Laserlicht

Berlins schnellster Weg in die Zukunft

Mit Glühbirnen erlangte die Wirtschaft der Stadt Weltruhm. 130 Jahre danach ist es wieder das Licht, das nach dem Tod der alten Industrien eine neue ökonomische Grundlage der darbenden Stadt schaffen kann. Denn die optischen Technologien blühen in der Bundeshauptstadt auf.

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Berlin war spät dran, als im 19. Jahrhundert die Industrie die Welt veränderte. In der Dampfmaschinen-Zivilisation lagen die Briten weit vorn. Der Westen Deutschlands hatte wegen seiner Steinkohle- und Eisenerzvorkommen bessere Karten in der Aufholjagd als die preußische Residenzstadt im märkischen Sand.

Erst nach 1880 setzte sich Berlin an die Spitze der wirtschaftlichen Dynamik in Europa. Kühnen Forschern und Unternehmern ging das Licht auf. Elektrizität und elektrische Beleuchtung wurden zum großen Markenzeichen Berlins. Firmen wie Siemens oder die AEG wuchsen zu Weltkonzernen, weil sie das Licht beherrschten.

130 Jahre danach ist es wieder das Licht, das nach dem Tod der alten Industrien eine neue ökonomische Grundlage der darbenden Stadt schaffen kann. Denn die optischen Technologien blühen in Berlin auf. Kaum irgendwo auf der Welt ist so viel Forschergeist zu diesem Thema versammelt. Praktische Anwendungen revolutionärer Erkenntnisse stehen vor dem Durchbruch.

Licht ist das neue Werkzeug

Es geht jedoch nicht mehr um die Glühbirne wie in Walter Rathenaus AEG, sondern um feinste Lasertechnik. „Licht ist das Werkzeug des 21. Jahrhunderts“, sagt Professor Ingolf Hertel, Direktor des Max-Born-Instituts für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie in Adlershof. Das Photon, also das Lichtteilchen, löse das Elektron, das Elementarteilchen, ab, beschreibt der ehemalige Staatssekretär den Quantensprung, vor dem die Physik steht. „Und Adlershof ist da gut platziert“, sagt Hertel. Professor Günther Tränkle, Direktor des Ferdinand-Braun-Instituts für Höchstfrequenztechnik, hebt hervor, dass es nur in Berlin „die gesamte Stufe für Innovation“ in dieser neu entstehenden Branche gebe.

Vorbei sind die Zeiten, in denen Forscher ohne Blick auf die praktischen Einsatzmöglichkeiten ihrer Erfindungen werkelten. „Es müssen die richtigen Produkte sein, mit denen wir uns von anderen absetzen können“, sagt Prof. Norbert Langhoff, Eigentümer des Institute for Scientific Instruments. Entscheidend sei der qualitative Fortschritt, den die Berliner Forscher erzielt haben: „Der eröffnet große Wachstumschancen für die Zukunft.“ Denn die Berliner sind mit dem Licht in eine neue Dimension vorgestoßen. Wichtiger Bestandteil der Kette ist der Teilchenbeschleuniger Bessy. „Wir haben hier sozusagen eine der hellsten Glühbirnen der Welt“, sagt Professor Wolfgang Eberhardt, wissenschaftlicher Geschäftsführer von Bessy.

Ingolf Hertel erklärt die neue Dimension: Mittlerweile hätten die Forscher das Licht in unvorstellbar winzige Intervalle zerlegt. Diese entsprechen dem Zeitraum, in dem das Licht ein menschliches Haar durchströmt. Zum Vergleich: Licht braucht eine Sekunde von der Erde zum Mond.

Mit Licht der in Adlershof gewonnenen Qualität lassen sich Stoffe durchleuchten, Materialeigenschaften nachvollziehen, Wachstumsprozesse von Pflanzen in der Fotosynthese beobachten, Moleküle anschauen und Viren, die sich an diese andocken.

Die Einsatzmöglichkeiten sind weit gefasst. Was noch wie Science-Fiction klingt, könnte bald attraktiv für die Wirtschaft sein.

Schon heute verkauft Jörg Muchametow mit seiner in Adlershof ansässigen Firma Eagleyard Photonics erfolgreich die im Ferdinand-Braun-Institut entwickelten Laser-Dioden, die nur noch so groß wie ein Sandkorn und vielfältig einzusetzen sind. Zahnärzte desinfizieren damit die Löcher, ehe sie verschlossen werden. In der Kebstherapie wirken Medikamente gegen den Tumor nur genau an der Stelle, wo das Laser-Licht hinstrahlt. Berliner Laser lassen Atomuhren noch präziser arbeiten als heute. Für die Zukunft sagt Muchametow weitere Nachfrage voraus, vor allem in der Analyse von Material. „Sie können damit zum Beispiel am Flughafen sofort prüfen, ob es sich bei einer verdächtigen Substanz um Kokain handelt“, sagt der Unternehmer. Seine Laser könnten aber auch in Zapfsäulen die Zusammensetzung von Diesel und Biotreibstoff genau erfassen und optimal regeln.

Institutsdirektor Tränkle geht noch weiter. Seine Leute arbeiten gemeinsam mit der Bundesanstalt für Fleischforschung an einem Gerät, um mittels Laser Gammelfleisch sofort an der Oberflächenstruktur zu erkennen. Langwierige chemische Analysen wären überflüssig. „Ende des Jahres wissen wir, ob das geht“, sagt Tränkle. Wenn ja, könnte in wenigen Jahren jeder Konsument ein Instrument dabeihaben, um die Paprika im Supermarkt auf Pestizide zu untersuchen.

Milliarden-Durchbruch möglich

Norbert Langhoff setzt hingegen eher auf die medizinischen Einsatzmöglichkeiten der Technik, die Bessy möglich macht: „Sie liefern die hellste Quelle für Röntgenstrahlen“, so der ehemalige Leiter des Instituts für wissenschaftlichen Gerätebau der DDR-Akademie der Wissenschaften.

Für den Wirtschaftsstandort Berlin eröffnen diese Entwicklungen ungeahnte Perspektiven. Denn die Produktion von Prototypen und kleinen Serien hat längst begonnen. Fast unbemerkt haben sich in den vergangenen Monaten bereits Global Player wie Bruker AXS oder Hella KGaA Hueck & Co Standbeine in Berlin aufgebaut und kleine Berliner Licht-Firmen übernommen. „Bruker hat gesehen, dass Adlershof für sie ein echtes Pfund ist“, sagt Langhoff. „Die haben hier sechs Jahre Vorlauf mit enger Kooperation.“ Wegen des innovativen Netzwerkes hat auch Jenoptik seine Fabrik für Halbleiter-Dioden in Adlershof und nicht in Jena gebaut.

Die Branche hat bereits eine gewisse Größe erreicht. Allein im Technologiepark Adlershof arbeiten nach Angaben der Management-Gesellschaft Wista inzwischen 54 Unternehmen in der Photonik und den optischen Technologien, die damit das wichtigste Technologiefeld an Berlins Vorzeige-Standort bilden. In der Region verdienen insgesamt 12000 Menschen in 270 Unternehmen und 30 Forschungsinstituten ihr Geld mit Lasern, Lampen, Glas und Licht.

Die Berliner Licht-Tüftler sind überaus selbstbewusst. „Geben sie uns noch zehn Jahre“, sagt Professor Hertel. „Vielleicht kommt dann der Milliarden-Durchbruch. Wenn das in Deutschland irgendwo möglich ist, dann hier.“