Neue Mitte Tempelhof

Anwohner kritisieren Standort der neuen Polizeidirektion

Schnelle Einsatzwagen, Martinshorn: Darum fürchten Anwohner den Umzug der Polizeidirektion in die Götzstraße 36.

Wolfgang Schulz wohnt in der Felixstraße 14 in Tempelhof. Von seiner Terrasse im fünften Stock blickt er direkt auf die Kleingartenanlage, auf der für die neue Polizeidirektion entstehen soll.

Wolfgang Schulz wohnt in der Felixstraße 14 in Tempelhof. Von seiner Terrasse im fünften Stock blickt er direkt auf die Kleingartenanlage, auf der für die neue Polizeidirektion entstehen soll.

Foto: Julia Lehmann

Das Grün der Kleingärten und Parkanlage, weit und breit kein einziges Hochhaus: Wolfgang Schulz genießt auf seiner Dachterrasse im fünften Stock in der Felixstraße in Tempelhof einen in Berlin selten gewordenen Ausblick. Doch sein Ausblick wird sich womöglich in den nächsten Jahren verändern. Mit dem Stadtumbauprojekt „Neue Mitte Tempelhof“ soll die Polizeidirektion Abschnitt 44 in die Götzstraße 36 verlegt und dort neu gebaut werden.

Ursprünglich sollte auf dem Grundstück eine neue Kita entstehen. Für die Polizeistation soll auch die Kleingartenkolonie „Germania“ mit zehn Parzellen verschwinden. Anwohner wie Wolfgang Schulz sind skeptisch, ob sich eine Polizeidienststelle in der Götzstraße mit Kita, Schule sowie Senioreneinrichtungen in der Nachbarschaft vereinbaren lässt.

Neue Polizeidienststelle: Umbau des alten Gebäudes laut Gutachten nicht ausreichend

Warum die Polizeidienststelle nur wenige Hundert Meter weiter umzieht und komplett neu gebaut werden muss, dafür gibt es Senatsverwaltung mehrere Gründe: Das Gebäude in der Götzstraße 6 sei zu schmal und zu klein, die Laufwege trotzdem zu lang. Laut einem Gutachten befinde sich das 1978 errichtete Haus in einem „erheblich instandsetzungsbedürftigen“ Zustand. Wegen der Fusion mit dem Abschnitt 42 in Schöneberg und dem Personalwachstum, von dem die Polizei ausgeht, reiche es nicht aus, das Gebäude umzubauen und zu sanieren. Es sei schlicht nicht mehr „zeitgemäß“.

Für den Neubau sind zuletzt 17 Millionen Euro eingeplant worden, 150 Millionen Euro für das Gesamtprojekt „Neue Mitte Tempelhof“.

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Anwohner haben „mulmiges Gefühl“

Im Rahmen der Bürgerbeteiligung hatte die Öffentlichkeit – und die Polizei selbst auch – zwar eigentlich für einen neuen Standort am Tempelhofer Damm plädiert. Man entschied sich dann aber doch zugunsten des geplanten Neubaus der Bezirkszentralbibliothek gegen diesen Standort. Nach Abriss der Polizeidirektion kommt das dann frei werdende Grundstück anderen Neubauten zugute. Die Umstrukturierung des Gebiets bringt etwa 500 neue Wohnungen und bis zu 150 Kita-Plätze mit sich.

Ob Kinder-Geschrei oder Martinshorn, für Wolfgang Schulz macht das einen Unterschied. Er ist Vorstandsmitglied der Eigentümergemeinschaft, die aus drei Häusern in der Felixstraße an der Ecke zur Götzstraße und insgesamt 120 Parteien besteht. „Den geplanten Kita-Bau haben wir Anwohner stets unterstützt“, sagt er. Die Polizeistation allerdings bereite ihm und anderen aus der Nachbarschaft ein mulmiges Gefühl.

Viele im Haus hätten ihre Eigentumswohnungen in der Annahme gekauft, dass auf dem Nachbargrundstück eine Kita eröffnen werde. Das geplante Polizeigebäude könnte nun sogar vier Etagen hoch werden, hinzu kommen eventuelle Dachaufbauten wie Antennen. Wolfgang Schulz bedauert freilich auch die dann nur noch eingeschränkte Sicht ins Grüne.

Neue Mitte Tempelhof: Polizeiautos fahren mit hoher Geschwindigkeit

Viel mehr Sorgen bereiten ihm aber die möglichen Folgen einer derart nahen Polizeistation: Wird die Wohngegend weiterhin so ruhig bleiben? Wird es zu gefährlichen Situationen für Kinder und Senioren bei Einsatzfahrten kommen? Er betont, dass niemand grundsätzlich gegen die Polizei sei, allerdings gegen den Standort.

„Schon jetzt konnte ich beobachten, dass Polizeibeamte mit hoher Geschwindigkeit durch die Straße fahren“, sagt Schulz. Die schmale Seitenstraße sei auch deshalb vor Jahren zu einer 30er-Zone geworden, um die Bewohner der Seniorenresidenz sowie der Einrichtung für Menschen mit Behinderung zu schützen. Die Polizisten müssten in Zukunft einen wesentlich längeren Teil der Götzstraße durchfahren, um zur nächsten Hauptverkehrsstraße, dem Tempelhofer Damm, zu gelangen.

