Morgenpost vor Ort

„Verkehrspolitik darf nicht nur aufs Fahrrad setzen“

Beim Leserforum zu Problemen und Perspektiven in Treptow-Köpenick zeigt sich: Wichtigstes Thema ist das Verkehrschaos.

Das Leserforum der Berliner Morgenpost in Treptow-Köpenick.

Das Leserforum der Berliner Morgenpost in Treptow-Köpenick.

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Treptow-Köpenick ist sehr beliebt. Der Südost-Bezirk sei der schönste Berlins, davon war die große Mehrheit der Gäste des Morgenpost-Leserforums am Montagabend überzeugt. Viel Grün, viel Wasser, schwärmten sie.

Wenn nur das Verkehrsproblem nicht wäre – die unzureichenden Kapazitäten von Bahnen und Bussen, der Dauerstau auf vielen Straßen, vor allem auf den großen Ost-West-Verbindungen. Daher wurden die Verkehrsprobleme zum großen Schwerpunkt der Veranstaltung.

Über Probleme und Perspektiven des Bezirks Treptow-Köpenick diskutierten auf dem Podium Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD); Peter Strunk, Bereichsleiter Kommunikation der Wista-Management GmbH (Adlershof); Susanne Reumschüssel, Projektleiterin im Industriesalon Schöneweide; Andreas Knüppel, Leiter des Polizeiabschnitts 65, und Gilbert Schomaker, stellvertretender Chefredakteur der Berliner Morgenpost. Hajo Schumacher, Autor und Kolumnist dieser Zeitung, moderierte den Abend.

Das Interesse der Leser an diesem „Morgenpost vor Ort“ war sehr groß, der Hans-Grade-Saal im Forum Adlershof komplett ausgebucht. Die wichtigsten Themen im Überblick:

Verkehr: Dauerstau und chronische Überlastung

Andreas Knüppel ist noch neu im Bezirk. Der Polizeioberrat hat den Abschnitt 65 erst Mitte April übernommen. Eines hat er sofort bemerkt: „Die Verkehrslage ist chaotisch. Je weiter man nach Köpenick kommt, desto schlimmer wird es. Die großen Ost-West-Verbindungen sind komplett überlastet.“ Das sei aber kein Aufgabenfeld der Polizei, sie werde nur beteiligt, wenn Umleitungsstrecken und Ampelschaltungen festgelegt werden müssen, wie etwa nach Sperrung der Salvador-Allende-Brücke.

Knüppels private Konsequenz: Wann immer es geht, fährt er mit dem Fahrrad – quer durch die Stadt. Das traut sich Susanne Reumschüssel, die in Steglitz wohnt, nicht. Und weil die S-Bahn nicht zuverlässig genug sei, habe sie sich ein Auto gekauft. Da sie antizyklisch unterwegs sei – morgens stadtauswärts, abends zurück – komme sie einigermaßen voran.

Bezirksbürgermeister Oliver Igel: „Es muss einen Mix geben“

Oliver Igel kritisierte die Verkehrspolitik des Senats: „Es muss einen Mix geben. Mir geht ziemlich auf die Nerven, dass auf Landesebene inzwischen nur noch über Radschnellwege und Radwege gesprochen wird.“ Donnernder Applaus der Gäste. Zu einem solchen Mix gehöre eben auch, dass der Kfz-Verkehr organisiert werden muss, so der SPD-Politiker.

Wer den Südost-Bezirk durchquere, sei schon mehr als 20 Kilometer unterwegs. Igel forderte auch den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und kritisierte, dass in seinem Bezirk BVG-Busse und Straßenbahnlinien teilweise nur im 20- oder 30-Minutentakt verkehren und nach 19 oder 20 Uhr gar nicht mehr fahren. „Da fragen Sie sich, sind Sie noch in der Hauptstadt?“ wetterte Igel. Der Takt solle maximal zehnminütig sein.

