Interview

„Kleingärten wirken wie kleine Kühlschränke“

Fritz Reusswig vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung über die positiven Eigenschaften von Berlins Kleingärten.

Berlins Kleingärten sind gut fürs Klima.

Berlins Kleingärten sind gut fürs Klima.

Foto: Jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Um den wachsenden Bedarf an Schulplätzen zu decken, muss Berlin dringend neue Schulen errichten. Dies geschieht vielerorts auf Kosten des Stadtgrüns. In Tempelhof-Schöneberg werden laut Kleingartenentwicklungsplan 2030 acht der 80 Kleingartenkolonien dem Schulbau weichen – so wie jetzt die Kolonie „Morgengrauen“. Das gehe nicht nur zu Lasten der Kleingärtner, sondern auch auf Kosten eines ausgeglichenen Stadtklimas, wie Fritz Reusswig vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung erklärt. Mit dem Verlust von Stadtgrün gingen auch positive Kühlungseffekte verloren, die die wachsende Stadt Berlin mit Blick auf den Klimawandel dringend benötigt. Reusswig plädiert für den stärkeren Schutz von Grünflächen.

Herr Reusswig, Sie beschäftigen sich im Rahmen Ihrer Arbeit am Potsdam-Institut

für Klimafolgenforschung mit der Entwicklung des Klimas in Städten. Grünflächen wie Kleingärten haben einen positiven Einfluss auf das Klima. Wie groß ist die Bedeutung der Kleingärten aber tatsächlich für das Stadtklima in Berlin?

Kleingärten wirken wie kleine Kühlschränke, verbessern den Luftaustausch und lassen auch den Niederschlag besser versickern – ganz abgesehen von ihren vielen anderen Dienstleistungen für die Stadtgesellschaft.

Welche Rolle spielen dabei selbst kleine Kolonien mit 80 Parzellen wie die Kolonie „Morgengrauen“ in Tempelhof für das Stadtklima?

Lange hat man geglaubt, dass kleine Grünflächen keine Klimawirkung in die Stadt hinein haben. Aber neuere Untersuchungen – zum Beispiel an der TU Berlin – konnten zeigen, dass auch eine Kleingartenanlage von 6,5 Hektar das Klima der direkten Umgebung um 1 bis 3 Grad kühler machen kann – besonders in heißen Sommernächten.

Profitieren Bezirke mit vielen Kolonien von ihren Gartenanlagen?

Gerade die innenstadtnahen Kolonien im sogenannten Berliner Kleingartengürtel lockern den Verdichtungsraum auf und mindern den städtischen Hitzeinseleffekt. Außerdem sind sie oft Teil von Frischluftleitbahnen. Das könnte übrigens auch ein Grund dafür sein, dass die Nachfrage nach Kleingärten in Berlin sehr hoch ist.

Sie haben sich auch mit der „Marienhöhe“ in Tempelhof beschäftigt, an die die Kolonie „Eschenallee“ angrenzt. Sie soll ebenfalls für den Schulbau abgerissen werden. Was haben Sie herausgefunden?

Dass es sich um ein wichtiges Areal handelt. Alle Karten des Berliner Umweltatlas zeigen, dass die Marienhöhe wertvolle klimatische und andere ökologische Funktionen für den Bezirk und darüber hinaus hat. Das sieht man auch auf den Klimafunktionskarten, die der Senat bereits in Auftrag gegeben hat und wahrscheinlich auch auf denen, die derzeit im Rahmen der Überarbeitung des Stadtentwicklungsplans Klima (StEP Klima 2.0) erarbeitet werden. (https://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/)

Was passiert mit dem Klima, wenn immer mehr Kolonien verschwinden? Lässt sich der positive Effekt der Gärten irgendwie ausgleichen?

