Sommerserie

Gründer und Künstler auf der schönen Weyde

Der Charme der 90er-Jahre: In Oberschöneweide wartet ein ganzes Industriequartier auf die Zukunft.

Stadtführer Andrej Goncarenko auf dem Höhepunkt seiner Führung, dem Turm des Peter-Behrens-Baus in Oberschöneweide.

Stadtführer Andrej Goncarenko auf dem Höhepunkt seiner Führung, dem Turm des Peter-Behrens-Baus in Oberschöneweide.

Foto: Uta Keseling

Berlin. Der Name führt in die Irre: Schöneweide. Statt schönen Weiden empfängt der Bahnhof Schöneweide seine Besucher mit einer Baustelle und einer brüllenden Ausfallstraße. Die Straßenbahn rumpelt im Schritttempo weiter durch Häuserschluchten. Zwar trägt auch unser Ziel die Sommerfrische gewissermaßen im Namen – die Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide ist benannt nach einem beliebten Spree-Lokal im 19. Jahrhundert. Aber das Viertel wird nicht umsonst auch gehässig „Oberschweineöde“ genannt. Heute prägen Spielsalons, Nagelstudios und blinde Fenster die Straße. Immerhin glitzert hinter den gigantischen Klinkerfassaden der einstigen AEG-Hallen tatsächlich die Spree.

Gästeführer Andrej Goncarenko, 47, ist sicher: Dieser Ort ist so „Berlin“ wie kaum ein anderer in der Stadt. Es hat mittlerweile auch einen hippen, neuen Namen: „Elektrocity“. In Oberschöneweide entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts mit der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) die Keimzelle der deutschen Elektroindus­trie. Unser Weg ist ein Schnelldurchlauf durch die Zeit. Von der „schönen Weyde“, einer Auenlandschaft vor den Toren den Stadt, die Kurfürst Joachim II. im 16. Jahrhundert in einem Reisebericht erwähnte, zur Industriemetropole und zurück.

Künstler entdecken die Hallen gerade für sich

Denn das Viertel, in dem zu DDR-Zeiten bis zu 40.000 Arbeiter Kabel, Transformatoren und Fernseher herstellten, dämmert heute im Dornröschenschlaf vor sich hin. Noch jedenfalls. Ein bisschen „Grün“ sprießt wieder. Künstler entdecken die historischen Hallen gerade für sich, erste Cafés am Wasser gibt es auch schon.

Wir treffen Goncarenko im „Industriesalon“, einem Museum, das der gleichnamige Verein Industriesalon, heute betreibt. In einer Halle des früheren Transformatorenwerks Oberschöneweide sind seltene technische Geräte aus der Produktionszeit der Röhrenfernseher zu sehen. Goncarenko erklärt einige der damals bahnbrechenden Erfindungen. Die sogenannte Toccata-Orgel für die Komische Oper, „das elektronische Instrument sollte klingen wie die berühmte Silbermann-Orgel“. Durchgesetzt hat es sich nicht so recht, ebenso wenig wie der erste Mikrowellenherd der DDR.

Was wir verstehen, bevor wir starten: Ohne Rückschläge sind große Erfindungen und Veränderungen nicht vorstellbar. Schnell fällt das Wort Start-up, sowohl in Bezug auf das damalige wie aufs heutige Oberschöneweide. In einem Teil der historischen Gebäude arbeitet heute die Hochschule für Technik und Wirtschaft, an der die Erfinder und Gründer von morgen studieren.

Schon AEG-Gründer Emil Rathenau sei ein Start-up-Gründer gewesen, sagt Goncarenko. „Als der Ingenieur und Unternehmer 1881 Edisons Glühlampe entdeckte, erkannte er die Zukunftschancen der Elektrotechnik und beschloss, in Oberschöneweide zu produzieren.“ Rathenau gründete 1883 die „Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität“, aus der 1887 die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) hervorging.

Zuvor aber waren andere Ideen am selben Ort gescheitert. Die Ausflugslokale an der Spree etwa – sie waren zu schlecht angebunden an die damalige Stadt. Auch der Versuch, das Gelände im 19. Jahrhundert zum Villenviertel zu machen, misslang. Eine Parzelle habe man Rathenau geschenkt, sagt Goncarenko. „Doch er baute statt der Villen den Industriestandort.“

Dann stehen wir im Freien und schauen in einen Birkenwald. Vor zwei Jahren standen die Bäume noch im Hamburger Bahnhof. „Ein Werk des Künstlers Olaffur Eliasson, der die Halle hinter den Bäumen hier gerade für sich ausgebaut hat, als weiteren Standort neben dem Pfefferberg.“ In den Reinbeckhallen nebenan sind Roger Melis’ Fotografien „Die Ostdeutschen“ noch bis 28. Juli zu sehen. Auch diese Hallen gehörten zum AEG-Transformatorenwerk. Investor Sven Hermann will hier ein „Artopolis“ gründen, lernen wir. Kunst statt Industrie. Vieles steht aber noch leer.

