Lichtenrade

Mieter beschweren sich über Zustände in der Nahariyastraße

Defekte Aufzüge, Exkremente auf Spielplätzen: Mieter beschweren sich über die Zustände in der Nahariya-Siedlung in Lichtenrade.

Typischer Häuserblock in der Nahariyastraße in Lichtenrade.

Typischer Häuserblock in der Nahariyastraße in Lichtenrade.

Foto: Julia Lehmann

Berlin. Als die Wohnblöcke in neutralem Grau in den 70er-Jahren gebaut wurden, boten die Wohnhäuser in der Nahariyastraße in Lichtenrade alles, was sich Städter wünschten. Günstige Mieten, gut geschnittene helle Zimmer, Platz für Familie. Heute wird die Nahariya-Siedlung als sozial problematisch eingestuft. Ein von Arbeitslosigkeit und vielen Menschen mit Migrationshintergrund geprägter Kiez. Noch dazu fühlen sich viele Anwohner von ihrer Hausverwaltung, der Ado Immobilien Management GmbH, im Stich gelassen. Zu wenig würde sich diese um Mieteranfragen kümmern, sagen Anwohner. Um Reinhart Kraft, Pfarrer i. R., haben Mieter einen Runden Tisch einberufen und konkrete Ziele entwickelt: Sie wollen, dass die gut 850 Wohnungen von einer städtischen Gesellschaft gekauft werden. Mehr als 400 Mieter haben dafür ihre Unterschrift gegeben. Am Freitag, nämlich beim Neujahrsempfang der SPD-Fraktion Tempelhof-Schöneberg, wollen sie die Sammlung an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) übergeben.

„Die Wohnungen waren mal vorzüglich“, sagt Reinhart Kraft.

Zusammen mit zehn anderen Mietern hat er zum Runden Tisch ins Gemeindezentrum Nahariyastraße der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade eingeladen. Insgesamt kommen seit 2018 etwa 25 Anwohner regelmäßig im Rahmen der Mieterinitiative zusammen. Durch die Fenster schauen die grauen Wohnblöcke, die so typisch sind für das Wohnviertel um Groß-Ziethener Straße 64 bis 104, Nahariyastraße 25 bis 45, Nahariyastraße 40 und Skarbinastraße 78 bis 88.

Das Wohnviertel Nahariyastraße entstand in den 70er-Jahren durch die Kirchengemeinde

Gebaut wurden sie einst durch die Evangelische Kirchengemeinde. Danach gab es Eigentümerwechsel noch und nöcher. Das hätte dem Wohnviertel nicht gut getan, schreibt die Gruppe vorsichtig in ihr Papier an den Regierenden Bürgermeister. Tatsächlich ist die Gemütslage einiger Anwohner aber viel angespannter: „Schon die GSW hat sich nicht mehr gekümmert“, schimpft ein Mann. Gemeint ist die GSW Immobilien AG, ein Unternehmen der Deutsche Wohnen Gruppe, die die Wohnanlage 2007 übernommen hatte.

Und nun? Hätten sich die Zustände mit der Ado Immobilien GmbH, die die Häuser seit 2018 in ihrem Portfolio hat, kein Stück verbessert, sagen die Mieter. Viele der Menschen leben seit Jahren hier, einige sind hier sogar groß geworden. Sie verbinden auch ein gutes Leben mit dem Lichtenrader Kiez. Heute ist eine zum Teil schwierige Klientel hier zuhause: Vor allem Arbeitslose aber auch Menschen mit körperlichen Gebrechen und Erkrankungen leben hier. Und viele Menschen mit Migrationshintergrund. Die Mieten seien mit durchschnittlich 6,60 Euro pro Quadratmeter zwar billig, die Bedingungen dafür aber auch schlecht, sagen die Mieter.

Nahariyastraße: Quartiersmanagement reicht nicht für intaktes Wohnumfeld

Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg strebt ab 2021 ein Quartiersmanagement im Viertel an, dass dazu beitragen soll, den Kiez sozial stabiler und attraktiver zu machen. Das bezirkliche Engagement aber reiche nicht für ein intaktes Wohnumfeld, finden die Anwohner. Die Hausverwaltung müsse die Pflege der Häuser ernster nehmen. Denn der Renovierungsrückstand scheint über viele Jahre und Eigentümerwechsel entsprechend groß geworden zu sein: Immer wieder ist der Fahrstuhl kaputt, sagt etwa Jürgen Lomparski. Für den 70-Jährigen ein nahezu unerträglicher Zustand. Krankheitsbedingt fällt ihm das Atmen schwer. Das Haus zu verlassen, bedeutet für ihn ohne Fahrstuhl, fünf Stockwerke über die Treppen zu überwinden. Seine Sorge ist, dass ihn dies isolieren könnte. „Die Fahrstühle sind ein Problem, das wir alle haben“, ergänzt ein älterer Herr.

