Blackout in Köpenick

Ausnahmezustand: Leben ohne Strom

Den ganzen Tag über arbeiteten Techniker, um den Stromausfall in Köpenick in den Griff zu bekommen. Die Menschen arrangieren sich.

Ein Polizeibeamter regelt auf der Müggelheimer Straße den Verkehr. Wegen des Stromausfalls waren alle Ampeln in betroffenen Gebiet außer Betrieb.

Ein Polizeibeamter regelt auf der Müggelheimer Straße den Verkehr. Wegen des Stromausfalls waren alle Ampeln in betroffenen Gebiet außer Betrieb.

Foto: Paul Zinken / dpa

Die Uhren stehen still in der Altstadt von Köpenick. Am Rathaus und an der Kirche weisen die Zeiger seit Dienstag auf 14.10 Uhr. Erst am Abend werden sie wieder funktionieren. Doch an diesem Mittwochmorgen wirkt hier alles noch beschaulicher als sonst. Nur vor dem Rathaus gibt es Bewegung, dort parkt der gelb leuchtende Katastrophenschutzwagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). An verschiedenen Stationen kann man Handy und Laptop zum Aufladen einstecken. Auf dem Tisch liegen zwei in die Jahre gekommene Handys. „Wer telefonieren muss, kann das hier tun“, erklärt ein Mitarbeiter des Bezirksamtes. An ältere Menschen ist gedacht, schließlich funktionieren in einigen Ortsteilen weder die Smartphones noch die Festanschlüsse.

Draußen vor dem ASB-Wagen warten gegen zehn Uhr sechs, sieben Leute, darunter auch Florian L. Der 27-jährige Kaminbauer nimmt es locker. „Alles entspannt“, meint er. Den Abend hat er bei Kerzenlicht verbracht wie andere auch. Einige sind einfach früher ins Bett gegangen, unter Daunen ließ sich die aufsteigende Kälte besser ertragen. „Endlich habe ich mal nicht nur Fernsehen geschaut“, meint Florian L.

Gerade kommt Fotografin Mimosa Elgt, die wenige Meter weiter ihr Fotostudio betreibt. Noch sieht sie das Positive. „So komisch es klingt, so eine Katastrophe bringt die Menschen zusammen. Endlich habe ich mal mit meiner Nachbarin gequatscht“, erzählt sie. Das ist die eine, die menschliche Seite. Auf der anderen steht ihr Verdienstausfall – und die Frage, wer die Verluste zahlt. Ihre Fototermine hat sie abgesagt. Um einige eilige Digitalpakete fertig zumachen, ist sie extra zu ihrer Schwiegermutter nach Kaulsdorf rausgefahren.

Marcel Ojeda überquert mit seinen zwei und vier Jahre alten Kindern die Straße, Kitas und Schulen sind in den betroffenen Ortsteilen geschlossen. Am späten Mittag wird ihn seine Frau mit der Betreuung ablösen. Er ist Abteilungsleiter beim Supermarkt Rewe an der Wendenschloßstraße. Dort wurde der Verkauf eingestellt, da die Kassen nicht funktionieren. Molkereiprodukte und Fleisch wurden bereits entsorgt – diese Lebensmittel dürfen aus Sicherheitsgründen nicht verschenkt werden. Nur die Tiefkühlkost habe man Dienstag per LKW sichern können. „Mit dem, was da weggeworfen wird“, meint Ojeda, „könnte man ganz Berlin versorgen.“ Bei über 31.000 betroffenen Haushalten dürfte einiges zusammenkommen.

Wer an diesem Mittwoch einkaufen will, hat in der Altstadt Pech. Nahezu alle Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, das Bürgeramt, der Ratskeller, die Sparkasse, sogar die Touristeninformation. In der Apotheke gibt es lediglich den Notschalter. „Ich hole mir das Notwendigste“, sagt eine alte Dame. Nur ob ihre Ärztin in Wendenschloss ihren Termin hält, weiß sie nicht. Einzig die Boutique an der Ecke hat geöffnet. Doch wer kauft schon ein Sommerkleid bei Blackout? Die zwei Verkäuferinnen haben sich drei Teelichter angezündet. Sie müssen ohnehin die Stellung halten. Falls der Strom kommt, dann springt die Alarmanlage an.

Indes steht vor dem Rathaus unverdrossen der schwarz gekleidete Leierkastenmann. Eine skurrile Szenerie. Drei kleine Trauungen fänden bis 13 Uhr statt, erzählt er. Sie werden durchgeführt, heißt es im Bezirksamt. Dem Glück steht kein Stromausfall im Wege. Auch die Ausgabe von vorläufigen Reisepässen sei gewährleistet. Wer von den Bezirksamtsmitarbeitern Home-Office machen kann, nutzt es an diesem Tag. Irgendwann gegen elf Uhr meldet sich Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) mit müder Stimme am Handy. Die ganze Nacht war er im Einsatz. Sonst im Trockenen geübt, musste die Logistik nun im Notfall klappen. „Das muss laufen“, so Igel, „damit die Einrichtungen sich auf die Lage einstellen.“ Dazu gehören Schulen, Kindergärten, Kommunikation, Verkehr und die Gesundheitsversorgung. Ein sensibler Bereich, zumal einige Pflegeheime mit Patienten, die auf Atemgeräte angewiesen sind, und die DRK- Kliniken Köpenick betroffen sind.

An der Brücke herrscht eine Art Katastrophen-Tourismus

Normalerweise puffern Notstromaggregate die Versorgung. 23 Patienten von Intensivstationen wurden vorsorglich verlegt. Die Polizei war in der Nacht in den betroffenen Gebieten verstärkt auf Streife, es blieb ruhig. Igel gab auch die Order, dass beheizte Schulen wie das Archenhold-Gymnasium und das Alexander-Humboldt-Gymnasium Räume freigeben sollten zum Aufwärmen und zur Stromversorgung. Doch das Angebot wurde kaum genutzt. Vielerorts improvisierte man, versorgte sich bei Freunden, Kollegen brachten Thermoskannen voller warmer Getränke mit.

An der Salvador-Allende-Brücke herrscht mittags eine Art Katastrophen-Baustellen-Tourismus. Eine Gruppe von Fußgängern und Radfahrern steht vor dem mit einem Bauzaun abgegrenzten Bauloch. Sie starren auf die graue Abdeckplane. Drei Bauarbeiter mit den gelben Westen sind schnell verschwunden. Kein Wunder, es wird richtig laut und zotig. „Wo ist eigentlich der Kerl, der das verzapft hat“, schreit ein Radfahrer. „Die Brücke wird uns immer wieder beschäftigen“, schimpft eine Frau. Ein 60-Jähriger knurrt: „Das haben wir alles der DDR zu verdanken.“ – „Quatsch, aber hey, wer zahlt mir eigentlich meine Fische, die gerade in den Aquarien verrecken?“, ruft ein Fahrradfahrer zu ihm rüber.