Clubszene

Das lange Sterben des „Kiki Blofeld“

Das „Kiki Blofeld“ in Mitte war ein voller Erfolg - bis zur Kündigung des Mietvertrags. Betreiber Gerke Freyschmidt wollte einen Neuanfang in Oberschöneweide - und scheiterte an den Behörden.

Foto: Jörg Krauthoefer

Clubmacher Gerke Freyschmidt hat die Rückschläge und Kränkungen des vergangenen Jahres nie verwunden. In Oberschöneweide, wo ein Nachtleben bis dahin nicht existierte, wollte er am Ufer der Spree seinen neuen Strandclub etablieren. Doch die Vielzahl von Behördenforderungen, Anträgen und Auflagen bekam er nie in den Griff. Die Voraussetzungen, durch die Berlin zur Partyhauptstadt der Welt geworden ist, seien dahin, sagt der 44-Jährige jetzt.

Sieben Jahre lang hatte er seine Beach-Bar „Kiki Blofeld“ nahe der Köpenicker Straße in Mitte geführt. Von 2004 bis 2011 kam das Partyvolk in Scharen. Der „Marco-Polo“-Berlinführer urteilte knapp: „Klassiker“, die international millionenfach verkaufte Reisebibel „Lonely Planet“ versprach: „Entspannen Sie hier in der Hängematte, chillen Sie am Strandufer, tanzen Sie im ehemaligen Armeebunker.“

Der schlaksige Norddeutsche mit dem einnehmenden Wesen eines erfahrenen Gastronomen und einem arg abgenutztem iPhone leitete seinen Partypark, veranstaltete Tanznächte und buchte Bands. Seine Gäste sollten sich fühlen, als seien sie zu Gast bei einem Freund mit schönem Garten. Bei Freyschmidt gab es auf knapp einem Hektar Fläche Getränke, Bänke im Grünen, Billard, und wer Hunger hatte, bekam eine Pizza. Ein Club, wie man ihn in Paris, London oder New York wohl kaum finden würde.

1000 Euro Miete im Sommer

In der warmen Saison hielt Freyschmidt seinen Laden in Bewegung. Im Winter machte er Pause und arrangierte lukrative Gastveranstaltungen für das kommende Jahr, etwa für Berliner Werbeunternehmen oder die Berlin Biennale mit 5000 Gästen und Bewirtung. Von Juni bis August zahlte er monatlich 1000 Euro Miete. Für die restliche Zeit 800 Euro. „Wenn ein Sommer okay war“, sagt der Clubmacher, „hatte man einen 20-Stunden-Tag.“

Als die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben einen Käufer ihres Geländes fand, erhielt Freyschmidt 2011 die Kündigung. In den folgenden Jahren ging er auf die Suche. „Ich habe immer geguckt, ob man nicht doch noch einmal einen neuen Ort findet“, sagt er.

Ein befreundeter Bootsbauer wies den Sohn eines Marineoffiziers schließlich auf eine wundersame aber interessante Entwicklung im fernen Oberschöneweide hin: Zehn Kilometer die Spree hinunter, so Freyschmidts Bekannter, habe sich Bryan Adams eingekauft. Der Kanadier ist vor allem als Rockstar bekannt. Im verschlafenen Ortsteil Oberschöneweide in Treptow-Köpenick wollte Adams nun Raum schaffen für sein anderes Faible: die Fotografie.

Rockstar als Nachbar

Adams Spreehallen sind Teil des Schauhallen-Areals, das wiederum zu einer gewaltigen Fläche gehört, auf der vor allem die AEG mit Werken für Turbinen-, Kabel- oder Drahtproduktion Ende des 19. Jahrhunderts der Umgebung zum Ruf einer Elektropolis verhalf: einer Stadt der Elektrizität. Thomas Niemeyer, bestens vernetzter Leiter des Regionalmanagements Schöneweide, besorgte den Kontakt und im März 2014 wurde Freyschmidt Mieter eines Abschnitts der verfallenen Reinbeckhallen. Mit einem Rockstar als Nachbarn – was konnte für einen neuen Club da schief gehen?