Das sagen die Leser beim Morgenpost-Leserforum in Treptow-Köpenick

Treptow-Köpenick der Bezirk mit den meisten großen Verkehrsprojekten

„Wir werden die Verkehrsprobleme nur lösen, wenn sich die Menschen auf ihr Lieblingsverkehrsmittel und ihren Lieblingsweg verlassen können“, sagte der Bezirksbürgermeister. Die Verkehrsverwaltung dürfe nicht nur „Orchideenthemen“ bearbeiten. „Nach der Sperrung der Salvador-Allende-Brücke hätte eigentlich allen klar sein müssen, dass wir auch etwas für den Straßenverkehr tun müssen“, so Igel. Über den Ausbau von Straßen und Brücken müsse ebenso gesprochen werden wie über die Verlängerung der Autobahn A 113, um den Gewerbeverkehr aus den Wohngebieten zu bekommen.

Treptow-Köpenick sei der Bezirk mit den meisten großen Verkehrsprojekten, Projekte im Umfang von einer halben Milliarde Euro seien in der Planung. „Die sind auch notwendig. Ich möchte nicht, dass sie unter die Räder kommen, weil man sich im Senat nur noch auf einzelne Verkehrsträger konzentriert.“

Oliver Igel setzt sich auch für die Verlängerung der U-Bahnlinie U7 von Rudow nach Schönefeld ein, obwohl die Trasse seinen Bezirk gar nicht betrifft. Sonst würden sehr viele Reisende mit dem Auto zum Flughafen BER fahren, „und dann haben wir die alle auf dem Adlergestell“, sagte er.

„Teilweise sehr ideologisch geführte Verkehrspolitik“

„Es gibt im Senat eine teilweise sehr ideologisch geführte Verkehrspolitik, die Auswirkungen bis in die Außenbezirke hat“, kommentierte Gilbert Schomaker. Dort werde zwar klar gesagt, Radwege zu wollen, aber nicht, was die Menschen machen sollen, die nicht das Rad benutzen können oder denen es zu gefährlich ist. Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) wolle partout eine andere Verkehrspolitik durchsetzen „und den Menschen vorschreiben, wie sie sich in der Stadt zu bewegen haben“.

Besser, so der Morgenpost-Vizechefredakteur, wäre es, Angebote zu schaffen, die so gut sind, dass es sich nicht mehr lohnt, mit dem Auto zu fahren, weil man etwa mit der S-Bahn verlässlich alle fünf Minuten aus einem Außenbezirk in die Stadt kommt.

Die Verkehrsprobleme seien zwar kein Investitionshemmnis im Technologiepark Adlershof, „aber es nervt zunehmend“, bekannte auch Peter Strunk. 60 Prozent der Mitarbeiter dort kämen mit Bahn oder Bus. Das sei eine Riesenchance, die mit einem entsprechenden Angebot erhalten und ausgebaut werden müsse. „Doch die S-Bahn hat oft Lungenentzündung“, sagte der Wista-Kommunikationschef. Auch der Autoverkehr könne und müsse besser organisiert werden. So sorge die Ampelschaltung am S-Bahnhof Adlershof auf der Rudower Chaussee im Berufsverkehr für Rückstaus bis zur Autobahn.

Trassen für weitere Straßenbahnlinien

Oliver Igel ging auf weitere konkrete Planungen und Probleme ein. So nahm er den Vorschlag des Lesers Dietmar Miethling aus Grünau auf, die S-Bahn vom Bahnhof Spindersfeld teilweise unterirdisch weiterzuführen bis zum BER. Eine „Stummelstrecke“ sei bereits vorhanden, so Miethling. Das sei eine durchaus bedenkenswerte Vision, sagte Igel. Im Bezirk würden zudem Verkehrstrassen vorgehalten, etwa in Müggelheim. Die Trasse für die Verlängerung der Straßenbahnlinie von Adlershof bis Schöneweide könne man sogar bereits sehen.

In Wendenschloß könnte das Großbauprojekt Marienhain mit 1000 Wohnungen für zusätzliche Verkehrsprobleme sorgen. „Wir werden uns den gesamten Verkehrsraum ansehen müssen“, bekannte der Bezirksbürgermeister. Die Straßenbahnanbindung müsse verbessert werden, vielleicht noch eine Buslinie eingerichtet sowie der Fährverkehr verbessert werden. Sonst würden sich Autofahrer Schleichwege über kleine Nebenstraßen suchen. Um das Problem etwas zu entschärfen, werde der Marienhain in mehreren Abschnitten gebaut, so Igel. Leser fragten auch, ob denn nun die geplante Brücke über die Dahme, zwischen Wendenschloß und Grünau gebaut werde. Der Bezirk wolle sie, aber sie sei umstritten, auch bei Anwohnern, sagte Oliver Igel. Die Entscheidung liege bei der Verkehrssenatorin. Man müsse prüfen, ob die Brücke das Problem löst oder eher verschärft.

