Stadtführungen

Auf Spurensuche im preußischen Gefängnis

Die Haftanstalt war Schauplatz der „Köpenicker Blutwoche“ – heute finden hier Kulturveranstaltungen statt.

Tourguide Hendrik Schneller führt durch Gänge und Zellen des fast 120 Jahre alten Köpenicker Gefängnisses.

Tourguide Hendrik Schneller führt durch Gänge und Zellen des fast 120 Jahre alten Köpenicker Gefängnisses.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Das Gefängnis im Köpenicker Amtsgericht liegt mitten in der Altstadt an der Seelenbinderstraße, nur einen Steinwurf von der belebten Bahnhofstraße mit ihren Einkaufszentren entfernt. Es gilt heute als sogenannter „lost place“, der englische Begriff für marode, verfallene Gebäude, die einen magischen Reiz auf viele Hobbyfotografen ausüben. Normalerweise sind sie schwer zugänglich und oft dermaßen baufällig, dass ein Besuch eine gewisse Abenteuerlust voraussetzt. Insofern ist das Gefängnis in Köpenick ein besonderer „lost place“: Hier kann man einfach durch die dunklen Gänge laufen, vorbei an engen Zellen und rostigen Gittern, ohne Angst vor Einstürzen haben zu müssen.

Die Führung durch den ehemaligen Knast bietet die Firma go2know an, die Thilo Wiebers gemeinsam mit Andreas Böttger gründete. „Wir haben gemeinsam eine Schule in Hohenschönhausen besucht, die abgerissen wurde, nachdem wir unser Abitur gemacht hatten – das war, wenn man so will, der erste ,lost place’, mit dem wir in Berührung kamen“, sagt Wiebers.

Touren gehen auch in die Beelitzer Heilstätten

Die Touren bieten die beiden seit 2010 an. Neben dem Gefängnis in Köpenick stehen auch Foto-Touren durch die Beelitzer Heilstätten oder die ehemalige Militärstadt Wünsdorf auf dem Programm. „Die heutige Führung dauert aber nur drei Stunden, und das Gefängnis liegt einen Steinwurf vom Stadtzentrum entfernt, das macht sie gerade für Touristen interessant, die nicht einen ganzen Tag investieren wollen, und Berliner natürlich, die ihre Stadt neu entdecken wollen“, sagt Wiebers.

Dass „lost places“ als Motiv für Hobbyfotografen immer beliebter werden, kann er bestätigen. „Früher waren es für viele vor allem ästhetische Gründe, die diese Orte interessant machten, heute gibt es auch immer mehr, die die historische Komponente reizt.“ Im besten Fall lernt man beim Besuch eines verlassenen Ortes etwas über die Vergangenheit dazu. Kein Wunder also, dass sie eine große Anziehungskraft ausüben. Auf Instagram finden sich unter dem Hashtag #lostplaces 1,4 Millionen Beiträge.

Heute führt uns Hendrik Schneller, hauptberuflich als Theaterfotograf tätig, durch das 1901 eröffnete Gebäude. Schneller weist die rund ein Dutzend Teilnehmer zu Beginn ein – das Glasdach im Atrium ist trotz Leiter verboten. Die Besucher sollten auch darauf achten, mit ihren Rucksäcken nicht die abblätternde Farbe von der Wand zu schaben. Und Schneller erzählt etwas aus der bewegten Geschichte des Gebäudes.

Das Gefängnis diente vielen Regimen

Erbaut als preußisches Gefängnis, diente es später auch der SA, der NVA und dem DDR-Regime als Untersuchungshaftanstalt. Erst später gab es hier Strom, doch die Haftbedingungen blieben spartanisch. Die Männer und Frauen hatten einen Kübel für die Notdurft in der Zelle, noch heute kann man die Abdrücke der Eimer auf dem Boden erkennen. Und in den Wintermonaten waren die Wände so kalt, dass man es nur in der Mitte der Zelle einigermaßen aushalten konnte. „Die Pritschen durften tagsüber nicht zum Liegen oder Sitzen genutzt werden, das heißt, die Häftlinge kauerten wirklich in der Mitte des Raumes, in den Sommermonaten lehnten sie sich gegen die Wände“, so Tourguide Schneller.

Im Juni 1933 war das Gefängnis Schauplatz der „Köpenicker Blutwoche“. Die SA trieb Hunderte Bürger des Bezirks dort zusammen, die meisten von ihnen jüdischen Glaubens, andere wegen ihrer politischen Gesinnung, folterte sie und richtete mindestens 23 von ihnen hin. Daran erinnert heute eine Gedenkstätte im Gefängnistrakt, die auch sonst detailliert über die bewegte Geschichte des Gebäudes informiert.