Unendlich viel, weiß Freyschmidt heute. „Ich hätte das ‚Kiki Blofeld‘ nicht wieder aufmachen sollen“, sagt er.

Freyschmidt mietete für 1200 Euro monatlich 500 Quadratmeter Uferlage, eine 400 Quadratmeter große Partyhalle und 200 Quadratmeter Lagerraum. Doch gleich zu Beginn, sagt er, musste er seinen neuen Veranstaltungssaal für 60.000 Euro ausbessern. „Das war ja eigentlich eine Ruine.“ Die Sanierung der Gebäude hatte der Vermieter für 2015 angekündigt. Danach wollte man den Verbleib des Clubs erneut regeln. Freyschmidt bedauerte das. Er hätte gern eine langfristige Zusage erhalten.

7000 Euro für ein Brandschutzgutachten

Freyschmidt installierte Holzverkleidungen, Fenster, Dachfolie. Das Bauamt Treptow-Köpenick allerdings brauchte dafür einen Bauantrag. Denn es gab die Nutzungsänderung einer bis dahin leer stehenden Halle. Freyschmidt dagegen war davon ausgegangen, dass seine Location bezüglich der Gastronomie bereits alle Genehmigungen hatte. Für ein Brandschutzgutachten wurden 7000 Euro fällig. „Klar, das muss sein“, sagt Freyschmidt. Wehgetan hat es dennoch.

Dann kamen Beanstandungen an der Ausstattung des Clubs. Das Veterinäramt habe die eigens neu angeschafften Trinkwasserschläuche bemängelt, sagt Freyschmidt. „Die meinten, der sei vom Modell her veraltet.“ Wieder 1500 Euro dahin. „Da hat man den nächsten Schock gekriegt und gedacht: Was machen wir denn, wenn wir kein Wasser haben?“

Anwohner beschwerten sich über die Lautstärke

Dann der Ärger mit den Nachbarn. „Bei einer Behörde meldeten sich Anwohner und beschwerten sich über die Lautstärke.“ Freyschmidt begriff die Welt nicht mehr, war doch die Lärmbelastung bereits gemessen worden. Ein Experte hatte in der Nachbarschaft den Schalldruck des „Kiki Blofeld“ gemessen. Anschließend wurde ein Zeitschalter installiert, der die Lautstärke ab 22 Uhr automatisch auf das erlaubte Maß herunterregelt – ein Apparat, der verplombt wird. „Trotzdem kam es immer wieder zu Problemen“, sagt Freyschmidt. „Schon im Vorfeld, noch bevor wir dort überhaupt angefangen haben, sind Anwohner zu allen Ämtern gegangen und haben sich beschwert, dass sie da keine Disko wollen.“

Im Mai 2014 öffnete Freyschmidt seinen Club mit einer rauschenden Partynacht. Der Laden war voll. „Aber die Beschwerden gingen weiter“, sagt er. „Obwohl die Anlage eingepegelt war.“

Beim Deutschlandspiel tauchte die Dame vom Amt auf

Sein Vermieter Sven Herrmann erzählt rückblickend von viel versprechenden Events: „Beim Public Viewing während der WM war das „Kiki“ rappelvoll.“ Da musste es doch jetzt bergauf gehen, dachte damals auch Freyschmidt. Er wurde enttäuscht. „Bei einem Deutschlandspiel mit 500 Zuschauern tauchte plötzlich eine Dame vom Amt auf und sagte, wir hätten hier gar keine Genehmigung, das zu zeigen. Sie werde die Polizei rufen und das Gelände räumen lassen.“ Er habe ihr das dann ausgeredet, sagt Freyschmidt. Die Gema sei doch bezahlt, so sein Argument.

