Alle mal mitkommen!

Wer braucht Kreuzberg? Kiez-Kneipentour in Oberschöneweide!

Immer mehr Studenten zieht es in den Kiez. Zum Ausgehen müssen sie nicht mehr nach Kreuzberg. Eine Kneipentour.

Liegt etwas versteckt an der Wilhelminenhofstraße: The Double Inn bietet viele, viele Whiskeysorten.

Liegt etwas versteckt an der Wilhelminenhofstraße: The Double Inn bietet viele, viele Whiskeysorten.

Foto: Maria Häußler / BM/Maria Häußler

Dicht an dicht reihen sich in der Wilhelminenhofstraße asiatische Imbisse, Burgerläden und Sportsbars. In den Schaufenstern der Spätis wechseln Lichterketten blinkend ihre Farbe. Schöneweide ist bunt geworden und immer mehr Studenten ziehen in den Kiez, viele von ihnen studieren an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Die Mieten sind auch hier gestiegen, aber im Vergleich zu Kreuzberg, Friedrichshain oder Neukölln noch erschwinglich. Dafür müssen die Einwohner auf hippe Bars und urige Eckkneipen verzichten und fahren zum Ausgehen in andere Bezirke - das denken viele. Oder? Mit Freunden ein paar Bier trinken, das wäre doch mal was! Abseits der Touristenpfade geht es also diesmal direkt vor der Haustür auf Kneipentour.

Erstes Bier: Kilkenny Red Ale im „The Double Inn“

Erstes Bier: Kilkenny Red Ale. Ja, wir sind in einem Irish Pub gelandet. Ein Irish-Scottish Pub, um genau zu sein. Etwas versteckt hinter dem Kino Spreehöfe in der Nr. 89 liegt „The Double Inn“. Seit 2007 gibt es ihn. Am Treppenaufgang fallen gleich die auf einer Erhöhung angeordneten Whiskeyflaschen und -fässer ins Auge, aus den Lautsprechern dudelt irische Musik.

Bevor wir uns für einen der dunklen Holztische entscheiden, schweift der Blick über die grünen Wände, die mit gerahmten Bildern übersät sind. In der einen Ecke steht ein Billardtisch, die andere lockt mit Wohnzimmerflair inklusive Perserteppich und Elektrokamin. Einladend wirken nicht nur die liebevollen Details, sondern auch der Empfang an der Bar ist herzlich. Vier Biersorten sind vom Fass, zehn bis fünfzehn weitere aus der Flasche. Außerdem werden etwa 120 Whiskey- und Whiskysorten angeboten. Doch die Preise auf der künstlerisch gestalteten Karte dämpfen die euphorische Stimmung dann doch kurz wieder: 4,60 Euro für ein großes Importbier. „Unser Publikum ist eher aus dem Mittelstand, aber ansonsten gemischt. Alle Altersstufen kommen hier her“, sagt Bianca Tews.

„Am Anfang war das ein schwieriger Standort, inzwischen läuft es aber gut. Schöneweide ist ein klassischer Arbeiterbezirk. In den Neunzigern gingen hier viele Betriebe pleite und die Arbeitslosigkeit nahm überhand. Inzwischen gibt es immer mehr Mittelstand, dazu viele Studenten und junge Leute. Aber der spezielle Arbeiterklasse-Charme haftet der Gegend immer noch an“, meint Tews.

In einem kleineren Raum im Keller wird eifrig Tischkicker und Dart gespielt. Die Gäste rufen laut, wenn ein Schuss daneben geht, und klatschen sich ab, wenn das Team trifft. „Den Keller kann man mieten. Außerdem veranstalten wir verschiedene Events wie Whiskeytasting und im Winter gibt es bis April ein Programm mit Livemusik“, erzählt Tews. Irish Folk herrscht hierbei vor. „Je voller der Pub, desto schneller und lauter wird bei uns die Musik“, so Tews. Bevor das passiert, geht’s für uns schon in den nächsten Laden.

