Schulneubau

Kolonie „Morgengrauen“ 63 Kleingärtner bekommen Kündigung

Schulstadtrat Schworck (SPD) überbrachte den Betroffenen persönlich die Nachricht. Die Parzellen werden für den Schulneubau benötigt.

Hier geht es zu den Kleingärten der Kolonie „Morgengrauen“ in Mariendorf. 63 von 80 Kleingärtnern wurde nun gekündigt.

Hier geht es zu den Kleingärten der Kolonie „Morgengrauen“ in Mariendorf. 63 von 80 Kleingärtnern wurde nun gekündigt.

Foto: Sigrid Carstensen

Berlin. Noch ist es ruhig in den Parzellen der Kolonie Morgengrauen in Mariendorf. So richtig beginnt die Saison erst mit dem Frühjahr. Für viele wird dies vielleicht der letzte Sommer im eigenen Kleingarten sein. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg hat 63 von 80 Kleingärtnern nun offiziell die Kündigung überreicht, laut der bis Ende November dieses Jahres Schluss sein soll.

Für den Bau einer sechszügigen Integrierten Sekundarschule (ISS), die Berlin im Rahmen seiner Schulbauoffensive errichten lassen will, müssen die Parzellen weichen. Der Bezirk prognostiziert ein Defizit von 18 Zügen im Bereich der ISS.

Ihr Schicksal ist der seit knapp 100 Jahren bestehenden Kolonie schon lange bekannt. Der Bebauungsplan der Kolonie in der Eisenacher Straße existiere bereits seit 1972 und sah stets vor, eine Teilfläche bei Bedarf für soziale Bauvorhaben zu nutzen, sagt Sigrid Carstensen. Sie ist erste Vorsitzende der Kolonie „Morgengrauen“ und hat selbst seit 1997 eine Parzelle auf der Mariendorfer Anlage, die nun schon bald verschwinden wird. Immer wenn es im Schulbereich an Platz mangelte, kam ihre Kolonie in den Blick, sagt die 64-Jährige.

In den 60er-Jahren schrumpfte die Kolonie „Morgengrauen“ schon einmal

So war vor mehreren Jahrzehnten bereits die Schätzelberg-Grundschule im Osten der Kolonie entstanden. Das war Mitte der 1960er-Jahre. Im Zuge des Neubauprojekts soll nun auch die sanierungsbedürftige Sporthalle der Grundschule ersetzt werden, die dann auch durch die neue Sekundarschule mitgenutzt wird. Die Baumaßnahme findet sich bereits in den Investitionsplanungen des Landes Berlin.

Dass es nun doch so schnell gehen soll, überraschte einige der Kleingärtner trotzdem, sagt Sigrid Carstensen. Schulstadtrat Oliver Schworck (SPD) überreichte dem Bezirksverband der Kleingärtnern e. V. Tempelhof die Kündigung persönlich. Am 18. Februar (18 Uhr) wird es eine Infoveranstaltung in der unteren Sporthalle der Mascha-Kaléko-Grundschule, Königstraße 32 in Mariendorf, geben. „Ich bedaure die Kündigung sehr. Als Schulstadtrat muss ich aber dem stetig steigenden Bedarf nach Schulplätzen nachkommen“, teilte Schworck mit. Die bestehenden Standorte würden sich nicht mehr erweitern lassen.

Kolonie „Morgengrauen“: Bezirksverband der Kleingärtner reichte Widerspruch ein

Der Bezirksverband der Kleingärtner e. V. Tempelhof hat trotzdem

Widerspruch gegen die Kündigung zum 30. November eingelegt, sagt Norbert Gieseking, Mitglied des Vorstands des Bezirksverbandes der Kleingärtner Tempelhof. Er versteht das Senats-Versprechen des Kleingartenentwicklungsplans 2030 so, dass die Kolonie bis zum Jahresende verschont bleiben müsse. Das sieht auch Sigrid Carstensen so.

Sie spricht für alle betroffenen Kleingärtner und deren Familien, wenn sie sagt: „Mir wird ein Stück Lebensader gestohlen.“ Mit Bedauern denkt sie auch an Flora und Fauna, die sich über all die Jahre in der Gartenanlage entwickeln konnten. Kleingärten seien wichtig für die Pflanzenvielfalt und Biodiversität. Daran zweifelt sicher niemand. „Ich möchte gar nicht daran denken, was mit Frosch und Meise passiert“, sagt Sigrid Carstensen. Neben der großen Bedeutung für die Natur sehe sie auch das große soziale Potenzial, das schwinde: Senioren würden die Wege für Spaziergänge nutzen, Obst verschenken über den Gartenzaun, der grüne Blick für Anlieger.

Eine andere Fläche für den Schulneubau gebe es nicht

Eine andere Fläche, die sich im Besitz des Landes Berlins befinde, sei für den geplanten Schulbau schlicht nicht in Aussicht, ließ Stadtentwicklungsstadtrat Jörn Oltmann (Grüne) wissen. Zudem benötige man stets Flächen mit Baurecht. Weil das Land Berlin viele seiner öffentlichen Flächen in der Vergangenheit verkauft habe, müssten nun Grün- und Spielflächen darunter leiden, ergänzte Bezirksstadträtin Christiane Heiß (Grüne), zuständig für Straßen und Grünflächen. Sie engagiere sich beim Land Berlin deshalb dafür, „Ersatzflächen für die Kleingärtner in größerem Umfang zur Verfügung zu stellen“, so Heiß. Die Pressemitteilung des Bezirks zum Thema ist auf der Homepage einsehbar.

Für Berlin sind etwa 71.000 Kleingärten registriert. Sie machen einen großen Teil des Berliner Stadtgrüns aus, weshalb der Senat vorsah, diese dauerhaft im Stadtgebiet zu sichern. In einem Kleingartenentwicklungsplan 2030 der Senatsumweltverwaltung, der sich noch immer im Entwurfsstadium befindet, aber in diesem Jahr durch den Senat abschließend beraten und vom Abgeordnetenhaus verabschiedet werden soll, ist definiert, welche Kleingärten für Bauprojekte genutzt werden sollen. Er wurde im Jahr 2004 erstellt und bereits zwei Mal hinsichtlich der Schutzfristen erweitert.

7000 Euro Entschädigung pro Parzelle muss das Land Berlin zahlen

Der neueste Entwurf wurde im Frühjahr 2019 präsentiert. Daraus geht hervor, dass knapp 83 Prozent der Gärten gesichert werden sollen. Auch in Tempelhof-Schöneberg sind bis 2030 einige Anlagen geschützt: Darunter der östliche Teil der Albrechtshöhe (Teilfläche), Erholung, Feldblume (Teilfläche), Fröhliche Eintracht, Hansakorso (Teilfläche), Sandwüste, Südring und Maxstraße.

Andere haben nicht so viel Glück: Nach Ablauf der Schutzfrist 2020 müssten nach bisherigem Stand 15 Kleingartenanlagen und drei Teilflächen mit 429 Parzellen verschwinden. Berlinweit müssen darüber hinaus etwa 850 Parzellen bis zum Jahr 2030 für soziale und verkehrliche Projekte geräumt werden. Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg sollen demnach auch die Kolonien Kaisergarten, Wild-West, Eschenallee, Borussia, Feldschlößchen, Hansakorso und Zähringer Korso betroffen sein. Pro Parzelle zahlt das Land Berlin bisher eine Entschädigung von etwa 7000 Euro. Die Entschädigungskosten allein würden sich so auf 5,95 Millionen Euro bemessen.