Altglienicke

Wohnungsbaugesellschaft kauft 1800 Wohnungen zurück

Im Kosmosviertel in Altglienicke hoffen die Mieter nach dem Rückkauf ihrer Wohnungen auf einen Aufschwung. Jahrelang gab es Proteste.

Blick auf Plattenbauten im Kosmosviertel, auch hier sind die Mieten gestiegen. 

Blick auf Plattenbauten im Kosmosviertel, auch hier sind die Mieten gestiegen. 

Foto: Maurizio Gambarini

Treptow-Köpenick. Nach dreijährigen Verhandlungen hat die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land in Altglienicke 1821 Wohnungen und 22 Gewerbeeinheiten zurückgekauft. Zwischendurch gab es Pausen, vermutlich lagen die Preisvorstellungen der privaten Schönefeld-Wohnen GmbH höher als von Senatsseite kalkuliert. „Wir haben immer wieder nachverhandelt“, hieß es am Montag aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen. Die Unterlagen liegen beim Notar, Mitte April soll der Kauf juristisch vollzogen sein. Über den Kaufpreis wurde zwischen beiden Vertragsparteien Stillschweigen vereinbart.

Seit Jahren gibt es Streit über teure Wärmedämmung

Bei den angekauften Wohnungen handelt es sich um das gesamte Portfolio des Münchener Investors im Kosmosviertel. Dazu zählen 17 Plattenbau­gebäude mit einer Höhe zwischen sechs und elf Geschossen. Aufgeteilt in vorwiegend Zwei- und Dreizimmerwohnungen, die in den 90er-Jahren erworben wurden. Diese Wohnungen liegen in direkter Nachbarschaft zu den Bestandsimmobilien von Stadt und Land.

Als „Irrsinn“ der Berliner Wohnungspolitik bezeichnet Stefan Förster, Sprecher für Bauen und Wohnen der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, den Rückkauf. „Erst wurden die kommunalen Wohnungen vor 20 Jahren für einen Appel und ein Ei verscherbelt, jetzt werden sie für ein Vielfaches des damaligen Verkaufspreises zurückerworben.“

Dennoch kommt der Rückkauf nicht überraschend. Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) reagierte auf langjährige Proteste von Mietern, die gegen zu hohe Folgekosten einer angeblich schlechten Wärmeisolierung kämpfen. Die Nebenkosten waren gestiegen, die Mieten ohnehin. Die Initiative „Mieterprotest Kosmosviertel“ wirft dem Investor vor, mit der Dämmung nur die Quadratmeterpreise in die Höhe treiben zu wollen. Mieten von bisher vier und fünf Euro kalt stiegen auf sieben Euro. „Es wurden nur die allernötigsten Reparaturen unternommen, stattdessen eine energetische Sanierung vorgenommen“, erzählt Peter Schmidt, Sprecher des Bündnisses „Mieterprotest Kosmosviertel“. Tatsächlich sieht man an den schmutzig grauen Fassaden der Plattenwohnungen den Verschleiß von drei Jahrzehnten. In manchen Wohnungen gäbe es noch Haustechnik aus DDR-Zeiten, ein Elek­triker habe Kabel gefunden, die gar nicht mehr zulässig seien, erzählt Katrin Gassan vom Bündnis „Mieterprotest Kosmosviertel“. Sie ist seit 14 Jahren Mieterin bei Schönefeld-Wohnen.

Die Anwohner im Kosmosviertel stehen finanziell nicht auf der Sonnenseite. Der Sozialatlas verzeichnet eine Arbeitslosigkeit von knapp 15 Prozent bei rund 5600 Einwohnern, berlinweit liegt sie bei 7,4 Prozent. Mittlerweile gibt es so gut wie keinen Leerstand mehr. Im Quartiersmanagement in der Schönefelder Chaussee 227 ist am Montagmorgen eine „positive Dynamik“ zu erleben, erzählt Leiter Daniel Fritz. Das Bezirksamt hätte sich mit der Nachricht bereits gemeldet. Mit der Schönefeld-Wohnen hat Fritz schon zusammengearbeitet, Gemeinschaftsräume wurden den Anwohnern mietfrei zur Verfügung gestellt. „Nur war uns nie klar, wie lange diese Vereinbarungen stehen und welche Perspektiven wir haben“, so Fritz. Mit der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft sei das nun leichter verhandelbar. Auch Peter Schmidt hofft auf einen „Konsens“.

Bürgerinitiative fordert Rückerstattung der Miete

Auch Heinz Heidebüchel ist mit dem Management der Schönefeld-Wohnen GmbH nicht zufrieden. „Seit 2011 ist meine Heizung kaputt und sie wird nicht repariert“, beschwert sich der Rentner. So sah er sich gezwungen, einen eigenen Heizkörper aufzustellen. „Dabei zahle ich über 500 Euro Miete. Bei Stadt und Land ist das definitiv besser“, meint er.

Missstände bestätigen auch eine Rentnerin und eine Mutter mit zwei Kindern. Die ältere Dame, wohnhaft in der Schönefelder Chaussee 255, ist schon länger unglücklich mit der Wohnsituation. „Der Fahrstuhl ist oft kaputt, und wir wohnen im siebten Stock. Dazu wird die Miete fast jedes Jahr erhöht. Und wir haben Angst vor der Sanierung. Dann müssen wir wahrscheinlich umziehen – und das mit 80 Jahren, in unserem Alter will das keiner.“ Die Mutter von zwei Kindern erzählt Ähnliches. „Die Fenster sind kaputt, der Fahrstuhl geht nicht. Die Hausverwaltung interessiert es nicht wirklich.“ Die Frau hofft, dass es in Zukunft besser wird – mit mehr Rücksicht auf alle Mieter.

Das Kosmosviertel wurde Ende der 80er-Jahre entworfen. Zu DDR-Zeiten sollte noch Großes entstehen, ein Schwimmbad und ein Stadion waren vorgesehen. Entworfen für Techniker, Fachkräfte vom Flughafen Schönefeld und Mitarbeiter der Akademie in Adlershof, die dort ein modernes Zuhause finden sollten. Dann kam die Wende und mit ihr der Abstieg des Kosmosviertels in isolierter Lage an der Stadtgrenze zu Brandenburg. Viele Wohnungen standen bald leer.

Am Montagabend wollte sich Peter Schmidt mit seinen Mitstreitern vom „Mieterprotest Kosmosviertel“ im Bürgerhaus treffen. Die Auseinandersetzung mit Schönefeld-Wohnen ist noch nicht zu Ende. Von dem Münchner Investor fordert er die Zurücknahme der „falschen“ Mieterhöhung und eine Erstattung an die Mieter.

Mitarbeit Annika Potzi

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