Sanierung

Bund gibt 1,5 Millionen für die Bekenntniskirche

Mit Hilfe des Geldes vom Bund kann das denkmalgeschützte Gotteshaus in Alt-Treptow renoviert werden.

Pfarrer Paulus Hecker in der Bekenntniskirche. Seit 2003 lebt er im Kiez. Seine Gemeinde ist jung.

Pfarrer Paulus Hecker in der Bekenntniskirche. Seit 2003 lebt er im Kiez. Seine Gemeinde ist jung.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Wenn er nur schnell einen Liter Milch holen will, kann es sein, dass er erst anderthalb Stunden später nach Hause zurückkehrt. Das findet die Familie zuweilen gar nicht toll. Doch jeder möchte etwas von ihm. Er ist der Mann für viele Lebenslagen. Als Pfarrer Paulus Hecker (49) an diesem Tag aus der Bekenntniskirche auf die Straße tritt, grüßen ihn die Menschen, „Hallo, ...“ und „Ich würde gern fragen …“. Es geht der Rentnerin um die nächste Lebensmittelausgabe von „Laib und Seele“ an einem der kommenden Tage. Dabei wollte Hecker, seit 2003 im Kiez, nur geschwind die Einschusslöcher aus dem Krieg an der Kirchenfassade zeigen.

Kulturdenkmal mit einer bewegten Geschichte

Über Hecker und seine Gemeinde in Alt-Treptow ist kürzlich ein Geldsegen gekommen, 1,5 Millionen Euro werden aus dem Bundeshaushalt in die Renovierung des denkmalgeschützten Gotteshauses fließen. Ins Rollen kam die Sache, als Alexander Freier-Winterwerb, SPD-Fraktionsvorsitzender in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) in Treptow-Köpenick, Hecker vermittelte, wo er sich mit seiner Kirche als bundesweit bedeutendes Kulturdenkmal um Mittel bewerben kann. Freier-Winterwerb ist Gemeindemitglied und hat sich vor einiger Zeit von Hecker taufen lassen.

Als Hecker durch das verwinkelte Gebäude an der Plesser Straße führt, sieht man sofort, hier besteht dringender Sanierungsbedarf. Auch die Technik muss modernisiert werden, sonst hat die musikalisch sehr aktive Gemeinde zu wenig Möglichkeiten. Es gibt einen Kirchen-, einen Posaunen- und einen Kinder- und Jugendchor sowie einen Singkreis. Nicht zu vergessen die Singfrösche, die Drei-bis Fünfjährigen kommen mit ihren Eltern. Oben neben der Orgel sortiert eine Mitarbeiterin gerade alte Notenhefte aus. Viele, sehr viele sind über die Jahrzehnte zusammengekommen.

Hecker führt durch das Gotteshaus mit der großen Freitreppe, 16 Stufen führen hinauf zu Gott. Der Pfarrer findet, die Kirche wirke dadurch wehrhaft. Gefühlt geht es überall treppauf und treppab, genau das ist das Pro­blem. „Durch die vielen Stufen ist das Haus nicht für jeden zugängig“, meint Hecker. Einen Fahrstuhl gibt es nicht. „Wie peinlich ist das, gerade wenn ältere Menschen zu uns kommen wollen.“ Der letzte Seniorenkreis scheiterte daran, irgendwann kam nämlich keiner mehr hinauf. Bis zum Mauerfall musste der Hausmeister im Winter jede Menge Kohle treppauf schleppen, um Wärme in die Räume zu bringen.

Die Gemeinde ist jünger geworden

Inzwischen ist die Gemeinde jung: Von den knapp 2000 Mitgliedern sind zwei Drittel unter 50, die stärkste Gruppe bilden die 37-Jährigen, 300 Kinder sind im Alter von vier bis elf. Für Hecker ist das eine Folge des Wandels im Kiez, in den vergangenen Jahren sind viele junge Familien hierhergezogen. „Angebote für Kinder und Eltern werden gut wahrgenommen.“ Vor dem Mauerfall wohnten viele alte Menschen in dem ehemaligen Sperrgebiet. Die Arbeit mit den Generationen macht den Reiz seiner Arbeit aus. Und so probieren Hecker und sein Team schon mal neue Formate, bei der „Haltestelle Gottesdienst“ oder den Kerzengebeten gibt es andere Sitzordnungen, etwa im Kreis mit dem Altar in der Mitte.

Neben dem Einbau eines Fahrstuhls ist die Renovierung des Kirchenraumes und des Gemeindesaales geplant, außerdem müssen die leuchtenden Bleiglasfenster ausgebessert werden. Insgesamt wird die Sanierung drei Millionen Euro kosten. Erste Gespräche mit der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem kirchlichen Bauamt hat es bereits gegeben. In diesem Jahr möchte Hecker anfangen mit der Modernisierung.

Neben Mitteln des Kirchenkreises und einem möglichen Zuschuss des Bezirks bemüht sich die Gemeinde um weitere Finanzierungsmöglichkeiten wie Lottomittel. „Schauen Sie“, sagt Hecker, der in Tiergarten aufgewachsen ist, und zeigt auf eine Wand im Gemeindesaal. Dort hat die Restauratorin mit einem Lederschwämmchen eine winzige Stelle freigelegt, um zu sehen, welche Farbe die Wand im Original hatte. Saniert wird in Etappen, damit die Kirchenarbeit weitergeht.

Das Ungewöhnliche an der expressionistisch angehauchten und 1931 fertiggestellten Kirchenarchitektur ist, dass sie Kirche, Gemeindesaal mit Bühne, Verwaltung, mehrere Wohnungen – darunter die des Pfarrers – und eine Notunterkunft umfasst – die einzige in einer Kirche in den östlichen Bezirken. Eine kleine, schlichte Wohnung mit einem Berg gestapelter Matratzen, an fünf Tagen die Woche finden hier 16 Heimatlose nächtliche Aufnahme. In einem Raum stehen Wäschekörbe mit Utensilien, dort lagern einige „Stammgäste“ das Nötigste.

Es ist eine Kirche mit bewegter Vergangenheit

Sie lag direkt an der Mauer. Die Grüne Partei in der DDR gründete sich hier im November 1989. Zu DDR-Zeiten, so erzählt Hecker, war sie auch eine Enklave für Bürger- und Friedensrechts-Gruppierungen, für Ausreisewillige, die sich für die Demokratie engagierten.

Dieses Vorgehen blieb natürlich nicht folgenlos – ab Mitte der 80er-Jahre hatte die Stasi die früheren Pfarrer im Visier. Pfarrer Werner Hilses Predigten waren oft ein Appell an die SED-Granden, er sprach von Befreiung und Verantwortung. Jeder, der das damals hörte, wusste, was der Pfarrer meinte. Hecker zeigt auf das Haus auf der Straßenseite gegenüber, zweiter Stock, dort hatte die Stasi eine konspirative Wohnung, von der aus die Aktivitäten der damaligen Pfarrer beobachtet wurden. Deshalb hat die Kirche als eine der wenigen in der Stadt eine Stasiakte. „Vorgang Doppelkreuz“ hieß sie, ein Hinweis auf die zwei Kreuze auf dem Dach. Parteipolitische Veranstaltungen beherbergt Hecker heute nicht mehr in seiner Kirche. „Man darf sich“, sagt er, „andernorts frei formulieren.“

Mehr Nachrichten aus dem Bezirk Treptow-Köpenick lesen Sie hier.