Erlebniszentrum

Institution in der Wuhlheide: FEZ wird 40 Jahre alt

Das FEZ feiert Geburtstag. Der frühere Pionierpalast ist heute ein Kinderparadies zwischen Raumfahrtstation und Öko-Insel.

Nach dem Mauerfall neu erfunden: Das FEZ begrüßt jedes Jahr mehr als 800.000 Besucher.

Nach dem Mauerfall neu erfunden: Das FEZ begrüßt jedes Jahr mehr als 800.000 Besucher.

Foto: Soeren Stache / BM

Berlin. Wem Gartenarbeit liegt, entscheidet sich für die Gärtnerei. Wer lieber mit Geld umgeht, der wählt die Bank. Wer sich für News interessiert, wird Reporter – 20.000 junge und alte Besucher haben ihre Sommerferien auch in diesem Jahr in der FEZitty verbracht, der Hauptstadt der Kinder im Freizeit- und Erholungszentrum in der Wuhlheide. Jedes Jahr erschaffen sich die Kleinen hier ihre eigene Stadt, schlüpfen in fremde Rollen, wählen ihren eigenen Bürgermeister. Sogar ihre Häuser basteln sie sich selbst und bauen ein Kraftwerk – zumindest im Modell.

Die Kinderstadt ist nur eine von unzähligen Aktivitäten, die jedes Jahr mehr als 800.000 Besucher ins FEZ ziehen - etwa soviel wie Hertha BSC im Olympiastadion. Alles was „Fez“ macht, kann man hier finden, sagt Thomas Liljeberg-Markuse vom ersten Stock des Hauses mit Blick über sein Reich im Südosten Berlins. Liljeberg-Markuse ist Geschäftsführer des FEZ, wo „Abenteuer, Bildung, Spaß“ zusammenkommen – und das seit inzwischen vier Jahrzehnten. Am 28. September feiert das Zentrum mit einer großen Veranstaltung sein 40-jähriges Jubiläum. Schon Familienministerin Franziska Giffey (SPD) erlebte hier ihr „echtes Kinderparadies“, wie sie unserer Redaktion erzählt.

Gegründet wurde das FEZ 1979 als Pionierpalast „Ernst Thälmann“ – der größte seiner Art in der DDR. Damals wurde es zum 30. Geburtstag der Republik als Geschenk an die Kinder überreicht. Zu seiner Eröffnung erschien die gesamte Kaderriege der DDR, darunter Erich Honecker mit seiner Frau Margot, der damaligen Bildungsministerin, und Egon Krenz, Honeckers späterem Nachfolger an der Spitze der DDR. Selbst der erste Deutsche im Weltall, Sigmund Jähn, war dabei, um die hauseigene Raumfahrtausstellung zu eröffnen.

Erfunden als Ort sozialistischer Indoktrination

Wie alle ostdeutschen Jugendzentren diente es damals nicht nur zur Freizeitgestaltung. Noch heute zeugen die Büsten von Ernst Thälmann und anderer sozialistischer Größen im Archiv des Zentrums davon, dass die Indoktrination politischer und sozialistischer Ziele ein wesentliches Anliegen war. Viele verknüpften mit dem Komplex vor allem schöne Erinnerungen an Jugendweihe und Abschlussball, sagt Liljeberg-Markuse. Aufgewachsen in einer Theaterfamilie kennt er selbst das Haus seit seiner späteren Jugend. Seine Schwester lernte hier tanzen.

Den Großteil seiner 40-jährigen Geschichte erlebt es jedoch im vereinten Deutschland. „Das war schon ein historischer Verdienst, das Haus nach der Wende nicht einfach abzureißen“, so der 57-Jährige. Um den Übergang zu schaffen, hatte man die Einrichtung vorübergehend geschlossen, um alte Strukturen abzuschütteln und neue zu bilden. 1991 wurde es dann als FEZ wiedergegründet – als eine Einrichtung für ganz Berlin.

Raumfahrtzentrum in den 2000ern aufgefrischt

Liljeberg-Markuse nennt es heute das „Haus der tausend Möglichkeiten“. Auf zwei davon ist er besonders stolz. Zum einen das Raumfahrtzentrum „Orbitall“, das Anfang der 2000er aufwendig renoviert wurde. Die kleinen Besucher können hier auf ihre eigene Mission gehen, das Shuttle fliegen und dabei stets den Treibstoff im Auge behalten. Als Vorbereitung für ihren Flug ins All dienen ihnen Trainingsübungen für Astronauten und technische Knobelaufgaben rund um die Raumfahrt.

