße – direkt neben einem der hinteren Seminargebäude an der Spree liegt beispielsweise eine Wiese brach und könnte bebaut werden.

„Es liegen verschiedene Möglichkeiten einer Standortkonzentration vor, wie zum Beispiel die Nutzung landeseigener Grundstücke in unmittelbarer Nähe des vorhandenen Campusgeländes oder der Ankauf und die Herrichtung von Bestandsgebäuden“, äußert sich die Senatskanzlei über die Varianten, die für den Umzug infrage kommen würden.

Carsten Busch würde das Areal ungern Spekulanten überlassen, sagt er. „Entweder macht man es jetzt zügig oder man kann es vergessen. Die Preise werden zu sehr steigen – irgendwann ist die Zeit vorbei, in der man es sich noch leisten kann, zu bauen.“ Auch der Bezirk Lichtenberg hätte Vorteile von der Aktion, gibt er zu bedenken. „Wenn wir dort gehen, machen wir Gebäude und Gelände frei, die Schulen nutzen könnten.“ Bei einer Sporthalle der HTW sei das aktuell schon der Fall.

Diesen Sommer soll der Senat endlich entscheiden

Wie die Morgenpost erfuhr, steht die Entscheidung pro Oberschöneweide jetzt bevor – sie soll noch im Sommer endlich fallen, vielleicht noch im Juli. Auch Robert Schaddach, SPD-Abgeordneter aus Treptow-Köpenick, Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft und Forschung aus dem Abgeordnetenhaus, hofft darauf. „Die Zeit ist reif. Das ist eine phänomenale, stadtpolitische Chance. Daran kann der Senat nicht vorbei“, meint Schaddach.

Um den neuen Hauptstadt-Flughafen BER herum würden künftig etliche Fachkräfte gebraucht. Die HTW, die auch die größte Fachhochschule Ostdeutschlands ist, liegt dafür ideal im Berliner Südosten.

Die HTW kooperiert schon jetzt mit fast allen Unternehmen in der Region. Man sei nah an der Wirtschaft, näher als klassische Universitäten, sagt Busch – das dürfe man als Fachhochschule aber auch. „Bei uns gibt es angewandte Forschung. Wir übersetzen die Grundlagenforschung der Unis in Arbeitsplätze und Produkte.“

„Hier ist der Transformationsprozess noch nicht zu Ende“

Zur Historie: Zu DDR-Zeiten war Schöneweide das Zentrum der ostdeutschen Energiewirtschaft – allein in fünf Großbetrieben an der Wilhelminenhofstraße arbeiteten 25.000 Menschen. Transformatoren, Kabelanlagen, Kraftwerkausrüstungen, Batterien wurden von hier exportiert. Nach der Wiedervereinigung brach die Nachfrage jedoch ein, es gab Massenentlassungen.

Auch deshalb, um die Geschichte des Ortes positiv weiterzuschreiben, möchte Präsident Busch ein Signal für den Standort setzen. Regionale Entwicklung und Konjunkturbelebung sind Schlagworte, die er gerne anführt. „Es gibt Sinn, dass wir ganz hierher an die Spree ziehen. Hier ist der Transformationsprozess noch nicht zu Ende.“