Sozialarbeit

Drogenproblem verlagert sich: Dealer verlassen die City

Sozialarbeiter in Treptow-Köpenick stellen Wanderungsbewegung aus der Innenstadt in die Außenbezirke fest.

M. Bidian & M. Boenke

Brennpunkt Görlitzer Park - Immer weniger Polizei

Beschreibung anzeigen

Berlin.  Sozialarbeiter aus dem Kosmosviertel (Treptow-Köpenick) beobachten das, wovor Ermittler der Polizei seit längerer Zeit warnen. Seit etwa vier Jahren nimmt der Drogenkonsum unter Jugendlichen in dem Viertel am Stadtrand von Berlin zu.

Das hänge mit der Verdrängung zusammen, sagt der stellvertretenden Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, Gernot Klemm (Linke). Das heißt: Wenn Brennpunktstreifen in Mitte auf dem Alexanderplatz oder im Görlitzer Park in Friedrichshain-Kreuzberg unterwegs sind, weichen Dealer auf andere Stadtteile aus. Zum Beispiel ins Kosmosviertel.

„Wenn Mitte Obdachlose abschiebt, landen sie bei uns unter den Brücken“

Ein weiteres Problem sei laut Klemm, dass manchmal stadtweite Konzepte fehlten. „Wenn der Bezirk Mitte öffentlichkeitswirksam seine Obdachlosen abschiebt, dann landen sie bei uns unter den Brücken“, so Klemm. Problematisch sei auch die Verdrängung aus den teuren Innenstadtbereichen. Noch vor wenigen Jahren seien in den Neubaublöcken im Kosmosviertel viele Wohnungen frei gewesen. Heute sei das nicht mehr so. Menschen, die sich die Innenstadt nicht mehr leisten können, seien hier hergezogen. Mit dieser Wanderungsbewegung seien auch Probleme gekommen, die es so vor wenigen Jahren noch nicht gegeben habe.

In dem Wohnviertel in Altglienicke wohnen rund 6000 Menschen. Die Plattenbau-Siedlung zwischen Schönefelder Chaussee und Siriusstraße ist eines der letzten zu DDR-Zeiten errichteten Wohngebiete in Berlin. Allerdings ist das Gebiet auch ein Ort der Gegensätze. Direkt vor den Plattenbauten liegen Eigenheime und dazwischen eine Flüchtlingsunterkunft.

In diesem Spannungsfeld hat der Bezirk eine einzigartige Struktur geschaffen. Im Kosmosviertel arbeiten Sozialarbeiter gegen Rassismus, Gewalt, Drogen und sexuelle Übergriffe. Zusammen mit Anwohnern und Sozialen Trägern ist ein effektives Netzwerk entstanden.

150.000 Euro für jeden Bezirk für mehr Prävention

Bezirkspolitiker Klemm sieht hier auch eine Vorbildwirkung für andere Stadtteile. Gemeinsam mit Innen-Staatssekretär Aleksander Dzembritzki, Ingo Siebert von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt und mehreren Straßensozialarbeitern war er am Dienstag im Viertel unterwegs. Hintergrund ist der Deutsche Präventionstag am kommenden Wochenende.

Die Landeskommission Berlin gegen Gewalt stellt in den Jahren 2018 und 2019 jedem Berliner Bezirk 150.000 Euro für die kiezorientierte Gewalt- und Kriminalitätsprävention sowie für den Aufbau von Präventionsräten zur Verfügung. Verteilt über die Stadt gibt es mehrere Projekte. Etwa am Boddinplatz in Neukölln oder im Regenbogenviertel in Schöneberg. In Treptow-Köpenick gibt es einen Präventionsrat. In dem sitzen Vertreter von Polizei, Ämtern, Bezirk und Sozialarbeiter. So soll schnell erkannt werden, wenn es vor Ort hakt.

Im Kosmosviertel sind Sozialarbeiter von Gangway unterwegs

Eines dieser Projekte im Kosmosviertel ist etwa das Wasala-Spielhaus, das erst am vergangenen Wochenende neu eröffnet wurde. Dort kommen Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 14 Jahren zusammen. Es gibt Ponys, Ziegen und einen Abenteuerspielplatz. In einem offenen Hof können die Kinder spielen. Sie müssen aber auch Aufgaben übernehmen. So sollen sie lernen, mit Verantwortung umzugehen. Und noch viel wichtiger: Kinder aus dem Plattenbauviertel, der Eigenheimsiedlung und dem nahen Flüchtlingsheim sollen so ins Gespräch kommen.

In dem Viertel sind auch die Sozialarbeiter von Gangway unterwegs. „Das Gebiet begleitet uns schon länger“, sagt Gangway-Chefin Elvira Berndt. Allerdings sei das Viertel nicht so sehr im öffentlichen Fokus wie etwa die Ausgehgebiete Görlitzer Park oder die Warschauer Brücke. In Altglienicke gehe es eher um das Phänomen der sozialen Benachteiligung.

Mitten im Plattenbauviertel liegt auch der Outreach-Jugendtreff. Die Jugendlichen, die hier her kommen, sind älter als die im Wasala-Spielhaus – etwa 14 bis 21 Jahre. Hier haben sie einen Ort, den sie aufsuchen können. Mehrere Sozialarbeiter kümmern sich um sie. „Unser größtes Problem sind die Drogen“, sagt ein Sozialarbeiter. Neben Cannabis seien vor allem chemische Substanzen im Umlauf. Durch die Straßensozialarbeit soll verhindert werden, dass hier erst ein Brennpunkt entsteht, wie es sie an anderen Orten in Berlin schon gibt. „Wir haben viel zu tun“, sagt ein Sozialarbeiter.

Klemm beobachtet bei der Jugendarbeit aber auch völlig neue Phänomene. Als etwa auf dem Marktplatz in Adlershof freies WLAN eingerichtet wurde, saßen dort auf einmal 200 Jugendliche. Wenn Freiräume für die Jungen und Mädchen verloren gingen, so Klemm, seien das dann die Auswirkungen.