Zwischen den Hallen kommt Wind auf, es duftet nach Wasser. Wir stehen an der Spree. Vor uns türmt sich die Glasfassade des einstigen Kabelwerks Oberspree. Ältere Berliner erinnern sich noch an die DDR-Zeiten, als die Gummiproduktion die Luft verpestete. Bis zu 40.000 Menschen arbeiteten hier, abends sah man die Arbeiter mit rußverschmierten Gesichtern. Der Ruß wurde für Kabelummantelungen verwendet.

Ein Paar aus Remscheid schaut sich neugierig um. „Uns interessiert besonders die Industriearchitektur“, sagt Silke Kindt, „ich arbeite bei Siemens.“ Die Siemensstadt im Westen Berlins entstand zur selben Zeit wie AEG in Oberschöneweide. Zwei andere Teilnehmer wohnen in Niederschöneweide gegenüber. „Wir wollten schon immer wissen, was hier gegenüber ist“, sagt Jana Ali Samawi. Wohl alle erinnert dieser Ort an Industrieareale Berlins, die heute längst berühmte Kultur- und Wohnstandorte sind. Kulturbrauerei , Pfefferberg, der Alte Schlachthof in Prenzlauer Berg.

Der Weg führt vorbei an endlosen AEG-Hallen, alle aus dem gleichen gelben Ziegelstein. „Man wollte sich mit der Farbe von der Konkurrenz absetzen“, erklärt Andrej Goncarenko. „Siemens baute seine Werke aus roten Ziegeln.“ Es sind die vielen Details, die seinen Vortrag spannend machen. Stadtführer Goncarenko ist schon seit 2017 hier unterwegs. Aufgewachsen ist er in der Sowjetunion, kam Anfang der 90er-Jahre nach Berlin. Wenn er keine Stadtführungen macht, steht er auf der Bühne der Deutschen Oper als Kleindarsteller oder singt im Chor. Es macht Spaß, ihm zuzuhören.

Blitze, Sonnen und Isolatoren stehen für den Strom

Er weist auf die Friese an einer Fassade. Blitze, Sonnen und Isolatoren stehen für den Stolz auf das erste Drehstromkraftwerk Deutschland, das sozusagen den Saft lieferte, der die Großindustrie zum Laufen brachte. „Es steht leer, im Innern wachsen riesige Farne“, sagt Goncarenko bedauernd. Und zückt einen Schlüsselbund, der uns eine Tür in die Vergangenheit öffnet: Die AEG-Kantine. Die Arbeiter speisten in einer Art Kathedrale an langen Tischreihen, von oben schaute Göttin Elektra zu. Die geschnitzte Decke ist erhalten geblieben. Darunter jedoch zog man zu DDR-Zeiten niedrige Büros ein. Hat die Kantine eine Zukunft? Goncarenko deutet nach oben. „Im Gebälk sitzt der Schwamm.“

Der Peter-Behrens-Bau steht mit seinem Turm wie ein Ausrufezeichen am Ende unseres Rundgangs. 1917 war er Sitz von Rathenaus Neuer Automobil-Gesellschaft (N.A.G.). „Dass in Oberschöneweide Elektro-Autos gebaut wurden, ist für viele Besucher eine Überraschung“, sagt Goncarenko. Vor 100 Jahren war Oberschöneweide technisch weit vorn. Wir passieren den eleganten Lichthof im Innern, wo Teile der Serie „Babylon Berlin“ gedreht wurden.

Der Höhepunkt im Wortsinn aber ist der Blick vom Dach des Turms. Von hier aus gesehen ist der Fernsehturm nur noch eine Stecknadel. Wer verstehen will, wie weitläufig Berlin ist, wie vielfältig, wie grün, der muss abgelegene Türme wie diesen besteigen. Goncarenko deutet auf einen Punkt im Grün: das Stadion An der Alten Försterei des 1. FC Union. Nach dessen Aufstieg ist Oberschöneweide zumindest gedanklich etwas näher in die Mitte Berlins gerückt.

Touren durch Oberschöneweide

Die Ausstellung im Industriesalon ist für Besucher von Dienstag bis Sonntag, 14 – 18 Uhr, geöffnet: Reinbeckstraße 9, 12459 Berlin-Oberschöneweide (Treptow-Köpenick).

Die regelmäßigen Führungen durch die Elektropolis starten jeden Freitag um 14 Uhr und jeden Sonntag um 12 Uhr. Die Führungen dauern etwa zwei Stunden. Neben diesen gibt es auch individuell buchbare Führungen zum modernen Wohnen in Oberschöneweide (Architekten Peter-Behrens, Jean Krämer, Ernst Ziesel und weitere) sowie durch das ehemalige Transformatorenwerk.

Buchungen und Fragen zu Führungen unter Tel. 030 5360 3059, E-Mail: info@industriesalon.de, Internet: www.industriesalon.de.

Anfahrt: S-Bahn S46 bis Oberschöneweide, weiter mit der Tram 60 (wegen der Baustelle ca. 5 Min. Fußweg bis zur Haltestelle Sterndamm). Aussteigen an der Firlstraße. In der Schifffahrtsaison von Mai bis September 2018 ist die An-und Abreise auch mit einem Schiff der Reederei Riedel möglich.

Tipp: Café „Schoeneweile“ im alten Pförtnerhaus neben dem Industriesalon.