Regenbogenkiez

Nachtbürgermeister zieht erste positive Bilanz

Seit März sind „Nachtbürgermeister“ und „Nachtlichter“ im Regenbogenkiez unterwegs, um Streit zu schlichten und für Ordnung zu sorgen.

Bastian Finke (2. v. r.) ist einer von drei im Wechsel arbeitenden „Nachtbürgermeistern“ und am Info-Punkt am Bürgerplatz in Schöneberg, Eisenacher - Ecke Fuggerstraße, anzutreffen. Abu Mohammed (v. l.), Vincent Klawitter und Solo Sow gehören zum Team der „Nachtlichter“ und schlichten im Kiez, wenn nötig.

Bastian Finke (2. v. r.) ist einer von drei im Wechsel arbeitenden „Nachtbürgermeistern“ und am Info-Punkt am Bürgerplatz in Schöneberg, Eisenacher - Ecke Fuggerstraße, anzutreffen. Abu Mohammed (v. l.), Vincent Klawitter und Solo Sow gehören zum Team der „Nachtlichter“ und schlichten im Kiez, wenn nötig.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Berlin.  Seit März ist das Team um den „Nachtbürgermeister“ sowie der „Nachtlichter“ im Schöneberger Regenbogenkiez unterwegs. Bei Konflikten zwischen Anwohnern, Touristen, Barbetreibern und auch alkoholisierten Personen vermitteln sie als Mediator. Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) zog am Donnerstag eine erste positive Bilanz auf dem „Bürgerplatz“ an der Eisenacher- Ecke Fuggerstraße, einer der Orte, die aufgrund von Kriminalität und Drogenkonsum am meisten als problembehaftet im Kiez gelten. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagte Schöttler.

Bis Stand Mitte August dokumentierten die Mediatoren 349 Vorfälle. In fünf Fällen wurde die Polizei zur Hilfe gerufen. In 52 Fällen ging es um öffentliche Streitigkeiten, in 53 Situationen hielten Personen den vorgeschriebenen Mindestabstand nicht ein. Dokumentiert sind auch 85 Gesprächsaufnahmen, die vor allem dazu dienten, um über das Projekt selbst zu informieren. Zehn Impulsgruppen seien gegründet worden, die sich beispielsweise den Problemen am Bürgerplatz widmen und die Kommunikation zwischen den Beteiligten aufrecht erhalten sollen. „Wir reden inzwischen viel mehr miteinander“, sagt Bastian Finke, einer der Nachtbürgermeister.

Regenbogenkiez: Probleme werden in andere Gegenden verdrängt

Es gebe bereits jetzt ein deutlichen positiven Effekt: Insgesamt sei die Zahl der Übergriffe gegen homo- oder transsexuelle Menschen im Regenbogenkiez, ein gerade bei schwulen und lesbischen Menschen beliebtes Ausgehviertel, im Vergleich zum Vorjahr deutlich zurückgegangen, sagt Finke. Einblicke in die Problematik bekomme er auch bei seiner Arbeit für das schwule Anti-Gewalt Projekt „Maneo“. Maneo war auch mit der Besetzung des Teams „Nachtbürgermeister“ betraut worden. Finke ist vor allem am Info-Punkt am Bürgerplatz anzutreffen, informiert über das Projekt und vermittelt bei Bedarf an soziale Träger. Zwar sei es während des Lockdowns im März etwas ruhiger gewesen im Viertel. Inzwischen drängten die Menschen aber wieder auf die öffentlichen Plätze, berichtete Finke. Klar sei aber auch, dass man Probleme zwar schon merklich aus dem Kiez verdrängt habe, diese sich aber lediglich in andere Bereiche der Stadt verlagere. Noch anzugehende Punkte seien auch fehlende öffentliche Toiletten, Müllecken sowie Raser, sagte Finke. Bis zum Ende des Jahres 2021 läuft das Pilotprojekt noch.

Weil durch das Coronavirus ein neues Bedürfnis nach Sicherheit und Hygiene entstanden sei, übernehmen die „Nachtlichter“, die vom Träger Think SI3kommen, neben ihren schlichtenden und vermittelnden Aufgaben nun auch die, im Kiez auf die Einhaltung der Abstandsregeln zu achten. Dabei seien die angesprochenen Personen nur selten aggressiv, sagte etwa Solo Sow aus dem Team der „Nachtlichter“. „Der Ton macht die Musik“, so der 42-Jährige. Soll heißen: Wenn sie den Menschen freundlich begegneten, bleibe die Situation friedlich. Inzwischen hätten sie sich gut etabliert und seien im Kiez bekannt. „Am Anfang hat uns aber keiner ernst genommen“, sagte Sow. Das Team verfolge einen mediatorischen Ansatz, erklärte Iris Uhlenbruch, geschäftsführende Gesellschafterin von Think SI3. „Das klappt gut, weil wir an die Vernunft der Leute appellieren.“

Nur ein Drittel des üblichen Touristenaufkommens

Von einem Erfolg sprach auch Aleksander Dzembritzki (SPD), Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, in der auch die Landeskommission Berlin gegen Gewalt angesiedelt ist. „Gewalt und Kriminalität sind verdrängt“, verkündete Dzembritzki. Der Kiez gehöre wieder den Anwohnern und Gästen. Er könne sich vorstellen, das Projekt, das sich an einem vergleichbaren Projekt in Amsterdam orientiert, auch in anderen Bezirken zu etablieren.

Die Folgen der Pandemie spüre man auch im Regenbogenkiez, sagte Christian Tänzler, Pressesprecher von visit Berlin: „Noch immer haben wir lediglich ein Drittel des touristischen Aufkommens als üblich um diese Zeit.“ Er bezeichnet den Regenbogenkiez wegen seiner schon lange existierenden Party-Szene als „besonders“. Visit Berlin unterstützt das Projekt finanziell, genauso wie die Senatswirtschaftsverwaltung sowie die Landeskommission Berlin gegen Gewalt. Für „Nachtbürgermeister“ und „Nachlichter“ ergeben sich auch deshalb inzwischen neue Aufgaben: So sollen sie noch stärker an einem Konzept für den Kiez arbeiten und die vielen Bars und Kulturstätten auch präsentieren. Ein Anfang ist etwa die „Bartour durch den Regenbogenkiez“, bei der etliche der bekannten und weniger bekannten Lokale des Kiezes besucht werden. Tourguides wie Margot Schlönzke halten zudem jede Menge Wissenswertes bereit. Für den August sind alle Termine bereits ausgebucht. Weitere Termine sind demnächst unter www.regenbogenkiez-berlin.de zu finden.

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