Rahnsdorf

17-Jährige wird erste Fischerin vom Müggelsee

In diesem Jahr macht Maria Thamm Abitur, danach beginnt sie eine Lehre. Wenn sie fertig ist, übernimmt sie das Fischgut ihres Vaters.

Andreas und Maria Thamm - der letzte Fischer vom Müggelsee hat eine Nachfolgerin gefunden: seine Tochter. Im Herbst beginnt die Lehre.  

Andreas und Maria Thamm - der letzte Fischer vom Müggelsee hat eine Nachfolgerin gefunden: seine Tochter. Im Herbst beginnt die Lehre.  

Foto: Christian Kielmann

Berlin. Bei der Begrüßung gerät man eine Sekunde lang ins Stocken: „Ich komme gerade aus dem Wasser!“, ruft uns Andreas Thamm entgegen und lacht dabei entwaffnend. Der Blick auf seine kniehohen Gummistiefeln und die schwere Hose sorgt für Aufklärung. Gerade hat er die Netze reingeholt, am Tag zuvor hat er 25 Zander gefangen, stolze Summe für den Winter.

An Rente denkt Fischer Thamm noch nicht

Thamm ist ohnehin stolz: Er ist der letzte Fischer vom Müggelsee, der in Rahnsdorf ein Fischgut betreibt. 40 Jahre auf dem Müggelsee, 50 Jahre im Job, bei Wind und Wetter auf dem Wasser, das soll ihm mal jemand nachmachen. Aber bitte, standesgemäß heißt sein Titel „Fischwirtschaftsmeister“, verbessert er uns. Schließlich ist es ein altes, traditionsreiches Handwerk, ein schützenswertes Kulturgut - und Thamm hat sich in den Kopf gesetzt, es in die Zukunft zu führen.

Vor kurzem ist er 65 Jahre alt geworden, an Rente ist vorerst nicht zu denken, das hat mit seinem Plan zu tun. Seine Tochter Maria (17) soll einmal die erste hauptberufliche Fischerin von Berlin werden. Im eigenen Betrieb möchte er sie selbst ausbilden: drei Jahre Lehre, zwei Jahre für den Meister, macht zusammen fünf Jahre, für ihn 70 Jahre.

Zuerst Abitur und dann Ausbildung

In diesem Sommer ist der erste Schritt gemacht, Maria wird ihr Fachabitur in Wirtschaft und Verwaltung machen, im September geht es zum Büffeln an die Fischereischule ins sächsische Königswartha. Da lernte er bereits, so soll es sein. 20 bis 25 Lehrlinge pro Jahrgang aus ganz Deutschland kommen dort zusammen. „Da geht man hin, um zu lernen, sonst ist da nichts“, sagt Thamm. „Da ist die Welt zu Ende.“

Hippe Clubs wie in Berlin wird man dort nicht finden, Maria scheint das nicht zu stören. Eine Fischereischule gibt es noch in Starnberg in Bayern. Aber das war für sie keine Option. Wir sitzen am Küchentisch im Fischerhaus in der Dorfstraße 13, Maria ist dabei. Vor dem Fenster liegt eine melancholische Idylle im Tröpfelregen, die Müggelspree, die kleine Ruderfähre F24 am Ufer, die Holzbänke und die Räucherei, vor der Haustür vorne sieht man die alte pittoreske Dorfkirche und das Kopfsteinpflaster. Das Rahnsdorfer Fischerdorf ist an diesem Morgen eine eigene, sehr stille Welt, die Hauptstadt scheint weiter entfernt zu sein als sie ist.

Maria sagt nichts zu den Ausführungen ihres Vaters oder schaut auf ihr Smartphone. Noch hat sie fischfrei. Sie weiß schon viel, dennoch wird sie in der Lehre noch jede Menge lernen muss. „Fischzucht, Fischhaltung, Fangerätebau“, zählt die Abiturientin auf. Und was sagen ihre Klassenkameraden zu ihrer Berufswahl? „Die finden es gut, dass ich den Familienbetrieb übernehmen möchte. Mein Freund interessiert sich auch sehr dafür“, meint sie. Ihr Vater: „Er möchte am liebsten auch Fischer lernen.“

Vater überträgt die Fischereirechte

Das Wichtigste, das er ihr mitgibt, sind die Fischereirechte, die er besitzt. Ohne diese Rechte, die der Kurfürst damals in die kleinen Fischerdörfer brachte, gibt es keinen Fisch zum Fangen. Die Gewässer gehören heute dem Bund, die Fische sind wild, deshalb diese juristische Voraussetzung. Traditionell gehen die Fischrechte in Köpenick immer an den Sohn in der Familie.