Diesen Missstand kritisiert auch Bezirksstadtrat Jörn Oltmann (Grüne) ganz besonders. „Wir setzen Ado unter Druck, die Missstände abzuarbeiten.“ Aus der Kooperation mit dem Runden Tisch der Mieter ist der Bezirk sehr genau über die Situation im Nahariyakiez informiert. Man stehe weiter mit Ado in Kontakt und strebe einen neuen Termin zum Austausch beim Runden Tisch an. In der Vergangenheit hatte Ado einen Termin platzen lassen, berichtet Oltmann. Und auch er würde es begrüßen, wenn sich der Senat „ernsthaft mit der Sache auseinandersetzt“ und über einen Kauf abwäge.

Nahariyastraße: Verdreckte Hausflure und Sandkästen

Die Liste der Mängel lässt sich weiterführen: Im Winter

würden die Fenster durch eindringende Feuchtigkeit beschlagen, berichtet Manuel Berthold, Anwohner der Nahariyastraße. Treppenhäuser seien schmutzig und würden unangenehm riechen. Spielplätze seien verdreckt, berichtet eine Frau. Ihre Kinder würde sie dort schon lange nicht mehr spielen lassen. Zu gefährlich wegen Exkrementen und Glas im Sandkasten. „Das war eine Vorzeigegegend“, sagt die Frau. Doch das habe sich geändert. Schimmel in der Tiefgarage. Gruppen von Trinkern oder „Kiffern“ stören das Bild der schlichten Wohnsiedlung. Viele der Klingelanlagen in den Häusern seien kaputt. Und tatsächlich kann man einige ungehindert betreten. Und bei all dem sei die Hausverwaltung schlecht erreichbar. Viele Briefe und Anfragen blieben unbeantwortet.

Vereinzelt mindern Mieter daher selber ihre Mieten und kassieren dafür Mahnungen. Manuel Berthold ist jemand, der unermüdlich vor Gericht für sein Recht kämpft. Acht von 15 Fällen hätte er gewonnen, in allen anderen habe er sich auf einen Vergleich eingelassen. Und trotzdem würde Ado Mängel nicht beseitigen. Gerade älteren Menschen fehle es an Kraft, lange genug dranzubleiben, meint Berthold. „Ich habe das Gefühl, dass wir rausgegrault werden sollen“, ergänzt ihn ein Mann.

Ado Immobilien: Mängel würden schnellstmöglich behoben

Auf die Kritik der Mieter angesprochen, reagiert die Ado Immobilien GmbH sofort und gibt sich als vorbildliche Hausverwaltung: „Sobald ein Mängel bei uns gemeldet wird, sind wir bemüht diesen schnellstmöglich zu beheben“, heißt es auf Nachfrage. In naher Zukunft wolle man die Dächer in der Nahariyastraße 37, 41, 43 und 45 sanieren lassen. Auch die Modernisierung von vier Aufzügen sei geplant. Die Reparaturen der Fahrstühle dauerten oft lange, weil Ersatzteile schwer zu beschaffen seien, so die Erklärung.

Man arbeite auch an einem Konzept für die Spielplätze, teilt Ado weiter mit. Um die Sicherheit im Viertel zu erhöhen, werde derzeit außerdem geprüft, ob der bereits vorhandene Wachschutz ausgeweitet werden kann. Über den Zustand der Immobilien ist man sich offensichtlich bewusst: „Die Häuser wurden in einem desolaten Zustand übernommen. Seitdem prüfen und planen wir jedoch sukzessive Maßnahmen zur Modernisierung der Objekte.“

Nahariyastraße: Asbest in Wänden und Fußböden

Ein großes Thema ist auch der in Außenwänden und Fußböden verarbeitete Asbest. „Generell wurde in einem Großteil der Berliner Baubestände bis 1981 Asbest verbaut. Seitdem uns die Informationen zu diesen Objekten vorliegen, bemühen wir uns entsprechende Maßnahmen durchzuführen“, schreibt Ado. Für Fußböden von 26 Eingangsbereichen sei deshalb eine Erneuerung geplant. „Weitere Maßnahmen folgen sukzessive“, heißt es weiter. Für gesundheitsschädigend hält Ado das Wohnen aber nicht.

Ob die Unterschriften beim Regierenden Bürgermeister Wirkung zeigen, darüber können auch die Mieter zu spekulieren. „Wir werden nicht die Welt verändern“, sagt Reinhart Kraft. Man wolle für das eigene Viertel zumindest einen Versuch starten.