„Ich verstehe einfach nicht, warum man die Polizei mitten in die Straße setzt“, sagt Schulz. „Hier wird am Bürger vorbeigeplant.“ Für viele Anwohner unverständlich: Der Bau der Polizeistation sei aus der Gesamtplanung herausgenommen worden, was jegliche Kommunikation über das Vorhaben zum Erliegen gebracht habe, beklagt Schulz.

Anwohner wollen gegen Polizeistation klagen

Eine Gefahrenlage sehe das Land durch die Versetzung der Dienststelle an den neuen Standort nicht, wie eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen sagt. „Die Schulwegsicherung nimmt für die Polizei einen hohen Stellenwert ein“, so die Sprecherin. Den Mitarbeitenden seien die möglichen Gefahrenmomente, gerade im Umfeld von Kindertagesstätten und Schulen, bewusst. „Sie stellen ihre Fahrweise auf die Gegebenheiten vor Ort ein.“ Die Anbindung halte sie für „gut geeignet“. Um die Abfahrt der Polizeifahrzeuge zu erleichtern, könnten einige Parkplätze in der Götzstraße wegfallen.

Martin Momper aus der Felixstraße kritisiert besonders die Tatsache, dass in Berlin erneut Kleingärten für eine versiegelte Fläche verschwinden werden. „Man kann nicht behaupten, Berlin hat eine Klimanotlage und dann Grünflächen tilgen“, sagt der 56-Jährige. Momper zweifelt daran, dass die Prüfung anderer Flächen keinen alternativen Standort ergeben hätte.

Sollte es zum Bau der Polizeidirektion kommen, denke man in der Eigentümergemeinschaft darüber nach zu klagen.

Neue Mitte Tempelhof: Auch Kleingartenkolonie „Germania“ betroffen

Betroffen vom Bau der Polizeistation ist auch Norbert Gieseking, gewissermaßen sogar gleich zweifach. Zum einen wohnt der 77-Jährige ebenfalls in der Felixstraße, zum anderen ist er Vorstandsmitglied des Bezirksverbands der Kleingärtner Tempelhof, der nun den Verlust von zehn Parzellen beklagen muss. Seine Bedenken, die er mehrfach in Schreiben an den Senat formuliert hat, gehen noch in eine ganz andere Richtung: Er fürchtet, dass die Kleingärten abgeräumt werden und dann viele Jahre ohne Nutzung brach liegen. Im Bezirk sei das auch anderen Stellen zu beobachten.

Er stört sich aber gleichermaßen am Bau der Polizeistation. Schon seit mehreren Jahrzehnten wüssten die Kleingärtner, dass das Grundstück, auf dem sich ihre Parzellen befinden, einst eine andere Nutzung erfahren werde. Im Bebauungsplan XIII-209 aus dem Jahr 1978 wurde für den Bereich der Kolonie „Germania“ eine Gemeinbedarfsnutzung festgesetzt. Der B-Plan wurde aber auf Beschluss der BVV Tempelhof-Schöneberg geändert. Er sei nicht mehr zeitgemäß, die Bedarfe hätten sich geändert, so die Begründung.

„Wenn die Fläche für eine Kita genutzt werden würde, würde der Bezirksverband diese ohne Wenn und Aber herausgeben“, sagt Gieseking. Die Kündigung der Lauben könnte schon mit Beginn des nächsten Jahres kommen. Die Pächter sollen laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Ersatzparzellen bekommen.

Polizeiwache kann Sicherheitsgefühl erhöhen

Welche Vorteile eine Polizeiwache in unmittelbarer Nähe haben kann, zeigt die 2017 auf dem Alexanderplatz eröffnete Polizeiwache. Ein erstes Fazit nach einem Jahr machte deutlich, dass die erfassten Straftaten zurückgegangen sind. Polizeipräsenz kann also Kriminelle fernhalten und das Sicherheitsgefühl in einer Nachbarschaft erhöhen. Aus diesem Grund arbeitet Berlin seit ein paar Jahren auch mit mobilen Wachen. Polizisten zeigen so mit Fahrzeugen an Schwerpunktorten mehr Präsenz, sind Ansprechbarpartner für Bürger und können bei Bedarf schneller reagieren.

Philipp Bertram (Linke), Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, stößt sich vor allem an der mangelnden Kommunikation mit den Anwohnern zur geplanten Polizeidirektion. „Die Sorgen der Bürger sind bis heute nicht genommen, weil es keine Diskussion dazu gibt“, kritisiert er. Er halte es grundsätzlich für richtig, den vorhandenen Raum mithilfe des Stadtumbauprojekts besser zu nutzen. Ihm fehle aber eine Stellungnahme der Polizei, die offenlegt, wie viele Einsatzfahrten beispielsweise von der Polizeidirektion ausgehend tatsächlich zu erwarten sind. Es habe zudem nie eine Erklärung gegeben, warum die Polizeistation aus dem Verfahren herausgenommen wurde. „Die Bevölkerung wurde nicht richtig mitgenommen“, so Bertram.

Für Wolfgang Schulz ist es „unverständlich“, wieso die Polizei gerade dort neu gebaut werden soll. Dass er an den Veranstaltungen für die Bürgerbeteiligung mitwirkte, hätte an den Plänen des Senats auch nichts verändert, sagt er. „Man hatte eher das Gefühl, als seien die Würfel schon gefallen.“