Tangentialverbindung Ost (TVO) als großer Diskussionspunkt

Ein großer Diskussionspunkt war zudem die Verlängerung der Tangentialverbindung Ost (TVO) von der Spindlersfelder Straße bis zur B1/B5. Der langjährige ehemalige CDU-Abgeordnete Fritz Niedergesäß kritisierte, dass die grün geführte Verkehrsverwaltung die Planung für die TVO wieder aufrolle, weil nun auch noch ein Radschnellweg angedockt werden solle.

Niedergesäß rechnet mit weiteren acht bis zehn Jahren Verzögerung und forderte, diesen „Bürokratenwahnsinn“ zu stoppen. Gilbert Schomaker gab ihm recht: „Die TVO wäre eine Riesenentlastung. Es ist nicht gut, dass jede Landesregierung neu anfängt zu planen. Man sollte endlich mal anfangen und das Projekt durchziehen.“ Auch dafür gab es starken Applaus. Oliver Igel warnte davor, dass das Projekt unter einem grünen Regierenden Bürgermeister vollends beerdigt werden könnte.

Mehr Wohnraum in Treptow-Köpenick schaffen

Treptow-Köpenick ist ein Zuzugsgebiet. Gilbert Schomaker sieht vor allem die Politik gefordert, um den Zuzug zu bewältigen. Es müssten Flächen für Wohnungsbau ausgewiesen und Wohnraum geschaffen werden, damit sich junge Menschen und Familien ansiedeln können, ohne dass die alteingesessenen Bewohner verdrängt werden. Peter Strunk betonte, Berlin habe die Chance, Fehlentwicklungen wie etwa in München oder Frankfurt/Main zu vermeiden.

Vor allem in Bezirken außerhalb des S-Bahn-Rings könne Entwicklung gezielt gestaltet werden. Treptow-Köpenick könne etwa, insbesondere in Schöneweide, Kreative „abfangen“, die aus Mitte wegziehen müssen. Oliver Igel ergänzte, viele Menschen stünden dem Bau neuer Wohnhäuser kritisch gegenüber. Die Infrastruktur müsse stimmen, das betreffe nicht nur Kitas und Schulen, sondern vor allem den Verkehr. „Sonst gibt es keine Akzeptanz für eine wachsende Stadt“, sagte er.

Adlershof als Deutschlands größter Wissenschafts- und Technologiepark

Adlershof sei Deutschlands größter Wissenschafts- und Technologiepark, sagte Peter Strunk. „Dort arbeiten mehr als 20.000 Menschen. Das ist sehr wichtig für die Volkswirtschaft dieser Stadt und das Steueraufkommen. Pro Jahr fließen 60 Millionen Euro in die Kassen des Bundes und des Landes“, erläuterte er. Der Wista-Kommunikationschef, der seit fast 20 Jahren in Adlershof arbeitet, ist vor einem Jahr in den Südost-Bezirk gezogen. Zuvor hatte er viele Jahre in Halensee (Charlottenburg-Wilmersdorf) gewohnt. Dort sei die Zeit stehen geblieben. „Treptow-Köpenick ist so ziemlich der munterste Bezirk, den ich bisher kennengelernt habe“, sagte er.

In Schöneweide ist die Entwicklung nicht so einheitlich. Das große Problem in Oberschöneweide sei, dass die großen, alten Industriegebäude nicht so genutzt werden, dass sie auch erhalten werden können, sagte Susanne Reumschüssel. Der Erhalt dieser sehr soliden und schönen Gebäude sei aber geboten. In Oberschöneweide dürfe der Bau neuer Wohnungen nicht oberstes Gebot sein. Der Charakter des Ortsteils sei auch nicht nur tauglich für den Tourismus. Reumschüssel sprach sich dafür aus, dort weiter Gewerbe und Industrie anzusiedeln und voranzubringen.

Hochschule soll komplett nach Oberschöneweide ziehen

Gregor Keck vom Standortmanagement für Schöneweide sagte, der Verkehrsinfarkt sei „real, schon seit vielen Jahren“. Der Verkehr mindere die Standortqualität. Keck riet zu einem integrierten Wirtschaftskonzept, das die Verkehrsprobleme aufgreife. Igel unterstützte diesen Gedanken.