Je mehr Grün – ob Kleingärten oder Parks oder Bäume – verschwindet, desto stärker heizt sich die Stadt im Klimawandel auf und desto mehr steigt die Anfälligkeit für hitzebedingte Erkrankungen und Todesfälle – übrigens auch für Produktivitätsverluste der Wirtschaft in allen Berufen draußen beziehungsweise in nicht-klimatisierten Räumen. Ein gewisser Ausgleich kann durch Straßenbäume, Dach- und Fassadenbegrünung geschaffen werden. Hier muss Berlin in Zukunft deutlich mehr tun. Aber auch angesichts der weiteren Ökosystemdienstleistungen und ihrer sozialen Funktion kann man Kleingärten damit nicht ersetzen. Ich sehe übrigens ein ganz großes Potenzial im stärkeren Austausch von Urban Gardening – hier ist Berlin ja ganz besonders Deutschlands Hauptstadt – und dem Kleingartenwesen. Beide sozial und kulturell doch sehr heterogenen Gruppen sollten sich zusammentun.

Wo steht Berlin derzeit in Bezug auf seine klimatische Entwicklung? Und wie könnte die Zukunft aussehen?

Seit Beginn systematischer Wetteraufzeichnungen Ende des 19. Jahrhunderts ist die globale Mitteltemperatur um ein Grad gestiegen, in Deutschland sind es 1,6 Grad. Das klingt wenig, ist aber schon sehr viel – und das erleben wir ja auch schon. Wetterextreme haben schon heute deutlich zugenommen. Wenn die Treibhausgasemissionen weiter so stark steigen wie bisher, könnten wir 2100 bis zu 5 Grad mehr bekommen – und noch sehr viel mehr Schäden durch Extremereignisse.

Was bedeutet das für die Menschen in der Stadt?

Städte sind ja ohnehin schon deutlich wärmer als die ländliche Umgebung, weil ihre Gebäude und Straßen Wärme besser speichern, die Verdunstung durch Pflanzen geringer ist und die Frischluftzufuhr unterbrochen. 2018 starben knapp 500 – meist ältere – Menschen durch Hitze in Berlin, in kühleren Jahren sind es etwa 50. Corona hat in Berlin bisher 265 Todesopfer (Stand: 4. November, die Red.) gefordert, an Verkehrsunfällen sterben im Schnitt 60 bis 70 Menschen im Jahr. Wenn wir uns nicht anpassen, wird allein die Zahl der Hitzetoten massiv steigen – zumal auch die Berliner Bevölkerung immer älter wird. Hinzu kommen viele weitere Folgen, wie zum Beispiel urbane Überflutungen durch Starkregenereignisse. Wir haben das in unserer Studie zur Klimaanpassung in Berlin alles aufgezeigt. (AFOK, https://www.berlin.de/sen/uvk/klimaschutz/anpassung-an-den-klimawandel/programm-zur-anpassung-an-die-folgen-des-klimawandels/)

Was raten Sie Städten wie Berlin mit Blick auf den voranschreitenden Klimawandel?

Dass eine wachsende Stadt Wohnungen und Schulen braucht, ist unbestritten. Aber wir müssen uns fragen, ob wir alle ökologisch und klimatisch weniger wertvollen Areale tatsächlich gut genug überprüft haben. Was ist mit den großen versiegelten Parkplätzen, den vielen Flachbauten ohne Dachbegrünung, wo kann man schadloser nachverdichten? Wir brauchen eine verbindliche Stadtklimakarte, die die strategisch unverzichtbaren Grünflächen festschreibt und dort, wo es ausnahmsweise zu Bebauung kommt, klare Ausgleichsregeln festlegt. Das müsste im Rahmen des Kleingartenentwicklungsplans auf Augenhöhe mit den Kleingärtnerinnen und Kleingärtnern ausgehandelt und als eine Art Green Deal festgeschrieben werden. Neubauten ohne integriertes Grün sollte es zukünftig ebenso wenig geben dürfen wie ohne Obergrenzen für CO2-Emissionen. Schließlich ist das Klimaneutralitätsziel in Berlin seit einiger Zeit gesetzlich verankert.