Zweites Bier: Radler im „Mucke Weide“

Zweites Bier: Radler mit Berliner Pilsner vom Fass. In der kleinen Eckkneipe „Mucke Weide“ an der Kreuzung Wilhelminenhofstraße und Edisonstraße geht es etwas intimer zu. Die Atmosphäre ist die einer typischen Stammkneipe. Hier redet man miteinander, die meisten Leute scheinen sich ohnehin zu kennen. Wir ernten von den Gästen neugierige Blicke und kleine Gesten zur Kontaktaufnahme.

Auf dem Weg zur Bar lässt man mir den Vortritt. Die Kellnerin stellt das Bier auf den Tresen und spricht aus, was offenbar alle denken: „Woher kommst du? Dich hab ich hier ja noch nie gesehen.“ So schnell wird man hier als Zugezogene entlarvt. So freundlich aufgenommen fällt es leicht ins Gespräch zu kommen. Die Veränderungen im Kiez schmecken trotzdem nicht allen. „Die alten Eckkneipen gibt es fast nicht mehr. Man kann sich selbst in Oberschöneweide die Mieten kaum leisten und ein Großteil sind Zugezogene“, stellt ein etwa 60-jähriger Gast fest. „Aus Kreuzberg“, fügt sein Nachbar mit einem Lachen hinzu.

Die meisten Sitzplätze befinden sich direkt an der Bar, ein kleiner Bereich wird mit bunten Lichtern ausgeleuchtet. Vermutlich eine Tanzfläche, doch heute tanzt keiner. Im Hintergrund läuft klassischer Rock, der ab und zu von der donnernden Tram übertönt wird. Über der Bar sind die Rock-Legenden abgebildet, die hier gespielt werden. Darüber ein Motorrad aus Pappe. Eine Karte gibt es nicht, scheint auch keiner zu brauchen. Wir ziehen weiter und zahlen 2,50 für ein großes Radler.

Drittes Bier: Berliner Pilsner in der „Eckbar“

Drittes Bier: Berliner Pilsner vom Fass. Auf den ersten Blick wird klar, was der Herr im „Mucke Weide“ mit seinem seltsam anmutenden Satz von deutschen Eckkneipen meinte. Hier steht „Eckbar“ drauf, aber ist nicht drin. Die mit Kunstleder überzogenen Sitzflächen, die zentral gestellten Spielautomaten und die verspiegelte Bar sind nicht das, was eine Eckkneipe ausmacht. Die wenigen Besucher unterhalten sich schreiend. Dazu pocht ein Technobeat. Licht spenden nicht nur die Automaten und Kühlschränke, sondern auch eine Coca-Cola-Leuchtreklame und blaue Lichterketten, die sich um die Bar winden.

Wir wollen das Bier verschenken und gehen, lassen uns dann aber doch noch in ein Gespräch verwickeln. Was er denn hier mache? „Na, es gibt ja nichts anderes“, sagt der Mann aus München. Der Preis von 2,80 Euro ist in Ordnung, wir sind anderer Meinung als der Münchner und wollen los.

„Möglichst Abgedreht“ - aber an dem Tag zu

Beim „Möglichst Abgedreht“ angekommen, stehen wir vor verschlossener Tür, obwohl am Eingang steht, es sei täglich geöffnet. Die 2017 gegründete Bar mit den Schnapszahlenpreisen wirkte auf den ersten Blick wie eine Antwort auf den Zuzug von jungen Leuten. Als wir auf der Facebookseite nach den Öffnungszeiten schauen wollen, sehen die Fotos nach einem anderen Ambiente aus. Offenbar handelt es sich um eine Tabledancebar.

Und zuletzt: Die Bierbank vorm Spätkauf

Also lieber Cocktails in der „BarEdison13“!

Dazu kommt es nicht. Die Bierbänke vor einem Spätkauf in der Nähe laden uns zu einem Absacker ein. Vom nächtlichen Frühjahr umgeben, philosophieren wir bis zum ersten Vogelgezwitscher - und gehen zufrieden nach Hause.