Gesundheit

Verein „So viel Freude“ bestückt Kliniken mit Kickertischen

Die Kickertische sollen die Kinder von ihrer Krankheit ablenken. Ehrenamtliche wie Schauspieler Paco Schwab spielen mit den Patienten.

Schauspieler Paco Schwab hinter einem gespendeten Kickertisch vor der Kinderstation in Buch.

Schauspieler Paco Schwab hinter einem gespendeten Kickertisch vor der Kinderstation in Buch.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Fußball, selbst Tischfußball, kann die Welt verändern. Zumindest für einen Moment. Einer dieser Momente ist, wenn der kleine Ball mit einem großen Knall ins Tor saust. Dann strahlt das Gesicht, die Augen werden lebendig, so wie beim kleinen Marco* (Name geändert).

Damit diese Freude aufkommen kann, engagiert sich der Schauspieler Paco Schwab als ehrenamtlicher Tischfußballer. Am Anfang musste er sich erst einmal auf das gewisse Ballgefühl einstellen, mittlerweile klappt es ganz gut, findet er. An einem Nachmittag in der Woche kommt er wie heute in die Kinderonkologie des Helios Klinikums Buch.

Dann spielt er mit den Kindern, die fit genug sind nach der Chemotherapie und etwas Ablenkung brauchen. Wenn er mit dem Kind vor dem Tisch steht, sei das auf Augenhöhe. „Aus dem kleinen Patienten wird ein munteres Kind, viel zugänglicher“, erzählt er. Dieses Erlebnis sei für ihn der unbedingte Antrieb, weiterzumachen. Und wieder geht eine Kugel ins Loch. „Tor“ ruft Marco, der am orangefarbenen Tisch vor der Station auf dem Flur steht und für jeden zugänglich ist.

130 Tische wurden bereits deutschlandweit gespendet

Der 34-jährige Schwab ist neben elf anderen Personen ehrenamtliches Mitglied beim Rahnsdorfer Verein „So viel Freude“, der deutschlandweit Krankenhäuser mit kostenlosen Kickertischen auf Kinderstationen versorgt. 130 dieser Turniertische wurden seit der Gründung des Vereins 2017 aufgebaut. Es gibt sie in Lübeck, Kiel, Hamburg, Hannover. 30 stehen in Berlin: zehn in der Kinderklinik der Charité, vier in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Vivantes Klinikum Friedrichshain und etliche in Buch, vor den Stationen und drinnen, dort, wo die Kinder geschützt sind.

„Ein Kicker steht nie lange allein“, das war vor zwei Jahren die Ausgangsidee von Engelbert Diegmann (48), Initiator des Vereins. Dass diese Tische nur in rauchigen Kneipen vorzufinden sind, sei lange vorbei, meint er, heute sähe man sie in Jugendclubs, Schulen und Jugendherbergen. „Kinder mit langer Liegezeit haben so viel verloren. Ihre Welt ist aus dem Lot“, meint Diegmann. „Kickertische können das Spielzimmer ein Stück weit ersetzen.“

Geliefert werden sie von einer bayerischen Firma, allerdings in Einzelteilen. „Das ist preiswerter“, erklärt Diegmann. Dafür müssen die Mitglieder dann ran, um alles zusammenzusetzen. „Gefühlt sind das 1000 Schrauben“, sagt Paco Schwab lachend. 750 Euro kostet so ein Tisch, der Verein ist auf Spenden angewiesen, hat aber mittlerweile prominente Kooperationspartner wie die Deutsche Kinderkrebsstiftung, Paulinchen, eine Initiative für brandverletzte Kinder und die „Sendung mit der Maus“. Wenn es um kranke Kinder geht, weiß Paco Schwab, sei die Hemmschwelle zu spenden niedrig. Diese Schicksale gingen jedem schnell ans Herz, das kennt er schon.

An diesem Nachmittag gibt es einige Unterhaltung auf der Onkologie in Buch. Im Anmarsch sind Mani und Fridel mit ihren roten Knollennasen von der „Clown-Sprechstunde“. Vor ihrer Lustigkeit kann sich wohl keiner schützen, selbst Paco Schwab nicht. Gerade kommt auch die Erzieherin Kerstin Walter aus der Station, zuständig für die tägliche Beschäftigung der Kinder.

