Onlineshop

In Schöneweide werden gruselige Masken hergestellt

Der größte Onlineshop für Masken und Kostümbedarf in Europa hat seinen Sitz in Schöneweide. Ein Besuch.

Georg M. Dittrich betreibt  Maskworld, einen Verkleidungs-Shop in Schöneweide.

Georg M. Dittrich betreibt Maskworld, einen Verkleidungs-Shop in Schöneweide.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. So einen Chef hat nicht jeder. Georg M. Dittrich (40) hat sich als Zombie geschminkt – mit großflächigen Fleischwunden im grau-weißen Gesicht und blutig aufgerissener Nase. Die Zähne sind krumm wie Säbel und tiefbraun, eine ziemlich furchterregende Existenz. So zeigt sich der Chef in der betriebseigenen „Hall of Fame“ im Büroflur der Rathenau-Hallen in der Wilhelminenhofstraße in Schöneweide.

Diese Wand ist Programm: Georg M. Dittrich betreibt mit seinem Kompagnon Roman Matthesius die Maskworld, einen der größten Onlineshops für Masken und Kostümbedarf in Europa. Jeder Mitarbeiter, der mag, vermarktet mit dem Foto seiner Maskierung ein Produkt: von Mister Spock (Ohren) über den Troll (Nase) bis zum Werwolf (Zähne) ist hier alles an der Wand dabei. Die Werwolf-Zähne in Hollywood-Qualität müssen dem Käufer 39,90 Euro wert sein. Keine Angst, Pestbeulen sind preiswerter, eine große und zwei kleine kosten 9,99 Euro.

120 Mitarbeiter und 20 Millionen Euro Jahresumsatz

Horror beiseite, die Fakten von Maskworld in Schöneweide sprechen für sich. Der Jahresumsatz beträgt 20 Millionen Euro. 95 Prozent des Umsatzes generieren sich über des Internet, dann gibt es noch den Laden auf fünf Etagen an der Oranienburger Straße. Angefangen haben die beiden Freunde, Georg und Roman, die sich aus der Sandkiste in Köpenick kennen, mit Masken, – heute führt maskworld.com 15.000 Artikel im Sortiment.

120 Mitarbeiter sind dabei, 200 freie kommen während der Saison dazu, die gerade läuft. Halloween und Karneval sind die starken Zeiten. Von anfangs 800 Quadratmetern vergrößerte sich das Unternehmen – nach zwei Umzügen – auf mittlerweile 8000 Quadratmeter. Hier auf dem riesigen, ehemaligen AEG-Gelände an der Wilhelminenhofstraße bespielt das Maskworld-Team gleich mehrere Hallen.

Und es gibt (noch) Platz für Expansion, den gab es in Mitte, und später in Kreuzberg, nicht mehr. Und den brauchen sie: Es gibt die Leder- und Latexwerkstatt, wo alles „made in Germany“ mit der Hand hergestellt wird. Hinzu kommen die Büros, Marketing, Markenentwicklung, Logistik, Retourabteilung, Support und die Pick-up-Hallen, wo der Versand vorbereitet wird und das riesige Angebot in Hunderten Kisten nach Größen geordnet auf meterhohen Regalen lagert. Anfangs murrten die Mitarbeiter über den Umzug nach Schöneweide, doch das ist vorbei. Im Sommer sitzt man gemeinsam an der Spree beim Grillen. „Die Gegend hat einen riesigen Sprung gemacht“, meint Dittrich und hofft, dass das Gewerbe keinem Wohnungsbau weichen muss.

Die Ware geht in alle Welt

Drei DHL-Container stehen gerade vor Halle 5, sie werden für den Versand der Ware bestückt. „Es geht in alle Welt“, erzählt Dittrich. Bestens liefen die Geschäfte mit den nordischen Ländern. Kaum zu glauben: Besonders gern bestellten die Österreicher und die Schweizer Latexmasken und andere Kostümierungen. An manchen Tagen, in der Halloween- und Karnevalszeit, gehen schon mal 8000 bis 10.000 Päckchen täglich zur Post. Die Motto-Partys hätten stark zugenommen, erzählt Dittrich, Kino, Comic, Serien und Videospiele würden die Fantasie des Pu­blikums beflügeln. Egal ob Batman oder Star Wars.

Im Büro stülpt sich Dittrich gerade eine Maske mit Halsansatz über, bindet sein Halstuch darüber enger, und schon steht ein ganz anderer, sehr fremder, ja befremdlicher Mann vor einem, von Weitem würde man die Maske vermutlich kaum erkennen, so echt wirkt sie. In die Haut eines anderen schlüpfen, ist die Idee. Und so fing es übrigens auch an, 1998, da vertrieben die heutigen Chefs ihren Maskenhandel im elterlichen Keller. Irgendwann stand Dittrich in so einem Latexteil über dem Gesicht im Garten, sein Vater kam hinaus und fragte: „Was tun Sie überhaupt auf meinem Grundstück?“ Dass aus dieser Idee 20 Jahre später Millionen geworden sind, hätte sich Herr Dittrich wohl nicht träumen lassen.

Mittlerweile gehören zum Unternehmen noch vier kleinere Online-Schwestern

Blasterparts bietet Plastikwaffen an, Super Epic sämtliche Fanartikel zu Themen wie Star Wars oder Harry Potter. Bei Supreme Replikas kann man Kopien von Gladiatoren-Helmen oder Tudor-Hemden bestellen. Mit Andracor wendet man sich an die noch junge Gemeinde des Mittelalter- und Live-Rollenspiels (LARP). In der Lederwerkstatt werden schwere Ledergewandungen, Rüstungen und Masken aus dem Fantasy-Bereich gefertigt.

Gerade lackiert eine Maskenbildnerin einen schwarzen handgroßen Totenkopf, der irgendwann die Schulter einer Rüstung zieren soll. „Drei Stunden dauert die Fertigung“, erzählt Fiona Freund. Ihr gegenüber sitzt Moritz, er näht an einer uralten Singermaschine die Einzelteile eines grünen, schweren Lederwams zusammen. Die Ösen für die Schnürung hat er bereits gestanzt. An der Singer klebt links außen ein Totenkopf auf Papier. Gut möglich, dass sich auf seinen vielzähligen Tattoos an den Armen auch einer verbirgt. In gewisser Weise ist man hier unter sich. Etwa einen Tag braucht das Team für die Herstellung einer Lederrüstung, mit 500 bis 800 Euro sei das ein relativ teures Hobby, erzählt uns Werkstattleiter Stefan Langnick.

Die Karnevalskostüme sind natürlich preiswerter. Warum Fred Feuerstein zu den Lieblingskostümen der Kunden zählt, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht, weil man sich nur ein gefärbtes, steinzeitliches Etwas überwirft. Pippi Langstrumpf und Popeye jedenfalls gehören auch zu den Klassikern, für diese Kostüme hat Maskworld die Lizenz.

In der Latex-Werkstatt angekommen, liegen überall winzige Abgussformen herum. Zwei Mitarbeiter verpacken an einem Tisch falsche Nasen, Ohren und einige Horror-Wunden. Alles handgemacht und keine billigen Wegwerfprodukte aus Asien – das ist Georg M. Dittrich wichtig. „Jede Form von Wunden können wir bedienen“, feixt nun die Pressedame. Auf einzelnen Kisten steht: Hirnriss, Kehlenschnitt (Jack the Ripper), Madenbefall, Fleischwunde (Bügeleisen). Es ist das Grauen! Wer bitte trägt eigentlich so etwas?

Mehr Informationen: maskworld.com

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