Zum anderen ist da die Astrid-Lindgren-Bühne, das Kindertheater Berlins, das den meisten Gästen Platz bietet: Allein 55.000 junge und alte Zuschauer strömen jedes Jahr hierher, um Klassikern wie „Das tapfere Schneiderlein“ oder modernen Stücken wie „Die Königin der Farben“ zu folgen. Zugleich sei die Namensgeberin der Bühne eine Art Leitfigur des Zentrums, mit ihrer Zivilcourage und ihrer Betonung des Individuellen.

Giffey über das FEZ: „Beispielgebend für Europa“

Auch wenn an einigen Stellen des Hauses der Schick der 1970er Jahre noch sichtbar ist, schmälert das seinen Erfolg als europaweit größtes gemeinnütziges Kinder- und Jugendzentrum nicht. Laut Familienministerin Giffey ist es „mit seinen innovativen Konzepten, internationalen Begegnungen und vor allem viel Kinder- und Jugendbeteiligung beispielgebend in Europa geworden“. Auf 13.000 Quadratmetern im Haus und mehr als 175.000 Quadratmetern Außenfläche können sich die Besucher vergnügen. Die meisten Angebote richten sich an Sechs- bis Zwölfjährige, einige auch an ältere Jugendliche. 6,1 Millionen Euro schießt das Land dem Zentrum dafür im Jahr zu, etwa zwei Drittel des Gesamtbudgets. Der Rest wird über Eintrittsgelder reingeholt. Etwa einhundert Mitarbeiter sorgen dafür, dass der Laden läuft, vom Techniker bis zum Sozialpädagogen.

Und das in den „drei großen Formaten“, wie es Liljeberg-Markuse nennt. Da sind die Veranstaltungen mit Schulklassen, in denen Themen wie Nachhaltigkeit, technisches Verständnis oder häusliche Gewalt behandelt werden. Dazu die Wochenend-Angebote, zu denen Familien eingeladen sind, das gesamte Areal mit hauseigener Öko-Insel und Kindermuseum zu erkunden. Und schließlich die Ferienprogramme. In den Winterferien etwa verwandelt sich das Haus alljährlich für neun Tage in ein Zauberschloss à la Harry Potters Hogwarts.

„Hier gibt es nichts, was es nicht gibt“, sagt Liljeberg-Markuse am Ende des Rundgangs. „Bis auf eines“, fügt er hinzu. „Das Zukunftslabor.“ Ein Vorhaben, das ihm für die kommenden Wochen besonders am Herzen liegt. Die Kinder müssten für die Zukunft vorbereitet werden, Analoges und Digitales zusammenzubringen. Dazu gehörten etwa das Denken in abstrakteren Zusammenhängen, Dinge auseinander- und wieder zusammenbauen zu können. „Das kann selbst an einem Staubsauger geschehen.“

In die Zukunft des eigenen Hauses blickt er mit großer Zuversicht. Schon heute wüssten sie bei manchen Veranstaltungen nicht, wohin mit dem Besucheransturm. Sorgen bereitet ihm nur eines: Es mangelt an geeignetem Nachwuchs bei den Mitarbeitern. Viele gehen in Rente, nur wenige gut ausgebildete „mit Eigensinn und Mut“ würden nachkommen. An Veranstaltungsmanagern mit den Fähigkeiten eines Sozialpädagogen fehle es besonders.

Familienministerin Giffey fühlt sich mit dem Zentrum auf besondere Weise verbunden – bis heute . Sie knüpfe daran „schöne Kindheitserinnerungen“, an den „damaligen Pionierpalast mit Pioniereisenbahn und unzähligen Spiel- und Freizeitangeboten“. Als Auszubildende machte sie später im zuständigen Bezirksamt Treptow-Köpenick ihre ersten beruflichen Schritte. Und auch in ihrer Zeit in der Berliner Landesverwaltung und jetzt als Bundesministerin habe sie „die Arbeit des FEZ immer wieder beeindruckt und überzeugt“. Zum anstehenden Jubiläum wünscht sie den Mitarbeitern viel Erfolg „mit denen, die heute in Berlin Kinder sind“. Ihr Sohn mit seiner Schulklasse ist einer davon.