Aber nun ist Maria da, für eine angehende Fischerin hat sie sehr lange, spitze, rote Fingernägel. Oder vielleicht gerade deshalb. Die Fischerei war immer eine Männerdomäne. „Damit habe ich kein Problem!“, sagt die Schülerin, man glaubt es ihr. Probleme hat sie eher mit „dem Geruch und der Kälte“. Auch für Langschläfer ist das kein Traumjob. Thamm fährt mit dem Kahn früh aufs Wasser, zwischen fünf und sechs Uhr, zwei, drei Mal die Woche, nicht mehr jeden Tag wie früher, das wäre heute unwirtschaftlich. 30 bis 50 Kilo bringt er rein. Neulich hatte er einen Karpfen im Netz mit 35 Kilo, Maria konnte ihn gerade so heben. Bis zu 40 Kilo wird so ein Fisch.

Als künftige Fischerin wird Maria zuweilen auf Männerhilfe angewiesen sein, etwa wenn sie die gewaltigen Reusen im Wasser aufstellen muss. Im Frühjahr werden diese passiven Fanggeräte aufgestellt. Vater und Tochter, da kann es zu Konflikten kommen bei der gemeinsamen Arbeit. „Da müssen beiden tolerant sein!“ meint Thamm. Man weiß nicht, ob er dabei eher an sich oder Maria denkt. „Beide!“ schiebt er nach. Jedenfalls müssen wir nun alle drei lachen.

Nach der Wende kaufte Andreas Thamm das alte Fischerhaus

„Wir sind die 13. Familie, die hier vom Fischfang lebt“, erzählt er uns. Zu DDR-Zeiten war es anders, da war er als Fischer Teil einer Genossenschaft, die Fischereirechte wurden im Rahmen der Kollektivierung der DDR zwangsverpachtet. Nach der Wende löste sich die Genossenschaft auf, private Betriebe wie der von Andreas Thamm entstanden.

Sein Geschäft steht heute auf drei Beinen, nur so kann er heutzutage noch überleben: Handwerk, Handel und die kleine Gastronomie auf dem eigenen Grundstück. Thamm ist ein guter Lehrmeister, in einer halben Stunde weiß man bald mehr über die Fischereigesetze als über seinen eigenen Kreuzberger Kiez. „Ich bin sattelfest“, grinst Thamm. Die Fischerei sei seine Berufung, politisch dazu, gerade jetzt, wo es stärker um den Tierschutz geht. „Verstehen Sie“, sagt er, „wir holen doch nicht nur Fische aus dem Wasser heraus. Im Vordergrund steht die fischerliche Hege. Es geht darum, stabile, gesunde Fischbestände in Berlin zu bewahren. Dafür trägt meine Generation Sorge“, meint er. „Schreiben Sie das bitte!“

Und vergessen sollen wir nicht, dass die reine Fischerei heutzutage nur rund 30 Prozent des Arbeitsaufwandes ausmacht. Das andere sei die Verarbeitungsstrecke vom rohen Fisch bis zur Direktvermarktung auf dem Markt oder unten an der Müggelspree im kleinen „Erlebnispark“, wo der Müggelfischer und seine Familie am Wochenende vieles rund um den Fisch anbieten.

„Sie müssen den Fisch bis zum Ende selbst in der Hand behalten, um wirtschaftlich zu sein“, macht er uns klar. Maria verkauft dort mit. Sie ist gerade dabei, uns ihre E-Mailadresse aufzuschreiben. Falls wir doch noch irgendeine eine Frage zu den Fischen haben. Andreas Thamm hat weder E-Mail noch Smartphone. „Sonst komme ich doch nicht mehr zum Fischen!“ Wie gut, dass es Maria gibt.

Mehr Nachrichten aus dem Bezirk Treptow-Köpenick lesen Sie hier.