Debatte um Kunstfreiheit

Rathaus Köpenick hängt Aktfotos aus Angst vor Beschwerden ab

Das Amt ließ die Werke entfernen. Begründung: Die religiösen Gefühle von Menschen mit Migrationshintergrund könnten verletzt werden.

Rathaus, Köpenick

Rathaus, Köpenick

Foto: dpa Picture-Alliance / Bildagentur-online/Schoening / picture alliance / Bildagentur-o

Es sind zwei Fotos, auf beiden eine Frau. Die eine lasziv, die andere eher zurückhaltend. Was sie verbindet: Beide sind nackt. Und um diese beiden Körper geht es derzeit im Rathaus Köpenick.

Im Rahmen der Ausstellung "22. Fotoklub Forum Berlin" waren diese zwei Aktfotos zu sehen. Kurz vor Ostern mussten sie aus den Fluren im ersten Stock entfernt werden. Die Begründung: Die beiden Bilder hätten zu Beschwerden geführt – von Mitarbeitern und Besuchern. Eine Kundin zum Beispiel habe dem Amt für Weiterbildung und Kultur geschrieben, sie fühle sich an ein Pin-up-Foto in einer Autowerkstatt erinnert, nicht an eine Dienststelle.

>>>Kommentar: Wer Kunst zeigt, muss mit Beschwerden leben können<<<

Und da gab es noch einen Punkt, den das Amt in seine Begründung schrieb: Menschen mit Migrationshintergrund könnten sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen. Dabei gab es keine Beschwerde eines Migranten. Michael Vogel (CDU), zuständiger Stadtrat, sagte der Berliner Morgenpost: "Ich bereue fast, dass wir diesen Teilaspekt überhaupt erwähnt haben, dabei war es von uns nur als Eventualität zu verstehen." Auch für Dilek Kolat (SPD), Senatorin für Integration und Frauen, sollte das kein Grund sein. "Das ist falsch verstandene Rücksichtnahme und ein falsches Verständnis von Integration. Die Kunstfreiheit beinhaltet auch die Freiheit ein Aktbild zu zeigen", sagte sie.

Künstler reagieren mit Unverständnis

Der Hobbyfotograf Wolfgang Hiob, der mit einem Foto vertreten war, kann nicht nachvollziehen, wieso sein Werk zu aufreizend sein soll. "Es ist ästhetisch und harmlos", sagte er der Berliner Morgenpost. Auch sein Kollege Jan Gießmann, Amateurfotograf aus Treptow, versteht nicht, dass jemand Anstoß an seiner Kunst nehme. So also stehen sich die Vorwürfe Zensur und Belästigung gegenüber.

Während Hiob sagt, man müsse sich an der großen Allgemeinheit orientieren, sagt Vogel, dass er genau das getan habe: "Die Flure des Rathauses sind die eines Dienstgebäudes, nicht die einer Galerie." Das ist ein Unterschied, der damit auch den Inhalt bestimmen muss. "Der Besucher einer Kunstausstellung geht bewusst dort rein, weiß, was er zu erwarten hat – unsere Kunden aber sehen sich den Bildern an unseren Wänden unfreiwillig ausgesetzt", sagte er. "Wir mussten reagieren – das ist unsere Aufgabe."

Aber auf was reagieren, fragt Hiob. "Wer Angst vor Schlangen hat und sich über ein Bild einer Schlange in einem öffentlichen Gebäude beschwert, würde doch auch nicht mit einer Zensur durchkommen", sagt er. Aus Protest zogen die Künstler des beteiligten "Colorclubs Treptow" auch ihre Werke zurück. Vogel bedauert das: "Schließlich hatten die anderen Bilder thematisch, auch vom künstlerischen Wert her, nichts mit dem des Fotografen Hiob zu tun." Schon 2010 diskutierte Hiob mit dem Amt, als seine Ausstellung nach nur zwei Tagen vom Rathaus ins Bürgerhaus Alt-Glienicke verlagert werden musste. Aus denselben Gründen. Aber wieso dann nach fünf Jahren wieder dieselbe Diskussion? Die simple Antwort Vogels: "Bei der Hängung der Werke hat der Mitarbeiter schlichtweg nicht aufgepasst."

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