Er forderte eine neue Brücke, die Wilhelminenhofbrücke, sowie die Konzentration der Hochschule für Technik und Wirtschaft an diesem Standort. Zudem solle das Samsung-Gelände Gewerbe- und Hochschulfläche bleiben. „Wir müssen auch Gewerbeflächen sichern. Wenn Gewerbe nach Brandenburg abwandert, bekommen wir noch mehr Verkehr“, sagte der Bezirksbürgermeister.

Union Berlin vor dem Aufstieg: Ist der Bezirk darauf vorbereitet?

Hajo Schumacher fragte Polizeioberrat Andreas Knüppel, ob der Bezirk darauf vorbereitet sei, wenn dem FC Union der Aufstieg in die erste Fußball-Bundesliga gelingen sollte. „Wir als Polizei freuen uns eher auf die erste Liga, weil die Fanklientel dort nicht ganz so kritisch ist“, sagte Knüppel.

Er berichtete vom Spiel gegen den FC Magdeburg am vergangenen Sonntag. Das Match galt als „Hochrisikospiel“. Mehr als 1000 Fans seien aus Magdeburg nach Berlin gekommen. In Bochum hätten die Magdeburger Fans für Ausschreitungen gesorgt, so dass die Polizei dort 650 Menschen vorläufig festgenommen habe. In Berlin habe es eine strikte Trennung der Fanblöcke gegeben, mit starker Unterstützung der Bundespolizei.

Knüppel sprach sich privat dafür aus, solche Einsätze den Vereinen in Rechnung zu stellen. Auch dafür gab es starken Applaus des Publikums. Am vergangenen Sonntag seien neun Hundertschaften der Berliner und Bundespolizei im Einsatz gewesen – nur, um ein Zweitligaspiel zu betreuen. Erneut seien wieder mehrere verletzte Beamte zu beklagen gewesen.

Autoaufbrüche als Sicherheitsproblem

Ein weiteres Sicherheitsproblem, das beim Leserforum zur Sprache kam, waren Autoaufbrüche. Eine Leserin aus Altglienicke klagte darüber und kritisierte, dass die Polizei zwanzig Minuten brauche, bis sie anrücke. „In diesem großen Bezirk müssen wir oft lange Strecken überbrücken“, warb Knüppel um Verständnis.

Kfz-Aufbrüche seien im gesamten Bezirk ein Problem, die Ruhe und Abgeschiedenheit vieler Ortsteile begünstige solche Taten leider. Er appellierte an die Leser, sofort die Polizei zu verständigen, wenn irgendwo eine Auto-Alarmsirene angeht oder der Verdacht auf einen Wohnungseinbruch besteht.

Stromausfall im Februar

Hajo Schumacher fragte, welche Erkenntnisse und Einsichten man aus dem großen Stromausfall in Treptow-Köpenick gewonnen habe, der den Bezirk im Februar auch über die Stadtgrenzen hinaus in die Schlagzeilen gebracht hatte. Oliver Igel berichtete von einer großen Tagung der Feuerwehr zu diesem Thema am vergangenen Freitag. Mit sogar internationaler Beteiligung sei der Stromausfall unter verschiedensten Aspekten besprochen worden.

„Wir haben als Bezirk sehr viel gelernt. Ich denke, auch die Hilfsorganisationen und die Katastrophenbehörden des Landes“, sagte Igel. Der Stromausfall sei gewissermaßen auch eine Übung gewesen - in Echtzeit. Vieles habe gut funktioniert, das aber nicht wahrgenommen worden sei. So seien 30 Haushalte mit Patienten versorgt worden, die auf medizinische Geräte angewiesen sind. Die Polizei habe ihre Präsenz sehr kurzfristig erhöht.

„Wir haben auch gelernt, was man an der Organisation ändern muss, zum Beispiel bei der Kommunikation für und mit der Bevölkerung“, sagte der Bezirksbürgermeister. Es sei gut, das Thema nicht einfach abzuhaken, sondern sich zu wappnen. Solche Vorfälle könne es auch in Zukunft geben. Der Bezirk werde künftig auch auf seiner Internet-Seite darüber informieren, wie man sich im Katastrophenfall verhalten solle.