Hier in Buch gibt es sogar eine kleine Bühne für Aufführungen. Auf einem Zettel geht sie mit ihm die Namen der Patienten durch. Paco Schwab weiß nun, in welchem Zimmer Action erlaubt ist und er mit seinem mobilen Kickertisch reinrollen darf. Dieser ist so konstruiert, dass er im Bett zu bespielen ist, in der Neurologie gibt es sogar einen Rollstuhl-kompatiblen. Oft sind die Kinder zu schwach, um überhaupt aus dem Bett zu kommen. Doch manchmal vergessen sie ihre Krankheit, wenn sie erst aufrecht am Tisch stehen können, erzählt der Schauspieler mit dem dunklen Haarschopf. Ein Mädchen brauche dringend Ansprache, sie sei schüchtern, habe sich zurückgezogen, erklärt ihm nun die Erzieherin. „Versuche es bitte doch mal“, sagt sie. Auf der Kinderonkologie werden 15 bis 17 Kinder bis zum Alter von 18 Jahren behandelt.

Soziales Engagement liegt bei Paco Schwab in der Familie

Kerstin Walter weiß Paco Schwabs Einsatz zu schätzen, er genießt Vertrauen auf der Station. „Gerade für Jungen
in der Pubertät ist er ein Anker und auch ein Motivator für Bewegung.“ Diese ist bekanntlich bei einer Krebserkrankung sehr wichtig. Männliche Pfleger und Bezugspersonen sind ohnehin rar im täglichen Umgang im Krankenzimmer. Meist sitzen die Mütter am Bett, Krankenschwestern übernehmen die Versorgung. Nicht selten sind die Kinder hier über ein Jahr in Behandlung, isoliert, weil sie aus ihrem (Schul-)Alltag gefallen sind. Wenn aber Paco sich ankündigt, „kommt Motivation auf, es läuft“, erzählt sie. Wer gut mitgespielt hat, bekommt übrigens eine Überraschung: einen Mini-Kicker zur Erinnerung, Hunderte hat der Verein bereits gespendet.

Schwab, der Theaterpädagogik studiert hat, weiß, was Kinder mögen und wie er sie erreichen kann. Derzeit spielt er gerade im Märchen „Zwergnase“ im Theater Morgenstern in Friedenau. Freude weiß er ausdrucksstark in seiner Mimik zu transportieren, besser als jeder andere. Soziales Engagement kennt er von Kind auf, der Vater, die Geschwister sind in medizinischen Berufen tätig, die Mutter immer mit irgendwelchen ehrenamtlichen Organisationen beschäftigt. „Da fragt man gar nicht mehr, warum“, sagt er. „Es ist mir einfach ein Bedürfnis.“ Und mit seiner Schauspielerei kann er das Projekt zeitlich gut arrangieren. Er jedenfalls bleibt dran an den Kickern im Krankenhaus: „Meine Erfahrung ist, dass Kinder, die gekickert haben, am Ball bleiben.“

Der Verein "So viel Freude"

Der Verein „So viel Freude“ (www.sovielfreude.de) wurde im März 2017 als Aktion vom damaligen Bundesvorsitzenden der Deutschen Tischfußballjugend im Deutschen Tischfußballbund (DTFB), Engelbert Diegmann, gegründet. Partner von „So viel Freude e. V.“ sind die Deutsche Kinderkrebsstiftung, die Deutsche Kinderherzstiftung, die Hannelore-Kohl-Stiftung: ZNS sowie die Maus (aus „Die Sendung mit der Maus“). Eine besondere Beziehung verbindet den Verein mit den Kinder- und Jugendpsychiatrien. Neu ist der Entwurf eines Malbuchs, das für Kleinkinder gemacht ist, die noch nicht kickern können. Die Erstauflage besteht aus 15.000 Stück, die an die Berliner Kinderkrankenhäuser Virchow und Buch geliefert wurden. 2018 hat der Verein zudem 200 Mini-Kicker in den Kliniken verschenkt, 2019 sollen es 1000 werden. Engelbert Diegmann, selbst schwer erkrankt, verleiht der Verein Stärke: „Mir gibt es Kraft, wenn wir den Kindern etwas Freude schenken können.“