Indes waren die „Kiki“-Unterlagen für die Ämter noch immer unvollständig. „Es fehlte ein Antrag auf Erteilung der wasserbehördlichen Genehmigung für Bauvorhaben in Wasserschutzgebieten“, sagt Freyschmidt und zeigt empört eine Fotografie des Papiers auf seinem Handy. „Ich habe dies befreundeten Architekten erzählt. Die meinten: Für ein entsprechendes Gutachten brauchst du einen Experten. Das kostet dich 10.000 Euro. Da habe ich gesagt: So, jetzt reicht es mir. Das wird mir zu teuer, das lohnt sich alles nicht.“

Freyschmidt räumte im Oktober 2014 das Gelände

Im Oktober 2014 räumte Freyschmidt das Gelände. Neben der „DDR-Mentalität“ der Ämter beklagt er, nie eine belastbare Zusage für den Ort erhalten zu haben, die über den Sanierungszeitraum 2015/16 hinausgegangen wäre. Zudem habe es bei einem mittelmäßigen Sommer oft an Publikum gefehlt. Freyschmidts Experiment, weit weg von den üblichen Szenekiezen eine neue Location zu etablieren, war gescheitert.

Rainer Hölmer (SPD), Baustadtrat von Teptow-Köpenick bedauert das. „Wir hatten sehr begrüßt, dass das „Kiki Blofeld“ zu uns kommt, obwohl wir außerhalb des Clubgeschehens liegen.“ Er erkenne auch, dass jemand, der einen Club eröffnet, „nicht so viel Papierkram will.“ Schuldzuweisungen Freyschmidts an seine Abteilungen aber weist er strikt zurück. „Man kann trotz einer mutigen Neugründung nicht alles Rechtliche außer Acht lassen.“ Freyschmidt habe nie einen vollständigen Bauantrag vorgelegt.

Dabei sei man ihm in Details sogar entgegengekommen. Etwa, als man duldete, dass Freyschmidt ein Transparent, das den Weg zum „Kiki Blofeld“ wies, an ein unter Denkmalschutz stehendes Objekt hängte. „Da haben wir auf ein Ordnungswidrigkeitsverfahren verzichtet“, sagt Hölmer.

In den 90ern konnten Ämter nicht alles nachkontrollieren

„Die Amtsleitung hatte von vornherein erklärt, was sie vom ‚Kiki Blofeld‘ erwartet“, sagt Chefregionalmanager Thomas Niemeyer, der als Wirtschaftsförderer Investoren, Unternehmen und Kreative in den Kiez holt. „Da hätte Herr Freyschmidt eben erklären müssen: Das ist mir zu viel.“

Olaf Möller, Vorsitzender der Berlin Club Commission, die Berlins Ausgehszene repräsentiert, spricht von einem Wandel: „Nach der Wende reichte es, einen Mietvertrag zu unterschreiben, und schon war man Clubbetreiber. Inzwischen geht man nicht mehr so unbedarft an eine Gründung. Man kennt Hunderte von Vorschriften und weiß, was in einem Genehmigungsverfahren alles vorzuweisen ist.“ In den 90er-Jahren, sagt Baustadtrat Hölmer, sei in Berlin so viel passiert, dass Ämter nicht alles nachkontrollieren konnten. Behörden hätten über vieles hinweggesehen. Inzwischen aber geschehe in der Stadt alles auf Rechtsgrundlage. „Die Zeiten ändern sich“, sagt Hölmer.

Im Kiez seien die Menschen jetzt „todtraurig“, dass es das „Kiki Blofeld“ nicht mehr gibt, meint Thomas Niemeyer. Gerke Freyschmidt hat Hunderte E-Mails von Gästen bekommen, die das „Kiki Blofeld“ zurück wollen. Sein Vermieter Sven Herrmann spricht indes von Mietschulden in Höhe von mehreren 1000 Euro. Noch einmal jedenfalls, so Freyschmidt, werde er in Berlin keinen festen Club eröffnen. Die Zeiten ändern sich eben. „Im alten ‚Kiki Blofeld‘“, sagt Freyschmidt wehmütig, „habe ich mit dem zuständigen Amtsmitarbeiter unter dem Apfelbaum gesessen und den Brandschutz besprochen.“ Und wenn der Kontaktbereichsbeamte vorbeikam, habe man mit dem halt einen Kaffee getrunken.

Foto: promo Gerke Freyschmidt