„Man kann die Verzweiflung der Häftlinge noch spüren“

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die NVA das Gebäude als Untersuchungshaftanstalt und ließ ihre Häftlinge auch wegen einfacher Dinge wie Trunkenheit einsitzen. Von dem Ärger über diese Haftstrafen zeugen noch heute Inschriften und Kritzeleien in den Zellen, die gut lesbar sind. „Das Höchste, was der Mensch besitzt, ist die persönliche Freiheit. Wird ihm diese genommen, so wird er zur hilflosen Kreatur. Der Kampf um den Personalausweis geht ungeschwächt weiter“, steht etwa in einer, in einer anderen ist die Rede vom „Hotel zum trockenen Kanten“.

1964 wurde das Gefängnis schließlich umgewidmet – zum Kostümfundus der Deutschen Film AG (Defa). Die Defa hatte im Anbau sogar eine eigene Schneiderei. Hier wurden neue Kostüme entworfen, denn in den Zellen war es trocken, so dass sie dort auch gut gelagert werden konnten. Das Gefängnis diente außerdem als Filmkulisse.

Seit fast 20 Jahren steht das Gebäude leer

Seit Mitte der 2000er-Jahre stand das Gebäude leer, Mitarbeiter des Amtsgericht spielten im Anbau Tischtennis, ansonsten blieb der Bau ungenutzt. Das beobachtete auch Matthias Schlesinger, der von seiner Wohnung auf das Gefängnis blicken konnte. Acht Jahre kämpfte er darum, das Gebäude pachten zu können, jetzt saniert er die Infrastruktur und hat den Kunstverein Kukuk e.V. gegründet, der hier gelegentlich auch Lesungen und Theaterabende veranstaltet.

Nach diesem historischen Exkurs werden die Teilnehmer in das Gebäude entlassen. Das Besondere an dieser Tour: Jeder darf auf eigene Faust die einzelnen Stockwerke erkunden und fotografieren, wo er ein reizvolles Motiv findet. „Gerade Besucher aus Bayern sind oft begeistert von den vielen ,lost places’ in unserer Region“, sagt Hendrik Schneller. „Einer sagte mir, in Bayern werde alles, was baufällig wird, entweder gleich abgerissen oder saniert.“

Gefängnis wird zum „lost place“ für Hobbyfotografen

Ein Teilnehmer ist Thomas Feser. Der Beamte und Hobbyfotograf lebt in München und ist gerade auf Berlinbesuch. Die Beelitzer Heilstätten hat er schon besucht, jetzt hat er sich für Köpenick entschieden. „Es ist schon beeindruckend, Geschichte so hautnah zu erleben. Besonders die Einritzungen in den Wänden finde ich faszinierend“, sagt er, ehe er sich wieder seiner Kamera auf dem Stativ widmet. Fast alle der Teilnehmer haben professionelles Equipment dabei, die Gruppe mutet an wie ein Fotokurs auf Exkursion. Kunstpädagogin Kathryn Michalzik aus Delmenhorst erkundet das Gefängnis dagegen nur mit dem Handy in der Hand. „Ich mag ,lost places’, man bekommt ein Gespür für die Vergangenheit. Ich finde es auch berührend, die Notizen der Häftlinge zu lesen. Man kann ihre Verzweiflung auch heute noch förmlich spüren“, sagt sie, ehe sie über die Gittertreppe in die dritte Etage hinaufsteigt.

Besucher der go2know-Touren kommen sogar aus Kanada oder Neuseeland und planen ihren Europa-Aufenthalt teilweise um den Besuch maroder Orte herum. Schneller sagt, der Hype um diese Stätten des Verfalls existiere zumindest unter Hobbyfotografen schon lange – mindestens seit dem Abzug der Sowjettruppen nach dem Mauerfall. Ob Geheimtipp oder nicht – der Ausflug in die Vergangenheit im Köpenicker Gefängnis lohnt sich in jedem Fall.

Lost places: Führungen an verlassene Orte

Der Veranstalter go2know bietet ganzjährige Foto-Touren an verlassenen Orten an, darunter Ausflüge in der Region, wie die Beelitzer Heilstätten und die Militärstadt Wünsdorf, sowie in Deutschland (zum Beispiel ein verlassenes Hotel im Thüringer Wald). Außerdem kann man Fotoreisen buchen, beispielsweise eine Exkursion nach Tschernobyl. Die Tour durch das Köpenicker Gefängnis findet in den Sommerferien noch am 7. und 28. Juli statt, Start ist jeweils um 9, 12 oder 15 Uhr. Die Tour dauert drei Stunden, der Tourguide steht für Fragen zur Verfügung, lässt die Teilnehmer das Gebäude aber frei erkunden. Die Teilnahme kostet 40 Euro.

Informationen zu den einzelnen Touren im Internet: go2know.de oder unter 030/ 26558 150 (Montag bis Freitag von 10 bis 15 Uhr). Anfahrt zur Untersuchungshaftanstalt für das Amtsgericht Köpenick per S-Bahn zum Bahnhof Köpenick, von dort sind es nur fünf Minuten Fußweg zum Eingang an der Seelenbinderstraße 26. Wer mit dem Auto kommt, findet in einer der Seitenstraßen mit etwas Glück einen Parkplatz.

Alle Teile der Sommerserie finden Sie HIER!